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“Störe ich Sie gerade?” – Oder PR ohne Hot Button

28. Juni 2007
von

Aus welchem abgegriffenen PR-Handbuch über Telefongespräche haben die großen Dialog-Strateginnen (weil es ja zumeist Frauen sind, die anrufen) der PR-Abteilungen eigentlich den Satz „Stör ich Sie gerade?. Oder schöpft sich dieser Satz aus dem Glauben, dass Journalisten den ganzen Tag ohnehin nach dem eigenen Namen googlen, das Copy&Paste-Tastenkürzel suchen oder die neue Produktprobe von Becks testen. Kluge Geschöpfe wandeln die Frage ohnehin ab und lassen etwas Mitgefühl mitschwingen: „Sind Sie gerade im Stress?“ Ja, jetzt. Denn natürlich stören Sie. Wobei auch immer, Schreiben, lesen, recherchieren und es soll Studien geben, die behaupten, dass es nach jeder Störung 25 Minuten und länger dauert, bis das alte Konzentrationslevel für die unterbrochene Tätigkeit wieder erreicht wird. Wozu also das devote „Stör ich Sie gerade?“ Erwartet da jemand eine ehrliche Antwort?
Wer selbstbewusst genug ist, dass er eine spannende Geschichte und ein gutes Thema anbietet, der fackelt nicht lange, der kommt zur Sache und umreißt klar mit ein zwei Sätzen sein Thema. Und das ist die zweite Krux jener Gespräche, die mit der schönen Frage beginnen. Sie stören – und zwar so lange bis das Becks schal wird. Denn was sie anzubieten haben, lässt sich nicht in ein zwei Sätzen sagen, sondern muss lange, breit und möglichst umfassend eingebettet werden.
Zunächst einmal in den Kontext, und zwar in den gesamten – und das Wörtchen Web 2.0 fällt dabei in der Regel ganz am Anfang. Wenn nicht, gibt es zumindest Leckerli wie „Exklusiv“, als wenn das allein ein Qualitätskriterium wäre oder schöne Superlative, gegen die „einzigartig“ und „völlig neuartig“ als kleinlaute Umschreibungen erscheinen.
Warum es dabei eigentlich geht, weiß der Journalist aber immer noch nicht. Daraus wird auch so schnell nichts. Denn erst einmal muss ihn die PR-Strategin davon überzeugen, dass die Geschichte genau das richtige für sein Blatt ist (Hier wird dann auch gern ein Lob eingeflochten über die herausragende redaktionelle Qualität der Zeitung). Das erinnert mich dann immer an die Promoter, die auf Weihnachtsmärkten 74-teilige Gemüsehäcksler mit dem Satz verkaufen „Genau das fehlt einer tollen Hausfrau wie Ihnen noch in ihrer Küche“.
Aber dann holt einen der Satz „Darf ich ihnen mal erklären worum es geht“ zurück in die Realität. Inzwischen ist man weichgeredet, das Solitaire-Spiel auf dem Desktop festgefroren und man weiß ohnehin nicht mehr, was man zuletzt erledigt hat. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt, dass es nun zu Sache geht. Geht es auch, aber anders als gedacht.
Denn jede Sache hat einen Anfang. Und der will erklärt werden. In Ruhe. Ausführlich. Mit noch mehr spannenden Adjektiven. Der Markt-Promoter verwandelt sich unterdessen im Kopf in einen 9Live-Moderator mit defektem Hot Button. Mit ein bisschen Glück holt die Dame dann Luft, und man schafft es noch ein „Schicken sie mir doch mal ein paar Infos, ein Abstract, ein Expose“, herauszuröcheln, bevor man bewusstlos wegknickt. Die Mail wird dann auch bereitwillig verschickt mit den Worten, „Das wollte ich Ihnen auch ohnehin vorschlagen“. Im eigenen Kopf entsteht dann inmitten einer Blase ein großes Fragezeichen hinter dem Satz: Warum nicht gleich so?.
Die Blase platzt beim Blick ins Outlook-Postfach. In der Regel liegt dort dann eine Powerpoint-Präsentation mit 60 bis 1800 Seiten, die gut auf eine halbe Din-A4-Seite gepasst hätte. Und man weiß: Irgendwie wird das nichts mit der tollen Geschichte.
Natürlich geht es auch anders. Zum Beispiel bei Horizont so: „Hier ist Frau Lalala von Tralala-PR: Ich hätte gerne jemanden gesprochen, der sich bei Ihnen mit Marketing und Werbung beschäftigt.“ Aber sowas glaubt einem ja keiner.

