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“Wo seid Ihr?” oder Bloggen ohne Bischofsstab

6. Mai 2007
von

Bahnt sich schleichend ein Einstellungswechsel in der Blogosphäre an? Weg von der geliebten Bauchnabelschau, hin zu einem Blick auf das große Ganze? Anzeichen gibt es. Beispielsweise bei Robert Basic. Entsprechende Forderungen auch. Ausgerechnet aus den Printmedien.

So fordert Harald Staun heute in der “FAS”:

Es wäre an der Zeit, dass sich im langen Schwanz der deutschen Blogs auch Partikularinteressen jenseits von Alltag und Technik einnisten; dass sich ein paar Blogger finden, die sich nicht nur an Kochrezepten und Youtube abarbeiten, sondern an abseitigen Themen wie dem Klimawandel, dem Theater, der SPD oder der deutschen Außenpolitik.

Nun könnte man Staun antworten, mit ein bisschen Google und Technorati hätte er auch ausreichend Blogs gefunden, die sich mit derartigen Themen beschäftigen. Hier gibts zum Beispiel ein INSM-Watchblog. Nur erreichen solche Blogs eben nicht so viele Leser wie die digitale Boheme.

Aber, mal im Ernst: Klimawandel geht ja noch. Nur wer möchte was über die SPD oder deutsche Außenpolitik lesen? Und wer möchte darüber bloggen? Blogger bloggen schließlich zum Spaß und aus Interesse. Und ich will jetzt hier keine Grundsatzdebatte lostreten, aber Blogging über den Alltag ist ja auch schon Politik. Und so ganz unpolitisch ist die Bloggerszene nun nicht. Was stört, das wird auch gebloggt.

Vielleicht aber geht es Staun auch darum, dass die Bürger von Klein-Bloggersdorf ihren medialen Einfluß mehr in die Waagschale werfen: für wichtige Themen, für das Agenda-Setting, für eine bessere Welt, als Sprachrohr für die Unterdrückten und für noch ein paar große Gedanken, die der eine oder andere Journalist womöglich im Kopf hatte, damals als er als Praktikant bei der Zeitung anfing.

Natürlich ist das alles gut und richtig. Nur, sollen also, wenn schon die Journalisten in der Ausgewogenheit feststecken, die erfrischend subjektiven Blogger für neue Beweglichkeit sorgen?

Geht es auch zunächst eine Nummer kleiner? Die Welt retten kann man dann später vielleicht immer noch.
Mir gefällt der Ansatz von Robert Basic – in der Hoffnung, dass ich ihn nicht überinterpretiere – im Interview-Blog sehr gut:

“Und, ich versuche das Dingens mit dem Bloggen ein Stück weit weiterzudenken. Wie man damit auf globaler Ebene Menschen besser miteinander zusammenbringen kann, um das gegenseitige Verstehen und auch Akzeptieren fremder Kulturen zu steigern. Das Blog als Waffe, die eben keine Menschen umbringt oder unterdrückt, auch ne Variante, eine mir viel liebere Variante des Zusammenlebens sozusagen:)”

Reicht doch. Das finde ich auf Blog-Ebene weitaus sinniger, als den 4711ten-Kommentar über deutsche Truppen am Hindukusch zu versenden.

Und sonst: Was ist mit dem Einfluss der Blogger, Menschen in Bewegung zu setzen, Fehlentwicklungen zu stoppen, Meinungen zu machen? Geballte Blogger-Kraft im Dienst der guten Sache? It depends, würde der Brite sagen. Kommt vor, gibt es, aber um Himmelswillen sollte man keine Maxime daraus machen. Schließlich fällt auch nicht jede Aktion ala “esst mehr Obst” in Klein-Bloggersdorf auf fruchtbaren Boden. Denn in der Regel ist die Blogger-Welt zu heterogen, als dass sich da eine ständige virtuelle Montagsdemo ableiten ließe. Und eigentlich wollen Blogger ja auch gar nicht den politischen Bischofsstab rausholen. Wenn ein Thema dann doch an Fahrt und Relevanz gewinnt – gut. Wenn nicht – auch okay.
Vor allem tendiert ihr Einfluss auf die Couch Potatoes und Gelegenheits-Online-Nutzer dieser Welt in der Regel eher gegen Null, so lange ein Thema nicht im Relevant Set dieser Gruppe ist.

