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Graben die bloggenden Verlage den Blogs das Wasser ab?

26. April 2007
von

Derzeit gebären die klasischen Medien in Scharen eigene Blogs. Unziemlicher Gedanke aus dem Glashaus: Die Dickschiffe und schnellen Kreuzer der Medienwelt werden mit ihrem Wellenschlag die A-Blogs klassischer Coleur mittelfristig unterpflügen und ihnen die Leser abjagen. Bis auf wenige Top-Blogger müssen sich die Macher in naher Zukunft auf drastisch sinkende Leserzahlen einstellen.

(Disclaimer: Auch off-the-record ist ein Ableger von Horizont. Und auch so mancher (Online-News)-schreibender Kollege hat für diesen Blog eher ein Lächeln übrig)

Man sollte die derzeitigen Blogversuche der etablierten Medien nicht als Weisheit letzter Schluss sehen und auch Projekten wie Westeins der WAZ-Gruppe Zeit gönnen.
Wer glaubt, die Dinosaurier kapieren es nie, der unterliegt einem Vorurteil. Auch die ersten Gehversuche im Internet annodazumal waren ja zuweilen mehr als holprig. Entscheidend ist, dass die Blätter aus ihren Fehlversuchen lernen werden und die 2. und 3. Generation der Blogs deutlich kreativer und intelligenter daher kommen wird. Wenn die Blogs dazu noch mit der nötigen Man-Power ausgestattet sind, könnte selbst Basicthinking alsbald wie eine contentarme Website aussehen.

Warum also sollte der Leser beispielsweise weiter einem selbstgestrickten Katzenblog auf Dauer treu bleiben, wenn ihm ein Medienhaus mit einem eigenen Blog auf diesem Gebiet mehr Unterhaltung und inhaltliche Tiefe bieten kann? Content is king und der Bessere ist der Feind des Guten. Zu recht?

Etlichen Blogs von heute bliebe aus dieser Warte nur noch eine kleine Gruppe von Wechsellesern und eine eingeschworene Prätorianer-Garde an Hardcore-Fans — oder sie haben ein deutlich gegen den Strich gebürstetes Profil wie Don Alphonso.

Eine zugespitzte These womöglich, aber ich bin sicher, dass die Medien hier für mehr Wettbewerb sorgen und die derzeit bestehende Lesergemeinde der Blogwelt in weiten Teilen konvertieren wird. Das werden die Verlage erst recht offensiv betreiben, wenn sie spüren, dass sie mit eigenen Blogs eine weitere und andere Zielgruppe erreichen können, als mit ihrem angestammten Onlineauftritt. Obendrein können sie mit solchen Blogs das eigene Image auffrischen und erweitern.

PS: Dieser Gedanken mag zwar zugespitzt sein, ist aber nicht als pure Provokation gedacht, sondern als Anlaß zu Debatte. Steinigen oder auslachen dürft ihr mich trotzdem.

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Kommentare zu “ Graben die bloggenden Verlage den Blogs das Wasser ab? ”

  1. Burkhard Schneider am 26. April 2007 um 12:29 Uhr

    Hallo,

    auch in diesem Beitrag wird der Blog mit einer Newsseite gleich gestellt. Beim Bloggen kommt es aber nicht nur auf Content, sondern auch auf Networking darauf an. Und hier haben viele Journalisten enorme Defizite.

    Zudem sollte der Long-Tail-Ansatz nicht unterschätzt werden. Vielleicht reicht es ja vielen Bloggern, dass wenige Menschen auf ihre Seite kommen, wenn es die “richtigen Leser” sind.

    Und zudem habe ich den Eindruck, dass Verlage glauben, sie müssten nur viel Content einstellen, um viele Leser zu generieren. Dabei wird vernachlässigt, dass viele Blogger Leser verlieren, wenn mehr als 4 Postings pro Tag eingestellt werden.

    Fazit: Immer mehr Blogger erkennen, wie wichtig der Content-USP ist und widerkäuen nicht nur den dpa-Content, sondern gehen auf Suche nach eigenem, einmaligen Content. Zudem kommunizieren sie mit anderen Bloggern (auch in deren Kommentarbereichen) und sorgen damit für einen fairen Ausgleich aus Geben und Nehmen. Deshalb werden viele Blogger eine rosige Zukunft haben (insbesondere auch, weil sie davon nicht leben müssen). Das kann ich von Journalisten nicht sagen. Viele von ihnen werden immer verkrampfter.