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Kommentare zu “ “Störe ich Sie gerade?” – Oder PR ohne Hot Button ”

  1. Christian am 28. Juni 2007 um 21:40 Uhr

    Hallo Herr Kohlbrück,

    für mich ist das “Stör ich Sie gerade?” eine Frage, die man durchaus auch mit “Ja” beantworten darf – und das tun auch viele Ihrer Kollegen, wenn sie vielleicht besser zu einem anderen Zeitpunkt Zeit haben. Wenn Sie sich nicht trauen, kann ich sagen: Nur Mut.

    Wir als PRler bekommen ja auch Anrufe – zum Beispiel von den Kollegen aus der Anzeigenabteilung (so schließt sich der Kreis). Und aus dieser Erfahrung heraus muss ich sagen: Es gibt Situationen, in denen man solche Anrufe OK findet und es gibt Situationen, in denen man genervt ist und keine Lust darauf hat. Und in letzterer Situation könnte das Gegenüber sagen, was er wollte, man hat einfach keine Lust zuzuhören. Jedenfalls gibt mir ein “Stör ich Sie gerade?” wenigstens die Möglichkeit zum “Ja.”

    Im übrigen muss man – um das Verhältnis von PRlern und Journalisten richtig zu stellen -, auch mal darüber sprechen, wie Anrufe in die umgekehrte Richtung aussehen: “Hallo, ich würde gerne ein Interview und ein Fotoshooting mit der gesamtem Geschäftsführung Ihres Kunden XXX machen – und zwar morgen um 14 Uhr. Zu einem anderen Zeitpunkt bin ich leider nicht da.” Glauben Sie, darüber freuen sich die PRler? Schließlich haben auch Geschäftsführungen anderes zu tun als Interviews zu geben. Aber ein guter PRler wird trotzdem alles versuchen, Ihren Wunsch möglich zu machen.

    Ich denke, dass es zwischen Journalist und PRler ein natürliches Spannungsfeld gibt. Dabei müssten beide eigentlich froh darüber sein, dass es den anderen gibt. In diesem Sinne: Sagen Sie “Ja” zur PR – wenn es sein muss auch auf die Frage: “Stör ich Sie gerade?”

  2. Olafkolbrück am 28. Juni 2007 um 22:08 Uhr

    @christian,
    Ich habe auch nichts gegen das Du. Siezen in bloggerkreisen klingt immer so gestelzt. Verhindert auch, den nachnahmen mit “h” zu schreiben. ;-)
    Ich denke ich habe auch deutlich gemacht ,dass nicht alle Pr-Anrufe stören und nicht alle gleichermaßen. Und ich sage immer ja zur PR. Aber es gibt aber eine bestimmte Sorte vorn Anrufen die stören jetzt, die stören später, die stören immer. Auch weil die vom Kunden bedrängelten PRler nicht über ihren Gesprächnotizzettel hinausdenken.

  3. Christian am 29. Juni 2007 um 08:27 Uhr

    @ olaf:
    alles klar. ab jetzt Du – jetzt muss ich aufpassen, dass ich nicht Ohlaf schreibe:-)
    Mit dem “nicht über den Gesprächszettel hinausdenken” magst Du in manchen Fällen recht habe. Da denke ich, dass einige PRler zwar wissen, wie die Botschaft des Kunden lautet, aber nicht, welches journalistische Thema im konkret angerufenen Medium man daraus machen kann. Das ist aber die Aufgabe einer guten PR-Agentur/-Abteilung. Insofern macht dann schlichtweg jemand einen schlechten Job. Aber mehr haben Sie, schuldigung: hast Du ja auch nicht gesagt.

  4. Koenich Johann am 29. Juni 2007 um 08:33 Uhr

    langweilig!

  5. Joachim Graf am 29. Juni 2007 um 10:03 Uhr

    Mein Liebling ist: “Ich habe Ihnen eine Pressemitteilung geschickt, haben Sie die bekommen?”.

    Meine Antwort inzwischen darauf: “Fragen Sie bei der Post und Ihrem Provider!”

  6. landfrau am 29. Juni 2007 um 11:05 Uhr

    jetzt muss ich aufpassen, dass ich nicht Ohlaf schreibe:-)

    ..oder doch lieber Olav? – hi,hi

ivw