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Joost: Das digitale Strohfeuer

16. Mai 2007
von

Wenn man sich drei Abend (gefühlt 14) lang durch das Programm capture_09052007_201024.jpgdes Internet-TV-Senders Joost quält, um für Horizont eine Geschichte über die dortigen Werbefeatures vorzubereiten, bleibt beim Zappen Zeit genug, sich über die Zukunft des Senders Gedanken zu machen. Es sind eher düstere Gedanken. Und die haben wenig mit dem schon rauf und runter kritisierten extrem mageren Programmangebot zu tun. Es gibt ausreichend andere Faktoren, die dafür sprechen, dass das digitale Lagerfeuer nur ein Strohfeuer ist. Klar, das Programmangebot ist derzeit nicht so doll. Außer man interessiert sich für uralte Rennen bei Indianapolis 500, kann sich nicht an den Bikini-Schönheiten von Sports Illustrated satt sehen oder mag merkwürdige Sci-Fi- und Seifenopern. Leider ist das alles noch nicht mal richtig trashig. Die Mädels bei DSF sind da deutlich uniquer. Es kann aber besser werden. Immerhin sind Viacom und CBS mit im Boot. Ein paar gut abgehangene Serien könnten also bald folgen.

Das Problem liegt indes vielmehr im System selbst. Da Joost nur Streaming anbietet und keine joostpture_09052007_192501.jpgDownload-Option ist es so antiquiert wie das Kabelfernsehen selbst. Schlimmer noch, weil die Bildqualität nicht dauerhaft top ist. Es grieselt und ruckelt jetzt schon wie im Fernseher vom Flohmarkt und wurde mit dem Ansturm angesichts des nahezu frei zugänglichen Beta-Tests nicht besser. Was soll erst werden, wenn eine gute Sendung ein Millionenpublikum erreicht. Welcome back in der 56k-Modem-Erfahrung? Da lobe ich mir doch Glotze plus Festplattenrekorder.
Joost will obendrein interaktiv sein. Allerhand Optionen zum Einbinden von Werbung und Widgets, den neumodischen Fensterprogrammen, gibt es. Doch die Werbungtreibenden werden schnell merken, dass nach einer kurzen Phase des Ausprobierens, niemand mehr freiwillig die Werbung anklickt. Denn das ist genauso lange aufregend wie die Klötzchen-Spiele für Babys, bei denen das Förmchen in die passende Lücke muss. Man wächst schnell raus.

5.jpgEs klingt allerdings schön: Man schaut Desperate Housewives bei Joost, hockt auf der Couch und dann entdeckt die Frau, die neben einem auf der Couch sitzt, einen Werbebutton, der womöglich zur neuen Handtasche führt, die gerade durch Bild getragen wird. Klick, klack, Programmpause. Dann geht’s weiter.
Solange bis in der gleichen Folge die Golfausrüstung aus dem Auto gehievt wird. Der Mann auf der Couch fragt sich da natürlich, ob es hinter dem Button dazu Infos gibt? Klick, klack, Programmpause. Komisch, es wird nur der PKW-Kombi beworben. Oh, sie haben Kinder, die mit vor Joost sitzen. Viel Spaß auch. Klar macht die Verknüpfung von TV-Formaten plus Shopping Sinn. Aber bitte hintereinander, meinetwegen fortgesetzt auf der Homepage des Senders.

TV ist für die Masse immer noch und wird es wohl auch blieben Lean-back und nicht lean-forward. Darüber täuschen auch die Widgets nicht hinweg, mit denen ich während der Sendung chatten, empfehlen, bewerten, den Nachrichtenticker lesen kann, um mich per CNN capture_09052007_200136.jpgüber die Vorwahlergebnisse aus Florida zur Präsidentschaftswahl zu informieren (okay, Florida ist jetzt ein schlechtes Beispiel, könnte spannend sein) und das Wetter in Wales abfragen kann. Nicht, dass ich das will, aber ich telefoniere auch nicht beim Fernsehen. Ich bin allerdings auch nicht mult-tasking-fähig.

