iPhone: Ein Märchen ohne Markenwelt
So sieht also die technische Revolution aus, der Beginn eines neuen Kommunikationszeitalters: Erwachsene stehen Schlange wie präpubertäre Harry-Potter-Fans kurz vor der Veröffentlichung eines neuen Buches, die Presse schreibt wie gedopt Seiten voll über ein neues Telefon, während der Rest der Welt froh zu sein scheint, wenn der Telekom-Anschluss funktioniert. Reichlich Gelegenheit sich bequem zwischen allen Stühlen einzurichten, wenn man dem iPhone keine große Zukunft verspricht.
Fest steht: Wer den Hype um das iPhone nicht nur übertrieben, sondern gleich völlig überflüssig findet, hat die gesellschaftlichen Veränderungen seit dem Ende der Wählscheibe nicht registriert. Technische Gadgets sind längst Statussymbole für die eigene gesellschaftliche Verortung und Bedeutung. Sie haben damit die gleiche öffentliche Relevanz wie der neue Golf oder die neue S-Klasse.
Warum aber gerade der Hype ums iPhone?
Apple versteht es wie kein Zweiter gute PR zu betreiben. Und gute PR ist vor allem eine gute Geschichte mit einer perfekten Dramaturgie für die Medien. Apple versteht es perfekt mit seinen klug gesetzten Informationshäppchen ala 1001 Nacht jedes Produkt zum heiligen Gral zu stilisieren. Und genauso wie im gut erzählten Märchen die Übertreibungen und Unwahrscheinlichkeiten nicht stören, stören sie auch bei Apple nicht.
Das alles funktioniert nur so gut, weil die Gralshüter, die Apple-Fans die frohe Botschaft stets neu bestätigen, auch wenn sie dafür als Markenbotschafter Realitäten hin und wieder ausblenden oder kleinreden müssen. Diese Gralshüter aber sind es die Apple von Nokia, Siemens, Motorola und Co unterscheiden. Nokia mag treue Kunden haben, doch Apple hat Fans, die auf Kritiker auch schon mal wie die Inquisition wirken. Die Fans sind übrigens jene Kunden, die bei kleinen Kratzern am iPod einen Nervenzusammenbruch bekommen, sich aber nun nicht an den Fettflecken auf dem Touchscreen des iPhone stören.
Immer wieder heißt es: Apple, das ist das Design. Das trifft es nur fast. Denn ohne Marketing ist auch Apple nur eine Hülle. Genauso wenig wie Media-Markt stets der günstigste Anbieter ist, genauso wenig sind iPod und iPhone die besten Geräte.
Sie wollen aber das Gefühl vermitteln, genau dies zu sein. Und sie wollen das Gefühl vermitteln, das Leben einfacher und glücklicher zu machen. Ein Markenversprechen, dass verknüpft wird mit der unterschwelligen Aussicht, durch den Kauf einer Stil-Elite anzugehören, dafür sorgt zusätzlich der eher überdurchschnittliche Preis. Der Kunde von Ipod und iPhone fragt denn auch nicht nach den Macken der Geräte, besseren Alternativen und dem Preisleistungsverhältnis. Wozu auch, er will ja auch kein Gerät sondern eine Markenwelt und Status kaufen.
Und genau das wird zum Problem des iPhone.
Es ist als eierlegende Wollmilchsau zu vollgestopft. Markenwelten funktionieren aber nach einfacherem Muster: Buy this — be that. Einfache Antworten auf die großen Fragen des Lebens sind gefragt. Die Konvergenz, die das iPhone mitbringt, klingt dagegen nach einem extrem komplizierten Leben. Kein Wunder also, dass es statt einer Image-Kampagne erklärende Filme gibt. Es fehlt die klare Markenwelt.. Stattdessen vielfältige Lösungen für vielfältige Probleme. Wer will das? Und will ich durch ein Gerät ständig daran erinnert werden? Wer diese Botschaft (Ich bin ein Sklave meines Jobs) als Status dennoch braucht, der hat ohnehin längst ein Blackberry. Für den Rest der Welt aber, die im iPod noch einen Glückbringer sah, ist das Apple-Telefon bestenfalls ein “Nice to have”, noch nicht mal ein “Want”, geschweige denn ein “Need”.
