Spießer Alfons: Wunder gibt es immer wieder — in der Kosmetikwerbung
Jede Frau möchte jung und schön aussehen. Deshalb lassen sich mit Produkten, die eine schöne Haut versprechen, immer wieder schöne Geschäfte machen. Ungezählte Hersteller preisen ungezählte Präparate an, die alle Schönheit bringen sollen. Wobei diese Schmiermittel nicht etwa identische Inhaltsstoffe haben, oh nein! Jeder Produzent hat da sein eigenes Geheimrezept. Kein Obst, kein Gemüse, das keine dermatologischen Wirkstoffe hat, keine exotische Pflanze, die auf der Haut nicht wahre Wunder vollbringt! Was Clinique in einer einzigen Anzeige persifliert, wo Tomate, Walnuss, Blaubeere, Brokkoli und Granatapfel auf die Gabel gespießt sind.
Von A wie Algen bis Z wie Ziegenmilch ist in den Produkten alles drin, was durch die Poren kommen und wirken soll. Der klassische Pfirsich macht genauso schöne Haut wie Olive und Avocado, der Ginseng ebenso wie Ginkgo und Ingwer. Auch Pilze und Kaviar stecken in den Tuben, Tiegeln und Fläschchen sowie feinster Goldstaub und sogar reines Wasser. Und natürlich alle Vitamine und Mineralstoffe, die man so kennt. Ja, und in jedem Produkt schwimmt obenauf die stille Hoffnung der Käuferin, ihr unerschütterlicher Glaube an das Wunder einer ewigen Jugend durch die Kosmetik.
Und nun ist wieder ein neues Produkt in die Parfümerie gekommen: Sensai mit Seide, eine Anti-Aging-Serie aus Japan. In ganzseitiger Tageszeitungsanzeige erfahren Frauen: „Sensai Cellular Performance“ — siehe die Abbildung! „Sensai“, das klingt wie Sensation, ist aber Japanisch und bedeutet „feinfühlig“. Und die Anzeigenleserin soll „Kosmetik wie Seide“ fühlen.
Kosmetik wie Seide? Das machte den Spießer neugierig, weshalb er das Kleingedruckte der Anzeige gelesen und erfahren hat: „Sensai vereint japanische Schönheitstraditionen mit dem Wissen modernster Anti-Aging-Experten“. Im Klartext: Die klassische Schönheitstradition der Japaner ist die dicke Schminke der Geishas. Und nicht etwa moderne Anti-Aging-Experten, sondern die „modernsten“ wissen, dass bei besagten Geishas die Falten im Gesicht verschwinden, indem sie einfach übertüncht werden.
Wie aber kommt die Seide in die Kosmetik? Ganz einfach, sie wird vom Werbetexter dort hineinformuliert: „Alle Sensai Produkte werden mit hochwertiger Koishimaru-Seide formuliert, der seltensten und erlesensten aller Seidenarten.“ Und der Texter weist darauf hin: „Koishimaru-Seide war früher einmal Japans kaiserlicher Familie zum Gebrauch vorbehalten.“ Womit natürlich der Preis dieser Pflegeserie begründet werden soll.
Klar, Seide ist kein Stoff, sondern ein Gefühl. Und eine Haut wie Seide möchte jede Frau gern haben. Deshalb werden Seidenproteine schon seit vielen Jahren in der Kosmetik verwendet. Und hier beginnt die werbliche Kritik des Spießers: Warum hebt der Werbetexter mit hochgestochenem Geschwafel ab, statt zu erzählen, wie die Seide für Kosmetik entdeckt wurde und warum und wie sie wirkt?! Da ist zum Beispiel die Geschichte aus einer Seidenfabrik in Tokio, wo der Chef schon in den 30er Jahren bemerkt hat, dass seine Arbeiterinnen zarte, weiche Hände hatten.
Er ließ das erforschen und eine Seife mit Seide entwickeln. Und bald schon wurde aus der kleinen Manufaktur ein großes Unternehmen, nämlich Kanebo, das heute die Sensai-Kosmetik anbietet. Und dass in der chinesischen Heilkunde bei Hautproblemen traditionell ein Seidenpuder eingesetzt wird und dass Seide sogenannte Seidenfibrione enthält, Eiweiße, die dem Aufbau der menschlichen Haut ähnlich sind und auch in Schichten der Haut gelangen, wo andere Wirkstoffe nicht hinkommen, dass Seidenmoleküle wie kleine Schwämme wirken, die das 300-fache ihres Gewichts an Feuchtigkeit speichern können und so der ideale Durstlöscher für trockene, empfindliche Haut sind und dass Seidenwirkstoffe vor UV-Strahlung schützen und den Teint besonders strahlen lassen — all das interessiert Evas Töchter vermutlich mehr als der Hinweis, dass „die einzigartige Seidenkosmetik das natürliche Schönheitspotenzial der Haut optimal zur Geltung“ bringt.