Dafür müssen Blogs aber nun nicht wie Peter Turi meint, hin zu “handwerklich sauberer, professioneller Informationsvermittlung, die eine Alternative zu den etablierten Medien” darstellt. Dann sähen sie auch nicht anders aus wie die Online-Printmedien heute.
Nein, die Stärke die Blogs bleibt der Alltag, die Subjektivität, das unfertige, das Gonzo-Hafte. Das ist am Ende des Tages auch Politik. Macht aber mehr Spaß.

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Kommentare zu “ “Wo seid Ihr?” oder Bloggen ohne Bischofsstab ”

  1. Postbote am 6. Mai 2007 um 21:01 Uhr

    Spaß + Welt verändern? Hier ein Beispiel: http://postbotenforum.ning.com/ Auch ein Blog, aber nicht nur.

  2. Christian am 6. Mai 2007 um 21:03 Uhr

    Dem ist nichts hinzuzufügen. Kommentarbereich bitte schließen:-)

  3. Roland Kühl v. Puttkamer am 6. Mai 2007 um 23:20 Uhr

    Bevor ihr diesen Kommentarbereich schließt ;-)
    Kürzlich schrieb ich in einem ähnlichen Zusammenhang:
    “Bloggen ist eben keine Strategie, keine Taktik und kein Marketing. Es ist der geschriebene Gedanke, der gelegentlich seine Anhänger und Gegner findet. Es ist Kommentar und Meinung ohne Ankündigung. Das ist ein Markt und dieser ist öffentlich.”

  4. rene am 6. Mai 2007 um 23:25 Uhr

    Blogs sind kein „Markt“, das ist Unsinn. Blogs sind ein Kommunikationswerkzeug, nicht mehr, nicht weniger.

  5. Tobi am 6. Mai 2007 um 23:25 Uhr

    Weißt Du, wie gut Blogs wie Bittner bei der Zeit besucht werden? Ich finde ihn immer interessant…

  6. kakoii am 6. Mai 2007 um 23:26 Uhr

    Uiuiui .. aber die Schlussfolgerung des Artikels und die Aussage “die Stärke die Blogs bleibt der Alltag, die Subjektivität, das unfertige, das Gonzo-Hafte” lässt einen wieder schnell an der Aussage Jean-Remy von Matts sein, dass Blogs die “Klowände des Internets sind”. Denn, das ist am Ende des Tages auch Politik, macht aber mehr Spaß” ;-)

  7. Tobi am 6. Mai 2007 um 23:46 Uhr

    Ich meinte natürlich das Kosmoblog…

  8. Jochen Hoff am 7. Mai 2007 um 07:54 Uhr

    Lach. Ich habe immer ein schlechtes Gewissen wenn ich mal was blogge, was nicht Teil meiner Auseinandersetzung mit der Politik ist. In den drei Jahren in denen ich das mache, hat Staun mich nicht gefunden.

    Das ist halt so. Aber Information ist Holschuld. Er soll sich mal durch meine Blogroll bewegen, dann findet er genug.

  9. Zeitnehmer am 7. Mai 2007 um 09:48 Uhr

    Kann nur zustimmen. Ich kann dieses Gerede von “Blogs müssen qualitativ besser werden” nicht nachvollziehen. Es gibt professionelle Blogs, die mit großer Ernsthaftigkeit und Energie betrieben werden und denen journalistische Standards völlig wurscht sind. Weil es darum bei Blogs nicht geht. Wenn ich Nachrichten will kauf ich ne Zeitung, oder geh auf die entsprechenden Online-Angebote. wenn ich Geschichten, Anregungen, Meinungen und ab und an auch einfach nur Klosprüche und Katzencontent will, finde ich bei Blogs immer was passendes.
    Das die sogenannten A-Blogger selbstreferenziel um die immer gleichen Themen kreisen ist doch völlig ok. Ich finds spannend. Genauso wie ich die Spaßfraktion spannend finde, und die Alltagserzähler und die Leute, die ihren Roman Stück für Stück bloggen, weil es ihnen nicht ums Geld geht sondern ums Veröffentlichen und den Kick, wenn man einen ermunternden Kommentar bekommt.
    Für manch einen kann das schon seine Welt verändern.