Die Parodie:



















warten wir es ab…
Diese PR (bzw. der Mangel und das Rarmachen von Informationen) funktioniert ja nur weil Apple faszinierende Produkte herstellt und nicht anders herum. Der iPod ist eben nicht wie der MediaMarkt — ein Konstrukt von Werbung und repetetivem Brüllen — sondern eine Ohrfeige an die Konkurrenz, die es in 6 Jahren immer noch nicht gepackt hat, ein gleichwertiges Produkt zu entwickeln.
Denn gerade die Innovation macht Apple zu dem was es ist: sexy und schlecht kopierbar. Sicherlich braucht man kann ein iPhone, aber ein haben wollen werden viele.
Ich denke nämlich die Spots, die wahrlich keine kreative Hochleistung sind, eine Bestätigung, dass sie ein gutes Produkt haben. Und wenn sie geile Imagewerbung machen würden, hätten wir hier lesen müssen: „Handy ohne Substanz, die machen wieder so ein Angeberteil“.
Schön waren die Zeiten, als Apple als kleiner David neben dem übermächtigen Microsoft auftrat… heute sind diese angeblich innovativen Produkte nur noch nervig, da es doch jenseits der PR Kampagne nur um Marktanteile und Lizensrechte geht, mit denen die Verknüpfung von verschiedenen Anwendungen nicht besser, sondern immer schwieriger wird – nix mit schnell mal eine MP3 laden oder den WMA Film rüberziehen…
Sorry, aber wer für sowas 400 Dollar ausgibt, der hat nicht mehr als nur eine schöne Hülle verdient…
Man kann mit jedem iPod und iPhone jedes MP3 abspielen. Das WMA und WMV nicht gehen ist auch gut so: Das sind völlig unnütze und schlechte Formate
Ich werde eins kaufen. Basta.
ich verstehe nach wie vor nicht, warum sich so viele (netz) journalisten darüber aufregen, dass ein produkt so viel begeisterung und euphorie auslöst. ist es in zeiten, in denen man mit soft- und hardware, die nicht nur schlecht gemacht ist, sondern auch allenfalls bescheiden bis indiskutabel aussieht, nicht toll, wenn man sich auf etwas freuen kann, das einfach und schön ist, selbst wenn es tücken und seinen preis hat?
warum schreibt keiner über die vollgepackte (un)funktionalität von microsoft powerpoint? über die designpreise für motorola-handys, deren menüführung nach wie vor aus der digitalen steinzeit zu stammen scheint? über mp3-hersteller, die die (geniale) bedienung des ipod kopieren, ohne dabei so viel spaß zu machen?
es ist wie immer im leben, neid und missgunst sind die größere triebfeder für kleine geister.
das iphone ist ein junges produkt mit allen schwächen, die man vorher sehen konnte (und die nun auch wirklich schon reichlich beschrie(b)en worden sind), aber dass es einen hersteller gibt, der diesen versuch wagt und eine zielgruppe, die das ergebnis dankbar annimmt, gibt hoffnung für eine zeit, in der es mehr mut zu produkten gibt, die etwas mehr wagen als die anderen. und zu menschen, die das ebenfalls tun.
bleibt die frage, ob unsere oligopolisierte mobilfunklandschaft dafür geeignete möglichkeiten hat.
frank schillich.
schön gesagt, herr schillich!
geehrter herr kolbrück, sie sind kein apple fan, was? sonst könnten sie kaum sagen, es fehle die klare markenwelt. klarer gehts doch gar nicht mehr.
