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Sat.1 und das Aldi-TV

23. Juli 2007
von

Wahrscheinlich müssen Medien-Kritiker so sein: Stets wie Harry Potter für das Schöne, Wahre, Gute kämpfen und schreiben – seltener aber gewinnen sie. Und so kommentiert denn auch Stefan Niggemeier in der “FAS” (Paid Content) den Wandel von Sat.1 und sieht den Weg zur reinen Abspielstation vorgezeichnet. Fast schon bekommt man das Gefühl, er beobachte mitleidig, wie der Sender seine Marke (Welche eigentlich und wofür steht sie? Für das Spiel Superball?) in die Gosse kippt: “Sat.1 ist nur noch eine Hülle, in die irgendwelche Menschen von außen irgendwelche Inhalte reinpacken” schreibt er und “Der Sender droht, zur reinen Abspielstation zu werden.” Schlimm? Wird da deswegen keiner mehr hingucken? Warum sollten die Zuschauer nicht?
Was ist denn Youtube, Myvideo und Co anderes als eine Hülle, in die irgendwer irgendwas reinstellt. Das Ergebnis ist bekannt. Läuft doch super. Markentreue: Fehlanzeige. Wenn dann doch eher zu Lonelygirl15 oder Mr. Perkins.
Sat.1 dürfte wohl nichts anderes machen, als eben einen konsequenten Weg zu gehen. Optimierte Prozesskette, Kostenführerschaft, Discount. So gesehen muss man den Sender auch nicht als reine Abspielstation begreifen, der keine Marke mehr ist. Warum soll er nicht der Aldi unter den TV-Sendern sein, der nix als Filme und Serien zeigt in – äh – Discountqualität? Mit den passenden Formaten bleiben auch noch genügend Zuschauer und genügend Richtige für die Werbungtreibenden (Zumal wenn Sat 1 mit Blick auf die Kostenführerschaft entsprechende Mediapreise bieten kann).
Vor allem aber, wie zwingend begreift der Zuschauer überhaupt einen Sender als Marke: Zählt die Marke so viel, das jemand “Lost” boykottieren würde, wenn es auf dem “falschen” Sender liefe? Schaut jemand Simpson nicht mehr, wenn die Abspielstation gewechselt wird? Treue zum Sender war gestern, als es noch keine Fernbedienung gab. Ja, Stefan, um deine Frage in der FAS zu beantworten, Treue “ist nur ein Relikt aus vergangenen Fernsehzeiten, mit dem eine jüngere Generation ohnehin nichts mehr anfangen kann.”
Schlimmer noch: Es gibt nicht nur die Treue zum Sender nicht mehr, es gibt auch keine Treue zum Medium TV mehr. Sendeschluss. Und das ist die eigentliche Qual für Sat.1: Warum soll ich mir billige Pannenshows, zusammengestoppelte Modenschau-Berichte und Uralt-Serien undsoweiterundsofort in der Glotze ansehen, wenn ich das alles auch bei Youtube, Joost und co jederzeit bekomme. Da sitzen dann bei Sat.1 dann halt nur noch jene vor dem Fernseher, die kein WLAN haben und mal was anderes sehen wollen als QVC oder Astro-TV. Aber ob die Zielgruppe noch einer will? Aldi ja.

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Kommentare zu “ Sat.1 und das Aldi-TV ”

  1. stefan niggemeier am 23. Juli 2007 um 14:21 Uhr

    Wenn es so einfach ist und der Sender völlig egal wäre: Warum gucken die Tour de France auf Sat.1 und ProSieben nicht mal halb so viele Leute wie noch drei, vier Tage zuvor auf ARD und ZDF? Wodurch lässt sich das erklären, wenn nicht dadurch, dass ARD und ZDF eine (Rad-)Sportkompetenz haben und Sat.1 und ProSieben nicht? Warum gibt es Serien, die großartig auf einem Sender laufen und gar nicht auf einem anderen?

    Und wenn es so ist, dass ich im Internet (ganz ohne Markentreue) an jeder Ecke billige Pannenshows, zusammenstoppelte Modenschau-Berichte und Uraltserien sehen kann, ist dann die richtige Konsequenz als Sender, sich auf diesen Wettbewerb einzulassen? Oder wäre die richtige Konsequenz, ganz im Gegenteil eine Marke zu sein, die für etwas steht wie Originalität, Qualität, eine gute Mischung aus Berechenbarkeit und Unberechenbarkeit, für Leute die ich mag? Die Marke Sat.1 stand mal für eigenproduzierte Fernsehserien, für ehrgeizige Mehrteiler und Filme, für Harald Schmidt, für Bundesliga, eine gewisse Betulichkeit (“Kuschelsender”), Anke Engelke. Jetzt steht sie bestenfalls für: Kai Pflaume, Cordula Stratmann und den Bullen von Tölz.

    Und der Vergleich mit Aldi hinkt sehr, denn die Marke Aldi lebt von dem geringen Preis, den ich als Kunde für die Produkte zahlen muss. Als Privatfernseh-Zuschauer zahle ich aber nicht für Sat.1 oder RTL (jedenfalls nicht bewusst). Ich mache doch keine Kosten-Nutzen-Abwägung im Sinne von: Diese Show ist zwar nicht ganz so toll produziert wie die auf RTL, aber für den Preis ist die Qualität ganz ok.