Schön, Joost ist individualisierbar. Ich kann mir alle Reisesendungen über Kalifornien zusammenstellen oder sämtliche Kochsendungen zusammensuchen. (Derzeit dürfte man bei Joost gute Chancen haben, ein paar tolle Gerichte aus den 80er Jahren wiederzufinden). Doch wie viele Kochprogramme können Sie so am Stück verdauen? Visuell? Und was hat die Werbeindustrie davon?

Spätestens nach der zweiten Folge erwarten Sie nicht mehr, dass da hinter dem Button noch ein neuer Küchenhersteller auftaucht. Also lassen Sie es und checken lieber per Widget ihre Googlemails, in denen sie ein guter Freund auf die neuen Vorturnerinnen bei Sports Illustrated hinweist und verpassen natürlich wieder einmal die Zutaten für die Soße. Gut, dass man bei Joost zurückspulen kann.

joostpture_09052007_192501-1.jpgGar nicht schön ist auch eine andere Zukunftsaussicht: Joost will mit Werbung 90 Prozent seiner Kosten einspielen. Der Rest vom Schützenfest könnte dann mit kostenpflichtigen Angeboten, beispielsweise bei der Übertragung von Sport-Events, hereingeholt werden. Wie passt das eigentlich zur Peer-to-Peer-Technologie? Dabei werde ich doch im Grunde schließlich selbst zum Server. Und zahle anschließend dafür, dass ich das sehen darf, was ich selbst datenpaketeweise verbreite? Ach so! Ist halt Aal-Prinzip (Andere arbeiten lassen).

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Kommentare zu “ Joost: Das digitale Strohfeuer ”

  1. Roland Kühl-v.Puttkamer am 16. Mai 2007 um 11:24 Uhr

    Ich kann es immer nur gebetsmühlenartig wiederholen: Beta ist schwer kontraproduktiv, wenn das größte Beta-Defizit der Inhalt ist. Der Inhalt wird dann (im besten Fall) als Hoffungswert hineingedeutet, die interaktiven Funktionen inkl. Werbung können aber nicht alleine heilsam darstellen, welche Chancen sich im Projekt verbergen, AAL und Bandbreitenprobleme einmal ganz ignorierend…

  2. Martin Oetting am 16. Mai 2007 um 13:01 Uhr

    @Roland: wie macht man es dann mit der Beta-Phase bei Angeboten, die auf Content vom Nutzer angewiesen sind? Da geht dann Beta gar nicht?
    @Olaf: “Die Mädels bei DSF sind da deutlich uniquer.” – Alle Achtung: unique im deutschen Komparativ…? Das ist krass… ;-)

  3. OlafKolbrueck am 16. Mai 2007 um 13:14 Uhr

    @roland: Ich denke Beta ist machbar, wenn nicht alles gleichzeitig beta ist und das Angebot wenigstens einen guten Anker hat, sei es content, funktionalität oder whatever, der das Beta-Dasein aufwiegt. Das kann auch, selbst wenn das jetzt blumig klingt, ein starkes Markenversprechen sein, eine “Weltidee” halt, um Knüwer bzw Dittsche zu zitieren.
    @martin:klingt doch hübsch. unsere sprachpuristen im Haus würden wahrscheinlich rot anlaufen, aber Sprache lebt. Bin noich nicht mal der erste damit. google kennt schon 468 fundstellen im deutschen. Das noch nicht mal allein im Marketing-Sprech. Meine Lieblingsfundstelle: “Aufgrund des Verteilungsmusters uniquer mitochondrialer Haplotypen und Mikrosatellitenallelen”
    Äh, wie bitte?