ein handheld, auf dem ein anständiger browser (safari) läuft (und damit zb google maps), mit dem man musik hören kann, sich beim tippen nicht die finger bricht und auch noch telefonieren kann: das brauchen sie halt nicht. deswegen müssen sie hier doch nicht so rumstinken, nur weil ihre welt anders organisiert ist.
zu den schwächen, die die auguren sehen: im gegensatz zu geräten, wo jeder mechanische knopf da ist wo ihn das schicksal hindesignt hat, kann das iphone bis in das letzte pixel seiner benutzeroberfläche solange (wenn denn nötig) upgedatet werden, bis die sache wirklich rund läuft. das können sie doch unmöglich übersehen haben, herr kolbrück
@miethirn: Feature machen – zumindest für mich – noch keine Markenwelt.
Und bevor ich zum apple-feind stilisiert werde: Ein kleiner lustiger Shuffle (ein Geschenk) gehört zum Haushalt. An dem hat mich übrigens weniger die zu Beginn Nervengewitter auslösende Funktionalität begeistert als die premiumbetonende Verpackung.
Siemens? Siemens ist tot. Warum ist Siemens so jämmerlich dahingeschieden? Weil dieser Konzern zu Beginn zwar technisch ausgereifte und revolutionäre Geräte hergestellt, aber alle wichtigen Trends verschlafen hat. Die hatten kein Gespür dafür, was beim Verbraucher demnächst cool und angesagt sein wird. Gutes Engineering, aber schlechte Marktforschung, mieses Marketing, keinen Zeitgeist.
Da wäre eine treue Fan-Gemeinde, wie Apple sie hat und auf deren Wünsche Apple auch gerne hört, in Krisenzeiten nützlich gewesen.
Bei Handys geht es nun mal vorrangig um Status, Design und einen hohen Coolness-Faktor. In dem Bereich hat Apple schon immer die Nase ganz weit vorn gehabt. Und sich den schönen Schein bzw. Style stets teuer bezahlen lassen.
Die angeblich fehlenden Top-Techie-Features sind für die Masse der Anwender nebensächliche Argumente. Geschäftsleute denken sowieso eher effizient als emotional und schleppen lieber ihre hässlich-praktischen Blackberry-Faustkeile mit sich rum. Für diese Business-Fuzzis ist das iPhone auch primär nicht gedacht.
Der erfolgreiche iPod ist de facto die Referenzkalsse für die MP3-Player-Konkurrenz geworden. An diesem Abspielgerät reiben sich die Wettbewerber seit Jahren auf. Mit zig mehr oder minder gelungenen Klonen und Kopien.
Im Handy-Segment wird das iPhone wohl ähnliche Reaktionen auslösen. Zahlreiche Me too-Mobiltelefone von Nokia, Sony Ericsson, Samsung etc. werden demnächst die Design- und Feature-Elemente des iPhones aufgreifen. Weg mit der Tastatur und dafür den fettfingerschlierigen Mega-Tatsch-Screen.
Das Gleiche passierte phasenweise bei den Clamshell- oder Slider-Modellen sowie beim ultraflachen Razr-Format. Alle Handys von verschiedenen Herstellern sahen auf einmal gleich aus. Jetzt mischt halt ein bis dato Branchenfremder die gesamte Telko-Riege ein bisschen auf und die machen sich vor Angst ins Hemd. Es ist doch bezeichnend, wie wenig Vertrauen die Etablierten in die Attraktivität der eigenen Produkte haben.
Dass Steve Jobs bewusst seine weltweit hörigen Apple-Jünger kostenlos PRopaganda für das iPhone und andere Apple-Gadgets machen lässt, ist doch eine berechtigte Strategie. Wozu Geld für teure Kampagnen raushauen, wenn die Medien-Hype-Maschinerie schon von alleine läuft. Besonders kreativ muss man bei der Präsentation des Wunderdings auch gar nicht sein. Reicht doch vollkommen, wenn man das eingeschaltete Display zeigt – und alle Leute bereits vor Begeisterung kreischen und auf die Knie fallen.
