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Blogs: Alles Lüge?

14. September 2007
von

Als Kind aus Wanne-Eickel sperre ich mich immer ein wenig gegen eine zu akademische Sicht auf die Welt — auch wenn es nur um Klein-Bloggersdorf geht. Allerdings gibt es beim Forum „Ich, Wir und die Anderen“ im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe einige erhellende Einsichten über Ich-Konstruktionen, Kunstfiguren und was zwischen Werbung und Fiktion von der Relevanz übrig bleibt. Beispielsweise von Don Alphonso oder von Vanessa Diemand am ZKM.

Diemand spricht zwar über die Ich-Konstruktion in Blogs. Daran macht sie aber beispielweise das Glaubwürdigkeits-Problem der Trigami-Blogger deutlich. Also jener, die Geld dafür bekommen, dass sie im Blog – wie auch immer über ein Produkte schreiben. Werbung halt. Denn gibt das Blogger-Ich sonst doch eher Einblicke in eine vielleicht auch nur scheinbar authentische Person, zeigt es sich damit gegenüber dem Leser als „steuerbar“. Die Privatheit wechselt in den Kommerzmodus. Ein Problem, so Diemand, das den Leser ähnlich beim Blick auf die bloggenden Machern von Adical umtreiben könnte, wenn das Blog-Bild des Wohnzimmern sich beim Leser in ein Bild vom Büro verwandelt.

Dann doch schon lieber die Ich-Konstruktion gleich völlig unterlaufen? Freiwillig also die Kunstfigur ein Stück weit dekonstruieren, konkret das vage betonen. So wie Rainer Meyer, bekannter als die des Kommerzbloggens unverdächtige Figur Don Alphonso. Manchmal etwas dumm und arrogant kann auch der Privatmensch Meyer seine Kunstfigur finden —und sich selbst eher als höflichen Menschen sehen.

Manch einen mag es denn auch überraschen, dass er ex cathedra (eine Vorabversion seiner Aussagen beim ZKM bietet sein Blog) eine gewisse Distanz zwischen seinem wahren Leben und der Kunstfigur zugibt. Kennern ist es indes nichst neues, dass die Erzählungen der Figur mit (verfremdeten) Bruchstücken der Wirklichkeit versetzt sind, im Zweifel eher nah, als 1:1 an der Realität segeln und den Leser in eine „Wahrscheinlichkeitswolke“ entführen.

Alphonso ist keine Einzelfall. Die Literarisierung ist in der Blogosphäre überall zu finden. Doch wo bleibt dann die Authentizität? Wo bleibt die Wahrheit? Wo bleibt dann die journalistische und gesellschaftliche Relevanz? Am Ende alles nur eine Fata Morgana? Alles Lüge?

Doch keine Depression, bitte. Es bleibt der wahre Kern. Rainer Meyer erinnert an Gleichnisse. Statt nackter News, also bildhafte Geschichten in den Blogs. Und solche Gleichnisse, das weiß man seit mindestens 2000 Jahren, haben auch ihre Folgen.
Und sind am Ende vielleicht relevanter und wirkungsvoller als PR-Postings und klinischer Journalismus.

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Kommentare zu “ Blogs: Alles Lüge? ”

  1. Patrick Breitenbach am 14. September 2007 um 17:50 Uhr

    “Wir wissen nun, dass die Kunst nicht die Wahrheit ist. Die Kunst ist eine Lüge, die uns erlaubt, uns der Wahrheit zu nähern, zumindest der Wahrheit, die uns verständlich ist.”

    Pablo Picasso

  2. Patrick Breitenbach am 14. September 2007 um 17:54 Uhr

    L’art por l’art bekommt in diesem Zusammenhang übrigens für mich eine neue Bedeutung.

    Übrigens stelle ich lieber die umgekehrte Frage: Wo bleibt eigentlich die Lüge? Und ist Wahrheit überhaupt im Kontext von kommerziellem Wettbewerb möglich?

    Unternehmerischer Wettbewerb heisst auch Informationswettbewerb. Wahrheiten und Lügen sind Kategorien von Informationen.

  3. OlafKolbrueck am 14. September 2007 um 20:48 Uhr

    Du gibts auf deine Fragen ja fast schon selbst eine salomonische Antwort . Wahrheit scheint möglich. Die Lüge aber auch. Oder ist es eher wie bei Goethe: “Die Wahrheit enthält immer auch Lüge”. Und selbst wenn man um die Lüge weiß, weigert der Konsument sich dann nicht manchmal dennoch diese zur Kenntnis zu nehmen, weil wir uns manchmal eben gerne auch selbst belügen?

  4. Chat Atkins am 15. September 2007 um 12:05 Uhr

    In einem journalistischen Sinn ‘lügt’ die Literatur allein durch ihre Fiktionalität und ihren Erfindungsreichtum – und in einem schriftstellerischen Sinn ‘lügt’ wiederum der Journalismus. Drüben im Wörterblog hatte das Thema kürzlich zu fassen. Tenor: Die Literatur hat immer den ‘authentischeren’ Part.

  5. Patrick Breitenbach am 15. September 2007 um 12:14 Uhr

    Am Montag kommt ein etwas längerer Text von mir zu diesem Thema (und deinem beitrag davor bzgl. Corporate Blogs), der kann das System von Wahrheit und Lüge in Bezug auf Unternehmen vielleicht ein wenig umschreiben – Für die langenTexteHasser wird es auch ein Schaubild geben! ;-)

    Zu deiner These. Natürlich ist die Wahrheit einfach oft anstrengender und unbequemer. Da der Mensch in der Regel am liebsten verharrt und es kuschelig mag, sind Lügen einfach viel besser unterzubringen. Die Krux ist doch, dass wir nicht belogen werden wollen, die Wahrheit aber eben meist auch nicht wirklich ertragen können. :-)

  6. Chat Atkins am 15. September 2007 um 16:40 Uhr

    Naja, Patrick, die Lüge ist ja noch nicht einmal das Schlimmste. Verheerender als jede Lüge finde ich die ‘Halbwahrheit’ … und in diesem Schummerlicht blüht dann auch das Gewerbe der Himbeer-Tonis, der ‘Klima-Skeptiker’, der Verschwörungstheoretiker, der Parteipolitiker usw.

  7. Koenich Johann am 15. September 2007 um 18:52 Uhr

    Das Interessanteste an dem Artikel: Olaf kommt aus Wanne-Eickel. Lang lebe der Ruhrpott!

    :-)

  8. OlafKolbrueck am 16. September 2007 um 11:57 Uhr

    @koenich johann:
    und noch nichtmal das ist neu:
    http://www.off-the-record.de/2.....aufpudert/
    :-)
    Glück auf

ivw