  4. Martin Oetting am 16. Mai 2007 um 13:21 Uhr

    Ui. Ich finde ja, dass das Marketingsprech da schon mehr als ausreicht… Bin da etwas puristischer, glaube ich. Ich finde, dass es einfach schön ist, wenn man deutsche Vokabeln in passsender Weise aneinander reiht, so dass sie dann auch noch Sinn ergeben (und nicht gar: ‘machen’ – ist ja auch nur ein rückübersetzter Anglizismus…), ohne auf diffusen Englischsprech zurückgreifen zu müssen. Ich habe den Eindruck, dass die Leute meistens etwas Englisches einwerfen, weil sie entweder irgendwie kompensieren müssen, oder aber nicht ganz genau wissen, was sie sagen wollen. Anwesende natürlich ausgenommen! ;-)

    (Ich bin allerdings sicher, dass man mich auch überführen kann, wenn man nur lange genug auf meinem Blog rumklickt. Manchmal steckt man selbst schon zu tief drin…)

  5. Oscar am 16. Mai 2007 um 13:27 Uhr

    Dummschwätz bleibt Dummschwätz, auch wenn man es in eine fremde Sprache verpackt. Wie will man etwas steigern, was schon einzigartig ist? Im Deutschen wäre eine Formulierung wie optimaler oder einzigste peinlich, aber mit unique kann man es ja mal versuchen und salbadert hinterher von der lebendigen Sprache

  6. Roland Kühl-v.Puttkamer am 16. Mai 2007 um 20:19 Uhr

    @Martin Ich treibe es jetzt mal bewusst ins Extrem: Beta lass ich nur für den zweiten Buchstaben des griechischen Alphabets gelten und von mir aus auch für INTERNE Produktstati, die einem Prototyp entsprechen. Dieser wird üblicherweise auch nicht auf eine große Zahl von Benutzern, Fahrern, Anwendern oder Kunden losgelassen. Ich halte überhaupt nichts von der These, dass Betas unter dem Primat der Zeit veröffentlicht werden und nicht unter dem Primat der Qualität. Der weitaus größte Teil veröffentlichter Betas schadet dem Markt, denn die Kernfunktionalitäten sind schlicht unzureichend. Sie lassen Urteile über einen Markt zu, der an die unrühmlichen Zeiten der ersten (und hoffentlich einzigen) Internetblase erinnern. Nur weil Bandbreiten und Nutzerzahlen im Internet heute stimmen, sollte man dennoch auf eine wilde Flut von unausgereifter Dienste und Produkte (Einzelerscheinungen ausgenommen) verzichten. Wie ich schon an anderer Stelle schrieb: “Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck.”

  7. Martin Oetting am 16. Mai 2007 um 20:28 Uhr

    @Roland: nicht dass der Irrtum aufkommt, ich sei Feuer und Flamme für unfertige Beta-Tests! Ich finde nur, dass Unternehmen das schon machen können. Auch wenn ich auch finde: je fertiger, desto besser.

    Bei Angeboten, die auf Inhalte von Nutzern angewiesen sind, wird man um ein gewisses Beta-Testen wohl nicht drumherum kommen, denn sonst weiß man ja nicht, ob das überhaupt alles funktioniert? Also ganz in Bausch und Bogen verdammen würde ich das nicht.

  8. Stefan Mannes am 16. Mai 2007 um 23:49 Uhr

    Joost ist zwar übergehyped, aber egal ob alpha, beta oder was auch immer ein spannender ansatz. mit einem neuen video-codec, einem guten content-deal und ein paar widgets mehr könnten die sehr schnell dort sein, wo sie hinwollen.

  9. Roland Kühl-v.Puttkamer am 17. Mai 2007 um 01:18 Uhr

    @Olaf&Stefan Die Antwort von Stefan bezieht deine These, Olaf, auch sehr plastisch mit ein. Und Du, Stefan, lässt eben den Teil des Marktes spürbar werden, der diese positiven Entwicklungspotenziale repräsentiert. Es gibt nicht eine einzige Wahrheit.

  10. Jeremy Abbett am 20. Mai 2007 um 12:36 Uhr

    “Und was hat die Werbeindustrie davon?”

    In Germany, a bunch of copies like OpenBC/Xing. That’s great for the people and less so for the ad industry as it gives choice. And in the end, advertising will have to get better to attract those people.

    Bottom line: if you don’t try you’ll never know. Fail harder.

ivw