  2. Peter Turi am 26. April 2007 um 12:45 Uhr

    Hallo Olaf, ich habe gar keine Steine.

    Ich glaube an den gegenteiligen Trend: Ein Teil der Blogs wird sich professionalisieren und Tugenden der klassischen Medien übernehmen (jaha, die gibt’s). Dafür werden die klassischen Medien die überlegenen Features der Web-2.0-Welt aufsagen, siehe Tags, RSS und Kommentare bei Focus.de.

    Am Ende, also so in zwei, drei Jahren werden Blogs, Websites und Medien ein großer Plumpaquatsch sein, in dem es alle Sorten von Dons, Olafs, Peters, Ralfs und Matthiases gibt. Sicher ist: die Person,die hinter dem Medium steht, wird wichtiger.

    Z.B. wie bei http://www.turi3.de .

  3. Volker Schütz am 26. April 2007 um 13:40 Uhr

    Lieber Peter, ich glaube nicht, dass bei den klassischen Sites von Medienhäusern – egal wieviel Blog- und Community-Features die einbauen – die Person, die hinter dem Medium steht, wichtiger wird. Hier gilt eher die alte Berti-Vogts-Weisheit: Die Mannschaft ist der Star. Dass man aber auch in einer Mannschaft immer ein paar Wahnsinnige (im positiven Sinne) braucht, die Lust auf Experimente, Neues und Nachtarbeit haben, ist auch klar. Dass dies dann zum Großen Plumpaquatsch führen wird, bezweilfe ich aber: Egal wieviel Blog-, Web3.0- und Community-Features Websites wie Focus.de oder HORIZONT.NET irgendwann mal haben werden – es bleiben Nachrichten- und Journalistengetriebene Webangebote.

  4. Peter Turi am 26. April 2007 um 14:02 Uhr

    Hallo Volker,

    klare nachrichten- und journalismusgetriebene Websites wird’s immer geben. Aber müssen die immer von klassischen Verlagen mit Hochhaus, Kantine und Pförtner kommen? Könnten nicht auch bloggende Journalisten oder journalistige Blogger solche Sites machen?

    We will see. ;-)

  5. Krusenstern am 26. April 2007 um 15:10 Uhr

    Wenn die Mainstream-Medien sooo viele Journalisten bezahlen würden, die sooo viel zeitliche Ressourcen in das sooo teure Recherchieren und Schreiben von sooo guten Beiträgen stecken könnten, und wenn knuddlig-knutliche Eisbären oder gehirnamputierte Champagner-in-Büchsen-Starlets den gesellschaftlich relevanten Themen nicht sooo viel Platz wegnehmen würden – dann müssten die Blogger tatsächlich um ihre Existenz fürchten.

    Zum Glück – oder leider, je nach Sichtweise – ist dies aber nicht der Fall.

  6. Henning Grote am 26. April 2007 um 15:18 Uhr

    Verlage jagen A-Blog Leser ab – ja und?

    Natürlich sind Blogger Rampensäue, um mit Johnny Häusler zu sprechen. Aber sie sind eben auch Rampensäue, die an qualitativen Feedback interessiert sind. So lange kein A-Blogger von reinen Leserzahlen lebt – und da sind wir eben noch weit entfernt von, ist der Rückgang für die Blogger ja noch nicht einmal geschäftsschädigend.

    Angst müssten die Blogger dich erst bekommen, wenn die großen Verlagshäuser neben der in die Blogs verlagerte Contentproduktion auf einmal in der Dialogbereitschaft mit dem Leser Quantensprünge machen.

    Hier punkten doch die Blogs gegenüber den Verlagshäusern. Content+Dialog = gegenseitige Inspiration.