Am Ende der Anzeige erfährt die Leserin: „Ihr persönliches Geschenk: Pflege wird belohnt!“ Wer aber glaubt, die Pflege wird belohnt durch schönere Haut, der wird eines Schlechteren belehrt: „Beim Kauf von zwei Produkten aus der Pflegeserie Sensai Cellular Performance erhalten Sie als Bonus-Geschenk eine Premium-Kosmetiktasche mit exklusivem Inhalt.“
Das ist albern. Zum einen ist ein „Bonus-Geschenk“ ein Widerspruch in sich, denn ein Bonus ist ein Rabatt, während ein Geschenk nicht vom Kauf abhängig gemacht werden darf. Zum anderen muss eine Kosmetiktasche, die als „Premium“ ausgelobt wird, mindestens von Louis Vuitton, Gucci oder Hermès stammen und aus feinster Raupenhaut gefertigt sein.
So weit der spießige Kommentar eines Mannes über eine Anzeige, die sich an Frauen richtet.
Und von denen versteht Alfons noch weniger als von Werbung.














Hübsch auch, dass messerscharf erkannt wurde, wie unpersönlich Massen-”Geschenke” eigentlich sind. Lösung: Man schreibt einfach “persönlich” davor.
Da ist mir “20% auf alles, ausser Tiernahrung” dann doch lieber und ehrlicher
)
Junge, junge, wie kann man soviel Müll in eine Anzeige unterbringen, oder handelt es sich beim Text um einen Wetteinsatz des Texters beim Bullshitbingo und der Spießer hat es gelöst??
Wobei man vielleicht erwähnen sollte, dass Kosmetik-Kunden wirklich anstrengend sein können. Ich durfte mal ein Sälbchen textlich begleiten, in dem der Stoff “Tigergras” der Held war. Das Kraut heißt deshalb so, weil verwundete Tiger sich gern drin wälzen, um die Wundheilung zu beschleunigen. Meiner Meinung nach ein wirkliches Argument, aber der Kunde hätte fast einen Herzinfarkt bekommen angesichts der Erwähnung verwundeter Tiger in einer Kosmetikanzeige.
Deshalb werden wir wohl auch noch ein Weilchen auf die chinesischen Kapitalisten warten müssen, die ihren hilflosen Arbeiterinnen die Hände befühlen
Japaner, ramses, Japaner
Das erinnert mich an gewisse Wässerchen, die allerdings zum Trinken gedacht sind. Diese werden gerne mit ganz viel 100%igem Sauerstoff angereichert, der, laut Hersteller und Werbetexter, dann gleich wieder das Hirn flott macht und die Leistungsfähigkeit steigert.
Ich warte jetzt nur noch auf die Symbiose: Die Salbe mit Sauerstoff & Seide für die Kopfhaut – geht direkt durch die Schädeldecke ins Hirn und macht nicht nur Haut sondern auch graue Zellen wieder jung und seidig.
Zum Thema “Sauerstoffsalbe”: http://werbewahn.net/2007/08/2.....auerstoff/
Zum Thema “Tokio jetzt auch in China”: Ich, äh, schieb es mal auf den aktuellen Spiegel.
Der fachkundige Anzeigentext von Alfons überzeugt mich so von Seide, dass ich die Kosmetik glatt kaufen würde (wenn’s denn keine Massentierhaltung wäre).
Da muss der Texter echt irgendwie komisch drauf gewesen sein…komisch, dass die Anzeige so veröffentlicht wurde und nicht mindestens eine Kontrollinstanz davor zurückgerudert hat…
Auf Seite eins sehr gelacht – beim reinen Wasser und bei der Belohnung für die Pflege. Da haben Sie schon sehr Recht, dass in der Werbung oft geschwallt wird, wo mitunter tatsächlich etwas zu sagen wäre.
Bei den Damen im Rollstuhl handelt es sich um Werbung für einen Einmalkatheter. Den können die Damen im Rollstuhl sicher gut gebrauchen. Der Vergleich mit dem Lippenstift irritiert, soll aber vermutlich die Winzigkeit des Produktes visualisieren. Die Headline: “Freunde für’s Leben” finde ich zynisch. (Der Rollstuhl, dein Freund und Helfer?…oder soll mit der Headline gesagt werden, dass mit dem Einmalkatheter das Leben im Rollstuhl erst wieder lebenswert wird???)
Wenn dieser Einmalkatheter so ein tolles Produkt ist, welches der Anwenderin die Vorteile bietet sicher, anwendungsfertig und diskret zu sein, darf man das – wie Sie es in Ihrem Beitrag so schön schreiben – ihr auch mitteilen und muss nicht Werbung für Lippenstifte machen.
Mehr über das Produkt: http://www.coloplast.de/speedicath-compact
(weder verwand, noch verschwägert)