  10. Christian Scholz am 7. Mai 2007 um 11:40 Uhr

    Wenn Blogs qualitativ besser werden müssen, dann müssen es die klassischen Medien aber auch. Kennt man sich in einem Bereich gut aus, wundert es einen doch evtl. sehr, wie schlecht darüber berichtet wird, ganz klar natürlich bei neueren Themen wie eben Web2.0, Blogging, Second Life (wobei manches ja gar nicht soooo neu ist).

    Und von wegen qualitativ besser, bei Blogs macht es auch die Vernetzung, wenn jemand Mist erzählt, dann wird das ganz schnell irgendwo korrigiert, was bei Printmedien z.B. ja nicht so einfach ist.

    Weiterhin ist es ja auch nicht so, dass man nur 1 Blog liest, wie man z.B. nur eine Tageszeitung liest. Im Gegenteil, man liest Dutzende von Blogs und die ergeben dann ein Gesamtbild. Dass dann manche Blogs natürlich nach oben kommen (also den Head bilden) ist dann wohl ganz natürlich, heisst aber nicht, dass die nicht so frequentierten Blogs dann unwichtiger wären. Da macht es dann eben die Masse.

    (und nur weil da das Wort “Klo” drin vorkommt, sind doch Klowände gar nicht so schlimm. Ist halt das Kommunikationsmedium der Masse, die keine eigene Zeitung herausgeben können und demnach vielleicht gar wichtiger und heutzutage sogar global vernetzt).

  11. Sven am 7. Mai 2007 um 13:38 Uhr

    Wieso verlangt eigentlich ausgerechnet Turi andauernd eine “handwerklich sauberer, professionelle Informationsvermittlung”? Damit er endlich lernt, wie sowas aussehen könnte, der große Lehrmeister?

  12. Don Alphonso am 7. Mai 2007 um 14:07 Uhr

    “handwerklich sauberer, professioneller Informationsvermittlung, die eine Alternative zu den etablierten Medien”

    Haha, der ist gut, der Pleitier Turi, der Zitate erfindet und eine “Kolumne” schreibt, für die er früher oder später mitsamt seinen dortigen Lügen und seiner Urheberrechtslockerheit eine Abmahnung kassieren dürfte…. handwerklich unsauberer als Turi kann ich mir kaum vorstellen.

  13. Roland Kühl v. Puttkamer am 7. Mai 2007 um 17:19 Uhr

    @rene:
    So apodiktisch wie du sehe ich das nicht. Kommunikation (und ihre Werkzeuge) ist ein Markt. Nicht alle wollen diesen, aber es ist ein Markt.

  14. Lars M. Lehmann am 7. Mai 2007 um 17:55 Uhr

    [..]sehr guter Beitrag[..]

Trackbacks

  • [...] auch nicht entgangen ::: In Äffung der Staun’schen Behauptungen heisst es trefflich ::: “Wo seid Ihr?” oder Bloggen ohne Bischofsstab [...]

    www.inadäqu.at » Blog Horn Ochsen 1 — 7. Mai 2007 @ 12:21 Uhr
  • Glückwunsch FAS: Wir reden über dich!... Schlechter Text gut diskutiert: Thomas Knüwer Fob Marketing CIO-Weblog Mein Parteibuch Off-the-record 37sechsblog Mathias Richel Manuel Heßling endl Nerdcore und hier bei mir sowie weitere bei Technorati Share This ......

    Media-Ocean — 9. Mai 2007 @ 20:04 Uhr
  • [...] auch nicht entgangen ::: In Äffung der Staun’schen Behauptungen heisst es trefflich ::: “Wo seid Ihr?” oder Bloggen ohne Bischofsstab [...]

    Blog Horn Ochsen 1 at in|ad|ae|qu|at — 22. Mai 2007 @ 23:59 Uhr
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