    Nicht die 90% passiven Leser sind für Blogger interessant, sondern die 10% treuen Kommentatoren. Und genau diese Minderheit ist es, die Bloggen auch in der Kommunikationswirtschaft interessant macht: hier entstehen nämlich die Netzwerke von Mavens, auf die Mark Pohlmann so scharf ist. ;-)

  7. Volker Schütz am 26. April 2007 um 15:44 Uhr

    Lieber Peter, manchmal eine Kantine in der Nähe zu haben, ist nicht das Schlechteste. Jedenfalls besser die Tastatur seines Rechners mit dem Käse einer Pizza Arrabiata zu verkleben (habe ich ja selbst jahrelang gemacht). Was ich vorhin noch schreiben wollte, aber wg. des nächsten Meetings nicht machen konnte, ist folgendes: Dass Blogger, bloggende Journalisten, journalistische Blogger, egozentrische Vielschreiber, larmoyante Nachtarbeiter und andere Schwerstarbeiter inhaltlich gute, weil zur Diskussion anregende Site mit Leben füllen können, zeigt jede Linkliste eines x-beliebigen Blogs. Aber ob das dann ein Wir gegen Die, Die gegen Uns, Turi gegen Don, Don gegen Kress etc. sein muss – wer weiß?
    PS.: Wann wird denn Turi3.0. freigeschaltet?

  8. Thomas Knüwer am 26. April 2007 um 16:34 Uhr

    Sorry, aber das ist dann doch zu kurz gesprungen, liebe Horizontler.

    Ein Weblog ist eine Software zur Kommunikation. Und genauso, wie sich “die Word-Nutzer” zu einer Gruppe zusammenbinden lassen, geht das auch bei “den Bloggern” – nämlich gar nicht.

    VIele der Katzen-Blogger (ich hasse diesen Begriff, können wir nicht mal einen besseren finden) haben ihre kleine Leserschaft, weil die Leser den Autoren mögen. Persönlich. Es geht oft nicht darum, eine große Leserschaft zu gewinnen – wenn es klappt, ist das schön, muss aber nicht sein.

    Und auch viele A-Blogger fallen durch ihre Persönlichkeit auf. Das Markenversprechen, das einst Zeitungen und Magazine mitbrachten, liefern heute einzelne Autoren.. Früher standen die meisten klassischen Medien für etwas. Und heute? VIelleicht hat Spiegel online noch dazu beigetragen, dass der “Spiegel” heute von vielen als boulevardesk wahrgenommen wird. Wofür steht er?

    Blogger haben eine Haltung und dafür mögen ihre Leser sie. Können klassische Medien das kopieren? Nur schwerlich. Unternehmensblogs – und dazu zählen Redaktionsblogs – gedeien nur ein einem Umfeld der offenen Unternehmenskultur. Das in dieser Woche bekannt gewordene Privat-Surf-Verbot bei Bauer ist nur ein Beispiel, wie es bei Verlagen zu geht. In solch einer Kultur funktioniert Bloggen nicht.

    Bevor also die großen Medien den kleinen Bloggern ihre Leser wegnehmen, müssten sie sich von Grund auf ändern. Glaubt jemand dran?

  9. Peter Turi am 26. April 2007 um 16:54 Uhr

    Hallo Turi3.de ist erstmal nur eine Fingerübung. Wir haben den Multimedia-Teil – turi2.tv und turipod.de – noch nicht fertig. Aber es wird kommen, wahrscheinlich noch bevor die aufsteigende Sonne ihre Kreise wieder tiefer zieht (noch in diesem Sommer).

  10. Olafkolbrueck am 26. April 2007 um 17:32 Uhr

    Klar, blogging ist for blogs sake. und nur als Zwischenruf: (Ich will da auch noch weiter drüber nachdenken).Warum sollen Verlage nicht in der Lage sein, sich in einen großen Bienenschwarm bloggender Journalisten zu verwandeln oder sich einen anzüchten, um deutlich hybrider zu werden. Ja, eine Glaubensfrage.
    Problematischer für Verlage finde ich folgenden Einwand von Thomas Knüwer. ” Das Markenversprechen, das einst Zeitungen und Magazine mitbrachten, liefern heute einzelne Autoren.” Also die Blogger. Hm. So ein Markenversprechen baut man selbst nicht mit viel Geld mal eben auf.

    by the way. Danke für die sachliche Debatte. Gerne mehr. Ich meld mich Heute abend nochmal ausführlich

  11. Peter Turi am 26. April 2007 um 17:35 Uhr

    Ja, bei Thomas und seiner Argumentation GEGEN die Verlage, frage ich mich auch immer, wann er seinen Arbeitgeber verlässt und selbst zur Medienmarke wird.

  12. Thomas Knüwer am 26. April 2007 um 17:36 Uhr

    Doch, solch ein Versprechen baut man recht flott auf, wenn die, mit denen man verglichen wird, flott abbauen. Vor allem aber haben Blogs einen großen Vorteil: Reagiert der Autor nicht auf Kritik oder Fehlerhinweise, oder hält er seine Qualität nicht, verabschieden sich seine Leser ganz flux. Deshalb ist es auch so schnell möglich, sein Image aufzubauen. Oder abzubauen.

