Neulich in der Martinez-Bar… (IV) … als Tokio Hotel aus der Community flog
Der schwarzgelockte Kellner hinter der Theke der Martinez-Bar in Cannes drehte die Musik lauter. Bacharach und Costello konnten kaum das Schluchzen der Verlagsleiterin übertönen, die Che-Maurice bislang vergeblich tröstete. In einen Takt von “Painted Memory” zwängte sich ein tiefes Schluchzen. “Wie soll ich bloß unsere Community bekannt machen — Keiner kommt rein. Da ist weniger los als auf dem Marktplatz von Krümmel nach einem Super-Gau”, schluchzte Lore Ipsum, Verlagsleiterin bei “Sofa und ich”, die mit Zweitnamen Marion hieß, aber den Namen als zu bürgerlich verabscheute und auch ein “affektiertes” M. ablehnte. Sie fischte ein Taschentuch aus der knuffigen Handtasche auf dem Tresen und sah erst Che-Maurice und dann mich erwartungsvoll an.
“Du brauchst mehr Werbung”, sagte ich.
“Ach.” Ihre Augenlider zuckten kurz und erinnerten dabei an Haiku-Messer.
“Eine virale Kampagne muss her. Etwas dass die Leute neugierig macht. Am besten mit einem Prominenten, der beweist wie toll deine Community ist.” Lore Ipsum zupfte an ihrem Chanel-Kostüm und sah Che Maurice dann mitleidig an. “Ich arbeitet in einem Medienhaus. Da gibt es für so was keinen Etat.” “Du brauchst doch keine Kampagne, Der Star muss sich nur mal einloggen, hallo sagen. Das kann nicht so teuer werden. Wowereit war auch nur einen Tag bei Plazes”, versuchte ich noch einen Anlauf. “Ich sagte: keinen Etat. Welchen Teil muss ich dir erklären.” Ein Klatschen schreckte uns auf. Che Maurice hatte mit der flachen Hand auf die Theke gehauen und hieb nun mit dem Zeigefinger Löcher in die Luft.
“Ich hab’s, wir sagen einfach, Tokio Hotel würde offenbar inkognito in der Community mitmachen. Es gebe dafür zwar keine Beweise, aber einige Anzeichen. Einige Beiträge würden deutlich nach den Bandmitgliedern klingen, es gebe Andeutungen in den Profilen und so weiter. Doppeldeutige Spuren halt. Dann schicken wir eine PR an Gala, Bunte, Blags und so weiter, das wird eine ganz große…..” Weiter kam er nicht, weil ein Chanel-Handtäschen ganz ungalant in sein Gesicht krachte. “Du hast sie wohl nicht alle. Tokio Hotel? Denk doch mal an die Zielgruppe. Wir sind eine Community für die moderne urbane Frau.”
Sie hielt einen Moment inne. “Aber die Idee ist gut. “Wenig Arbeit, ein paar Zeilen Text in der Community, eine kurze PR-Meldung. Großey Ballyhoo fast für lau. Eine echte Web 2.0-Idee. Wen nehmen wir? Ich räusperte mich kurz: “Am besten gleich zwei um ein breites Feld abzudecken: Alice Schwarzer und Veronica Ferres”.
“Warum ausgerechnet die beiden?”, wunderte sich Lore Ipsum. “Kolalateral-Wirkung: Alice Schwarzer polarisiert und momentan traut man ihr in Sachen Werbung so einiges zu und Veronica Verres soll dem Hörensagen nach auch ganz empfindlich sein, wenn ihr Name in de Presse auftaucht und etwas nicht ganz sauber erscheint. Dass dürfte dann über Bande weitere PR bringen.” Che-Maurice zeigte mir den nach oben gereckten Daumen: Lore sah uns beide nacheinander lange an. Sie hatte diesen vielversprechenden und zugleich fordernden Augenaufschlag, den man sonst nur aus dem Kino kennt. “Auf euch Mädels.”
Fortsetzung folgt(Disclaimer: Die echte Martinez-Bar ist während des Werbefestivals in Cannes DIE Anlaufstelle für Top-Kreative. Alle dort handelnden Personen sind frei erfunden.)


