500.000 verkaufte Geräte beim US-Verkaufsstart..
Apple hat alles richtig gemacht. Quod erat demonstrandum.
@G
Doch ist der Starterfolg auf Dauer ausgelegt, ist er auf Deutschland übertragbar: Eine Umfrage von Accenture lässt zweifeln:
“Obwohl schon 50 Prozent der Deutschen das iPhone kennen … wollen sich gerade einmal drei Prozent der Deutschen das neue Handy anschaffen. Knapp 80 Prozent interessieren sich überhaupt nicht dafür.”
(Quelle: http://www.presseportal.de/pm/....._gmbh/rss)
Gut, time will tell.
Aber auch der Ipod liegt beim Marktanteil in Deutschland (ganz grob aus dem Kopf: 30 Prozent) deutlich hinter den USA (ebenso grob: 80 Prozent). 30 Prozent ist natürlich immer noch eine Stolze Zahl.
@ Olaf
Die Kaufbereitschaft (und die Wechselbereitschaft zum anderen Mobilfunk-Anbieter) ist meiner Ansicht in Deutschland augenblicklich so gering, da das Angebot noch nicht konkret ist.
Sobald der Verkaufsstart näher rückt und die Konditionen klarer werden, welcher Anbieter, Tarif und wie hoch der Verkaufspreis des Gerätes ist, dann werden sich einige Interessierte mehr zum Kauf entschließen.
Ähnlich wie in Amerika wird die iPhone-Manie auch in Asien (insbesondere auf dem wichtigen japanischen Markt, wo eine große Apple-Anhängerschaft existiert) ablaufen.
Doch du hast Recht, die Geschmäcker auf den Kontinenten und das Kaufverhalten unterscheiden sich sehr. Als im Rest der Welt die Klapp-Handys sich wie warme Semmeln über die Ladentheke gingen, bevorzugten europäische Verbraucher die herkömmlichen Candybar-Formate.
Auf jeden Fall ist es Apple gelungen, der alteingesessenen Telko-Branche einen gehörigen Schreck einzujagen.
!
Und Konkurrenz belebt ja bekanntlich das Geschäft
Ups, “
sichwie warme Semmeln über die Ladentheke gingen” meinte ich.Uh, das Textfeld so klein, das Mitteilungsbedürfnis so groß – da steigt bei mir die Vertipper-Quote.
@, war schon klar, vertipper macht nichts, meine quote ist noch höher – mit größerem textfeld.
Fakt ist:
1.) es sieht einfach schei*** gut aus.
2.) es hat alles was man braucht.
3.) es hat nen touch screen
4.) es ist voll kompatibel mit meinem Apple
5.) es hat das geilste Betriebssystem
6.) es ist sau einfach zu bedienen
7.) es ist einfach ein definitives “MUST-HAVE”
Definitiv die gleiche Kacke wie beim iPod. Erst kotzen alle über den Preis, dann hats doch jeder. Es ist ein Status-Symbol für Kreative. Und jeder Kreative (schei*** Wort, ich weiß) liebt Apple. Ich bin mit Apple groß geworden und sterbe auch damit, so Gott will. Die anderen Geräte funzen doch alle nicht und sehen auch noch Bescheiden aus. Also was solls, lieber Leader als Loser.
Apple forever. Da weiß man was man hat.
@ CHENZ
Das haste schön gesagt …
Sind wir nicht alle ein bisschen schei***kreativ
?
Das iPhone ist sicher noch nicht ausgereizt, aber man kann sich sicher sein, dass das iPhone den Startschuß zu einem neuen Trend gegeben hat, der in ein paar wenigen Jahren so selbstverständlich ist, wie das normale Handy jetzt.
… und meistens ist es doch so: Die am lautesten Schreien, haben´s als Erste.
@CHENZ: schön gesagt.