  13. Thomas Knüwer am 26. April 2007 um 17:37 Uhr

    @PeterTuri: Ich werde das HB aber nicht verlassen, auch wenn Sie das selbst immer wieder Glauben machen wollen.

  14. Olafkolbrueck am 26. April 2007 um 17:45 Uhr

    @peter Turi
    Thomas Knüwer ist doch schon eine Medienmarke. (und ich sag das jetzt ganz ohne Süßholz)

  15. Jan Tißler am 26. April 2007 um 17:50 Uhr

    Ich glaube, der Ausgangspunkt der Überlegungen in diesem Artikel ist nicht korrekt. Er setzt unter anderem voraus, dass Weblogs heute eine erfolgreiche Sache sind und Verlage künftig den Weblogs ihre Leser abjagen werden. Fakt ist zweierlei:

    1. Die meisten Weblogs haben derzeit kaum Leser zum Abjagen. Und das nicht, weil sich die Blogger zu dumm anstellen, sondern weil es sie meist schlichtweg nicht sonderlich interessiert. Weblogs entstehen vielfach aus einer sehr persönlichen Motivation heraus und haben keinen Masterplan. Entsprechend sind Erfolge eher zufällig und unbeabsichtigt. Das würde sich ändern, sobald in großem Maßstab nennenswerte Einnahmequellen zur Verfügung stünden.

    2. Weblogs können nicht künstlich nachgemacht werden. Um mal das Beispiel Robert Basic aufzunehmen: Worum geht es denn auf diesem “A-Blog”? Es geht um das, was Robert Basic interessiert, was er entdeckt und was er dazu meint. Kein professioneller Journalist und kein noch so großer Verlag kann das jemals nachahmen. Robert Basic hat seine Leser, weil sie sein Weblog so mögen, wie es ist. Was ein professioneller Verlag macht, wird immer anders sein – und daher kein Konkurrent.

    Ergo: Solche Weblogs wie heute wird es immer geben, egal was an anderen Ecken des Internets geschieht. Es wird bloggende Journalisten geben, die die Zeichen der Zeit erkannt haben, und die neuen Möglichkeiten nutzen, um ihre eigenen Medienprojekte hochzuziehen. Es wird Blogger geben, die sich professionalisieren. Und es wird Verlage geben, die Newsseiten abseits des Mainstreams machen und damit Erfolg haben.

    Wie so oft gibt es hier kein “entweder oder”. Es ist noch genug Platz im Internet und trotz aller Euphorie steht das Medium ganz am Anfang.

  16. Florian Steglich am 26. April 2007 um 19:17 Uhr

    Schöne Diskussion hier, genau mein Ding :)

    @Jan: Ich glaube nicht, daß Olaf hier ein Entweder-Oder-Faß aufmachen wollte. Und er hat auch nicht (@Thomas) alle Blogs in einen Topf gerührt, sondern schreibt von A-Blogs klassischer Couleur (daß es die wiederum so homogen gibt, glaube ich auch nicht).

    Es ist auch für die These eigentlich gar nicht wichtig, ob die Blogger, deren Leserzahlen evtl. schwinden werden, sich für Leserzahlen interessieren oder nicht, ob sie professionell sein wollen oder nicht. Und schließlich (wieder @Jan): Man kann ja davon ausgehen, daß Blogs zukünftig auch zahlenmäßig erfolgreicher werden, insofern stören heutige Zugriffszahlen nicht wesentlich die These.

  17. Florian Steglich am 26. April 2007 um 19:24 Uhr

    (Oh, da war ich zu schnell mit “Speichern” – es geht weiter:)

    Ich finde die Gegenargumente zur These interessant. Wir haben da:

    * Das Masse-gegen-Klasse-Argument: Nicht viele Leser sind wichtig, sondern “die richtigen” (zum Beispiel die gebildeten, die nicht auf Boulevard und Knut stehen); deshalb können Blogs auch bei geringen Leserzahlen Meinungsmacher sein; und Blogs können sich in Nischen festsetzen (Long Tail) und dort (verhältnismäßig) erfolgreich sein.

