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Bob Dylan, meine Schwiegermutter und ein alter Hut

22. April 2007
von Olaf Kolbrück

“You better start swimmin, or you’ll sink like a stone” Wenn Blogger und Web-2.0-Evangelisten sich mal wieder so richtig als Avantgarde fühlen wollen, sollten sie einen jener Internet-Fachkongresse besuchen, auf denen die Zuhörer das neue Web für Voodoo oder bestenfalls für faulen Zauber halten. Für die Besucher solcher Kongresse gleicht der Kunde im Internet immer noch dem alten Mütterchen mit dem Einkaufswägelchen, das froh sein darf, wenn es nicht in die Ecke gestellt wird. Vielleicht sollte ich das nächste mal meine 70something-Schwiegermutter auf solch einen Kongress schicken — Bretter runterreißen, die vor den Köpfen hängen. Die unhöflichen Hessen beim Dylan-Konzert in Frankfurt hat sie auch überstanden. Beim Online-Marketing-Gipfel in Wiesbaden (Horizont war Medienpartner), bei denen die Vorträge wie gewohnt zwischen funkelnder Sachkenntnis und Erdenschwere changierten, waren es vor allem die Stimmen des Publikums, die das Grundproblem des Web 2.0 offen legen. Etliche Unternehmer und erschreckenderweise auch Dienstleister haben das Konzept und die Philosophie des Web 2.0 nicht verstanden und verheddern sich obendrein in einer babylonischen Sprachverwirrung. Sie behandeln das Thema, als ginge es um ein neues Betriebsystem: “Wir haben doch schon Web 1.0. Wozu brauch ich denn noch Web 2.0. Ich kann doch jetzt schon alles machen?” Gerade im Marketing wird beispielsweise bei der Frage nach einer weiteren Einbindung des Konsumenten (beispielsweise Blogs oder Bewertungssysteme) darüber nachgedacht, ob dies das Unternehmen will. Das ist die falsche Frage, liebe Brand Manager: Die Frage muss lauten: Will das der Kunde? Und die Antwort lautet: Ja. Vor allem wir er so lange quengeln bis er es bekommt – oder sich neue Marken suchen. Teil der Rückzugsargumentation ist es dann, auf das Alter zu verweisen: Das ganze Web2.0-Gedöns sei nur was für Kids, Teen, Twens, Internetverrückte, Freaks, Studenten, wasweißich (zutreffendes bitte ankreuzen). So reden dann die Ewiggestrigen, die noch an Altersgrenzen glauben und hoffen, dass der Spuk vorbeigeht.. In solchen Momenten werde ich künftig meine 70something-Schwiegermutter empfehlen — als Prototypen des multi-optionalen, hybriden, mehrdimensionalen, altersfreien und webaffinen Konsumenten: Sie hat nicht nur einen Ipod, saugt ihre Musik bei iTunes, brennt mehr Cds als ihre Enkel, sondern betreibt seit Ewigkeiten einen eigenen Blog, und las Don Alphonso schon, als ich das noch für eine Pfarrer-Serie auf Vox hielt. Wahrscheinlich hat sie auch noch eine 22jährige “kontaktfreudige” Avatarin bei Second Life — aber sowas erzählt sie natürlich nicht. Umgekehrt könnte man auch mal ein paar Marketer mit Schwiegermutter zum einem Dylan-Konzert schicken. Nicht zum Auffrischen alter Ideale, oder um mal wieder durch ein paar Grasschwaden zu waten, sondern um auch dort zu sehen, dass es die Zielgruppe nur noch in der Statistik gibt. Nicht weit weg, standen zwar die üblichen Verdächtigen, die auch hier noch ihren Tabak selbst drehen, aber knapp links davon Kids, die dem Alter und der Erscheinung nach eher zu einem Tokio-Hotel-Konzert passen würden. Aber vielleicht ist Dylan auch ein Sonderfall, und der multi-optionale, hybride, mehrdimensionale, altersfreie Fan eh ein alter Hut. Ach ja, weiß jemand, wo es diesen weißen Hut von Dylan zu kaufen gibt, bzw. welche Marke das ist?

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Kommentare zu “ Bob Dylan, meine Schwiegermutter und ein alter Hut ”

  1. Martin Oetting am 22. April 2007 um 20:30 Uhr

    Na sage mal, da hättest Du an meinem Vortrag Spaß haben können, der aber am Freitag stattfand – hab Ausschau gehalten, Dich aber nicht gesehen… Was vielleicht auch daran lag, dass ich nicht genau weiß, wie Du aussiehst… ;-)

  2. Landfrau am 6. Mai 2007 um 20:45 Uhr

    …und den Hut hätte ich immer noch gern! Vielleicht fragen wir mal Mr. Zimmerman.

ivw