  2. Olafkolbrueck am 23. Juli 2007 um 14:45 Uhr

    Qualität muss sich bekanntlich auch rechnen. Wenn so einfach wäre würde der “Stern” wohl statt doofer Listen ins Netz zu stellen eher ein paar Edelfedern präsentieren. (Und war die Bundesliga nicht ein Verlustgeschäft, korrigiere mich bitte, falls ich mich falsch erinnere). Sparen ist immer leichter. Qualität kann das Controlling so schlecht faktorieren.
    Und Aldi ist nicht nur der Preis, sondern auch klare, einfache, überschaubare und verlässliche Sortimente. Ein Privatsender der die Sendezeiten seiner Serien nicht immer hin und herschiebt und Folgen durcheinanderwirbelt hätte schon mal einen echten Qualitätsvorsprung – für lau. Und falls du jetzt fragst: Wie die leuten gucken also lieber Quark, hauptsache er kommt pünktlich?, sag ich: Christiansen.

  3. G! am 23. Juli 2007 um 17:43 Uhr

    Bei Image- und Markenpflege geht es den Sendern auch darum, wie weit vorne sie beim Couch Potatoe auf der Fernbedienung landen.

    Der durchschnittliche Glotzer ist nämlich trotz der grassierenden Zapperitis meiner Meinung nach ziemlich schaltfaul. Der flippert meistens nur ein Dutzend Sender durch, bevor er/sie irgendwo hängen bleibt. Eine Top10-Platzierung bei der Programmbelegung wirkt sich somit günstig auf die Quote und damit den Werbeeinnahmen aus.

    Erinnert sich jemand an die Testimonial-Kampagne von arte mit Zuschauern, die den Kultursender auf Acht gelegt haben? arte ist zwar nicht werbe-, sondern gebührenfinanziert, aber die hatten schon raus, dass ein einstelliger Platz auf der Fernbedienung spontan für mehr Aufmerksamkeit und Zuschauer sorgt.

    ARD und ZDF haben bis jetzt bei den meisten Konsumenten die beiden vordersten Ränge sicher. Doch das muss nicht zwangsläufig so bleiben. Die jüngere TV-Generation oder Spartenfernsehen-Fans haben keine “Hemmungen” davor, ihre persönlichen Lieblingskanäle auf die wichtigen ersten 10 Fernsehflippertasten zu setzen. Darunter müssen nicht traditionell öffentlich-rechtliche “Volkssender” wie ARD und ZDF oder die großen Privatsender sein.

    Sobald Sat.1 für nichts Besseres als austauschbares, belangloses Konserven-Fernsehen steht, können die Macher sich bald von den gutbürgerlichen Sender-Nachbarn wie RTL oder Pro7 verabschieden. Es droht eine unschöne Zwangsräumung und der allmähliche Umzug ins Krawall-Ghetto von Tele5 und 9Live.

  4. Erik am 24. Juli 2007 um 12:46 Uhr

    @stefan: wie ich heute im HA lese, sind die Quoten nach einigen Tagen Berichterstattung ziemlich gleich auf.

  5. Tobi am 24. Juli 2007 um 14:50 Uhr

    Übrigens hätte ich mich an dieser Stelle auch über einen Link zu Stefans Artikel gefreut. Nicht jeder Abonnent liest die FAS jeden Sonntag komplett…

  6. Tobi am 24. Juli 2007 um 14:51 Uhr

    Nachtrag: Und vielleicht hätte es manch anderen so sehr interessiert, dass er den Euro (?) für den Artikel glatt investiert hätte.

  7. Olafkolbrueck am 24. Juli 2007 um 15:10 Uhr

    Natürlich.Sorry:
    http://www.faz.net/IN/INtempla.....E5E1DBE%7D

    Einen Euro sind die Artikel von Stefan immer wert. Mindestens.
    ;-)

  8. Tobi am 24. Juli 2007 um 15:24 Uhr

    Danke! Sind sogar zwei, aber darauf bezog sich Dein “Mindestens”, oder?

  9. Olafkolbrueck am 24. Juli 2007 um 15:36 Uhr

    Ne Ne: Ich wollte nur vermeiden, das es irgendwann heißt, ich würde sagen, Stefans Artikel seien NUR einen Euro wert.
    ;-)

Trackbacks

  • [...] Sat.1 und das Aldi-TV (off-the-record.de, Olaf Kolbrück) Wahrscheinlich müssen Medien-Kritiker so sein: Stets wie Harry Potter für das Schöne, Wahre, Gute kämpfen und schreiben - seltener aber gewinnen sie. [...]

    medienlese.com » Blog Archiv » 6 vor 9 — 24. Juli 2007 @ 08:59 Uhr
  • [...] Dauerbeschusses in jedem gestotterten Äh zu riechen. In guter Gesellschaft ist er dort, denn auch Sat.1 hat sich mit der Übernahme der “Tour de France”-Berichterstattung der moralischen [...]

    Ringfahndung Journal » Ulle — 24. Juli 2007 @ 12:47 Uhr
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