    * Die Turi-These: Nicht Medien werden Blogs, sondern Blogs werden Medien. Heißt: Blogger (nicht die Masse, sondern die professionell ambitionierten) werden professioneller, ggf. journalistischer und dann erfolgreicher auch in Zahlen.

    * Die Menschliche-Marke-These: Die Persönlichkeit hinter dem Medium (egal ob Blog oder nicht) wird wichtiger, sagt Turi; und ein Markenversprechen, das früher traditionelle Massenmedien mühsam aufgebaut haben, kann heute eine einzelne Persönlichkeit relativ schnell aufbauen, sagt Thomas Knüwer.

    * Eng damit verwandt: Das Rückgrat-Argument: Blogs leben von ihrer Meinungsstärke und persönlichen Haltung. Eine vergleichbare Haltung werden traditionelle Medien oder deren Blogs nicht hinbekommen.

    * Und schließlich das Vernetzungsargument: Blogs leben vom Dialog mit den Lesern und der Vernetzung mit anderen Blogs. Beides werden traditionelle Massenmedien oder deren Blogs nicht hinbekommen.

    Habe ich was vergessen?

  18. Jan Tißler am 26. April 2007 um 20:31 Uhr

    @Florian: “Die Dickschiffe und schnellen Kreuzer der Medienwelt werden mit ihrem Wellenschlag die A-Blogs klassischer Coleur mittelfristig unterpflügen und ihnen die Leser abjagen.” halte ich für eine solche “entweder oder”-These. Und die ist aus meiner Sicht nicht stimmig, weil hier Äpfel mit Birnen verglichen werden.

    Klassische Weblogs sind eine eigene Gattung, Bloggen ist aus meiner Sicht eine eigene Stilform.

    Genauso könnte man auch fragen: Wird die Reportage die Kurzmeldung unterpflügen? Oder wird der Roman den Leitartikel unterpflügen? Es passt nicht. Es sind unterschiedliche Welten und werden es bleiben.

    Was man fragen könnte nach meiner persönlichen Meinung: Wer füllt die Lücke, die derzeit zwischen Weblogs und den Angeboten klassischer Medien im Internet klafft?

    Denn es gibt derzeit zwei Seiten. Zum einen die Blogger, die zwar ein gutes Gespür für die Mechanismen des Internets haben, aber i.d.R. nicht wissen, wie man ein erfolgreiches Medienangebot aus dem Boden stampft oder denen die personellen und finanziellen Mittel dazu fehlen. Auf der anderen Seite gibt es Verlage mit ihren Redaktionen, die zwar schon zahlreiche Medienangebote aus dem Boden gestampft haben, aber selten das rechte Gespür für die Mechanismen des Internets haben.

    Wer stößt in diese Lücke? Ich denke: beide.

  19. Florian Steglich am 26. April 2007 um 21:20 Uhr

    @Jan: “Klassische Weblogs sind eine eigene Gattung, Bloggen ist aus meiner Sicht eine eigene Stilform.” – Okay, aber wieso sollte diese Gattung und Stilform nicht unter dem Dach eines traditionellen Massenmediums möglich sein?

  20. Christian am 26. April 2007 um 21:24 Uhr

    Hallo zusammen,

    eine sehr schöne Diskussion ist das hier.

    Meine Meinung zum Eintrag ist “ja” und “nein”. Ja, klassische Medienunternehmen werden sicherlich verstärkt auf Blogs setzen. Für mich sind Blogs die erste, dem Medium Internet angemessene, Form des “Journalismus” (im weitesten Sinne): Der persönliche, kurze und mit Links zu weiteren passenden Inhalten sind DAS Format für den Online-Journalismus. Im Moment wird zu oft ein Möchtegern-Print-Text als Onlinetext verkauft. Doch online lese zumindest ich anders und den Blog empfinde ich als Antwort auf diese Lesegewohnheiten. Und das werden auch die klassischen Medienhäuser erkennen. Ob Blogs dabei von Einzelpersonen oder Gruppen von Redakteuren geschrieben werden, spielt keine Rolle – zumindest nicht für mich. Der Blog ist die Marke, nicht der Blogger – so wie bei anderen Medien auch.

    Aber: Nein, Blogger müssen deshalb keine Angst um ihren “Job” haben. Denn “normale” Journalisten können nicht bloggen. Sie können nicht, weil sie nicht wollen. Weil klassische Journalisten ihren Lesern keine Fragen stellen, sondern Aussagen tätigen. Sie wollen keine Diskussion, denn sie haben ja so gut recherchiert, dass sie recht haben – das meinen sie zumindest. Solche Redakteure können nicht bloggen. Und deshalb werden die Verlage Blogger engagieren und nicht ihre Redakteure zu Bloggern machen. Und deshalb blüht einem guten Blogger eine sehr positive Zukunft. Auch Ihnen, Herr Kolbrück.

  21. olafkolbrueck am 26. April 2007 um 23:21 Uhr

    Vorneweg: Ich bin überrascht wie breit, ernsthaft, ausführlich und in Teilen unterschiedlichen Positionen meine These behandelt worden ist. Mich hätte auch nicht gewundert, wenn diese nach Ewiggestrigem klingende Hypothese mit einem „jetzt issser bekloppt geworden“ abgewunken worden wäre. Nicht überrascht bin ich indes davon, wie kompetent und leidenschaftlich ich von allen Seiten auseinandergenommen wurde.
    Zeitungen, die mit eigenen Blogs um die Leser der Top-Blogs buhlen und Leser abjagen. Die „paar“ Leser? Ja. Diese Leserzahlen, dieser „Markt“ dürfte als erstes Begehrlichkeiten wecken, wenn am Ende des Tages der Wettbewerb um jeden einzelnen Leser zum Häuserkampf wird. Dann werden die Medienhäuser das auch zumindest versuchen.
    Ich glaube auch, dass es künftig Leser geben wird, die froh über eine einfache zentrale Anlaufstelle sind auf der sie dann auch Blogs finden. Mit zunehmender Akzeptanz von Blogs wird es auch mehr von diesen bequemen Lesern geben. Mein Denkfehler: Der von mir dabei mitgedachte Leser, der dereinst beim Verdauungspäuschen nach dem Kantinenessen seine drei, vier Blogs für – um ein Beispiel zu nennen- Meinung, Wissen, Abseitiges und Voyeurismus lesen will und es ausreichend findet, wenn seine Standard-Online-Auftritt ihn damit zufriedenstellt, ist weit enfernt vom heutigen Blogleser.
    Das laute „Nein, das können die Dinsosaurier nicht“ in dieser Debatte zeigt zudem, wie sehr die Zeitungen mittlerweile an Reputation verloren haben. Das klingt nicht so, als hätten die Medien überhaupt eine Chance verlorene Leser zurückzuholen.
    Dennoch glaube ich weiterhin, dass auch Mainstream-Medien und „Nischenverlage für Kleintierzüchter“ sich soweit wandeln können, dass sie dereinst in Fülle guter Blogs bieten. In Einzelfällen tun sie das schon heute. Warum sollten Verlage nicht noch mehr unique, individuelle Autoren aufbieten können?
    Am Ende könnte deshalb die Wahrheit wie so häufig in der Mitte liegen. Den etablierten Medien gelingt es – ich bin Optimist – eine nachwachsende Generation mainstream-orientierter Blogleser zu erreichen. Den Blogs von heute kann das egal sein. Um es in der Fußballersprache zu sagen. Ein Fan von Mainz wird nicht für Schalke jubeln, nur weil die in der Tabelle weiter oben stehen oder das größere Stadion haben.

  22. Florian Steglich am 26. April 2007 um 23:27 Uhr

    Als Mainzer danke ich Dir für diesen Vergleich von 05 = coole Blogsau und Schalke = schwerfälliger Verlagsdampfer :)

  23. OliverG am 27. April 2007 um 15:02 Uhr

    Kein Problem, Blogger scheinem in ‘das Blog’, Verlage und Firmen in ‘den Blog’. so kann man irgendwann ganz simpel filtern. [ironiezeichen gelöscht ]

  24. Martin Oetting am 29. April 2007 um 19:27 Uhr

    Ich komme ja reichlich spät zu dieser hippen Party… Massenmedien, die mit Blogs anfangen, haben einen schönen Vorteil: sie können sozusagen mit Nachbrenner durchstarten.

    Als ich mit meinem Blog anfing, hat es ungefähr 18 Monate gedauert, bis ich nennenswerte Kommentare bekommen habe. Und auch heute ist die Aktivität der Leser meist noch eher zurückhaltend (wenn ich nicht grade Ehssan Dariani auf dem Klo interviewe…). Hier auf diesem Blog ist bereits wenige Tage nach dem Start richtig Action, und das liegt vielleicht auch daran, dass man das Ding 1.) mit Traffic aus dem Printtitel subventionieren kann – das hat doch mit der von Matt-YouTube-Geschichte sicher bestens geklappt, oder? – und 2.) natürlich auch Begehrlichkeiten entstehen, weil es manch ein Marketingblogger eben auch spannend findet, hier eine direkten Draht zu einem Massenmedium zu finden.

    Blogger, die “von unten” kommen, sind auf zwei Arten Traffic angewiesen: über andere Blogs, die anfangen, sie zu verlinken, und dann über Google. Massenmedial verankerte Blogs können sich ihren Traffic von einer weiteren Stelle direkter holen, und das sollte man nicht verachten. Denn die Mär, dass es einem Blogger egal ist, ob er Traffic auf dem Blog hat oder nicht, die glaube ich einfach nicht. Ob man sich das nun eingestehen will oder nicht – wer bloggt, ist Selbstdarsteller. Und als solcher will man Publikum.

    Abschließend zu ‘die können das nicht’: ich war von Anfang an erstaunt, wie absolut blogmäßig2.0ig Olaf hier schreibt – oft auch sehr kritisch gegenüber denen, von denen die Horizont lebt. Warum sollten das andere Journalisten nicht auch hinbekommen?

  25. OliverG am 29. April 2007 um 21:45 Uhr

    Könnte es sein, dass Können kein Problem ist, sondern Dürfen? Ich hörte heute von einem großen deutschen Verlagshaus, in dem Journalisten keine eigene Homepage haben *dürfen*. Also auch das Bloggen nicht draußen’ üben können. Da kommen dann beim “Pflichtbloggen” erst mal ein paar distanzierungsbewegungen (wie bei der WAZ: “Blogwart”, ha, ham wir gelacht).

    These: ‘Blogger wollen viele Leser’
    Ich red ja immer mal mit a-Bloggern. Die entwicklen ne ganz eigene Paranoia der Vereinnahmung und müssen oft aufpassen, was sie in den Kommentaren schreiben. so ab 1000 Visits/Tag setzt der Usenet-Troll-Effekt ein. Der ist nicht schön.

    These: Professionalisierung
    Man gucke halt mal, wie viele Profikommunikateure (nicht nur Journalisten) sich in den ‘Köpfen’ des Long Tail rumtreiben… was denn für eine Professionalisierung? Die Profis bloggen längst.

    These: Abjagen
    Ehm, Long Tail, gell? Nische. Je dicker der Kopf desto länger der Schwanz.

    Wenn die Zeitungen/MSM was tun, dann, das wort ‘Blog’ populärer zu machen. Danke. Wobei ich höre, dass Regionalzeitungen ihre UGC-Maschinen lieber ‘Tagebücher’ nennen. Tjä. Journal-isten. Tagebuchschreiber.

    Und: Superviele haben das Wort Blog schon gehört (und kennen Wiki nur als “Wikipedia”). D.h. aktuell ist wirklich die Minderzahl der Klicker auch nur ansatzweise zweinullisiert. Das sieht nur von hier so aus, als wisse jede/r Bescheid.

    Merke: “Zweinull” ist keine Technik, es ist eine Denkweise. Wohl dem, der die Erlaubnis zum Denken hat.

  26. medienblogger am 30. April 2007 um 01:41 Uhr

    Ich meine gesehen zu haben, dass jetzt auch der Chefredaktuer der Welt bei Welt Debatte mitbloggt. Oder so.
    Ein Blick auf viele Verlags-Weblogs zeigt mir persönlich aber eher, dass dort wenig kontinuierlich gearbeitet wird, sondern vielleicht eher nach dem Motto: “Wenn Zeit bleibt” oder “Hab grad nix besseres” zu tun. Das sind meiner Ansicht nach nicht gerade die besten Voraussetzungen um Weblogs das Wasser abzugraben.

    Am ehesten wird es meiner Meinung nach eine Annährung geben. Kann ja auch beides nebeneinander existieren. Vielleicht ist das typische für ein Weblog ja, dass eben keiner im Hintergrund steht (Verlag, Redaktion), der die Inhalte bestimmt, überprüft, diskutiert, sondern dass die Diskussion erst danach stattfindet.

    Oder wie auch immer. Interessant ist die hier aufgeworfene Fragestellung auf jeden Fall. Schöne Diskussion.

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