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Neulich in der Martinez-Bar … (VI) … als aus der Bibel zitiert wurde

11. November 2007
von Olaf Kolbrück

„Etablierte Medien und Qualitätsjournalismus, dass ist so wahrscheinlich wie eine Titanic-Anzeige im Liboriusblatt“. Che-Maurice neben mir zuckte zusammen. Ich spürte, dass er in Zweifel geriet. Seine Gesicht schimmerte absinthgrün im Dämmerlicht der Martinez-Bar.

„Es ist doch nur eine Rede für eine Verbandstagung“, entschuldigte sich der Chef von „Heiße & Luft.“ „Geschlossene Gesellschaft, quasi wie beim Liboriusblatt. Hört doch sowieso keiner zu bei solchen Reden. Das ist doch eher geistiges Ejakulat für den Redner selbst.“

„Trotzdem ist es breit getretener Quark“, ätzte ich und winkte den Kellner für ein Fiji heran. „Blogs achten inzwischen mehr auf Qualität als der Rest der Medien. In Print und Co vergeht ja keine Woche ohne fette Richtigstellung. Bei ihrem Ruf und den klagefreudigen Anwaltsheeren können sich Blogs solche Schlampereien gar nicht leisten. Und sie ändern ihre Fehler auch schneller, weil sie keine Stechuhr-Mentalität wie das Heer der Lohnschreiber kennen.“

Che-Maurice grummelte und nestelte an der Knopf-Leiste seines Seidensticker-Hemdes. „Meinetwegen. Dann schreibe ich in die Rede, aber wenigstens was von Tummelplätzen für Menschen, die zu feige sind, ihre Meinung frei zu äußern und lieber anonym schreiben.“

Ich sah ihn verzweifelt an:. „Nun stieg mal aus deiner Zeitmaschine und komm bitte im 21. Jahrhundert an. Weil sie so meinungsfreudig sind drucken auch alle Zeitungen allesamt die gleichen DPA-Meldungen und gehören für ihre gesichtslosen, ausgewogenen Kommentare mit einer Jahresausgabe vom Liboriusblatt geprügelt.“
Che Maurice stutzte: „Wie so das jetzt?“

Ich faltete die Hände: „Matthäus, 5,37, Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“
Der Agenturchef legte den Kopf schief, wie immer, wenn er beleidigt war. „Das kannst du so nicht sagen. Wahrhaftigkeit, Objektivität, Vollständigkeit , Qualität, dass muss geschützt werden.“

Ein Gläserklirren am Nebentisch schreckte uns auf. Lore Ipsum, Verlagsleiterin bei “Sofa und ich”, die mit Zweitnamen Marion hieß, war aus ihrem Rausch hochgeschreckt, erhob sich schwankend, sah uns an und stocherte dabei mit dem rechten Zeigefinger in der Luft herum.

„Quatsch, Journalisten sind einzig dazu da, die Löcher zwischen den Anzeigen zu füllen. Das einzige, was geschützt werden muss, ist die Rendite. Was glaubt ihr, warum wir für jedes Haustier, jede Strickliesel und jeden Rhönradturner eine Community bauen? Dort liegt das Geld. Zeitungen sind in ein paar Jahren so sexy wie Kaffeefahrten und Rheumaheizdeckenverkauf. Will doch keiner mehr haben. Die Zeitung, meine ich. Selbst nicht, wenn es die kostenlos zum Community-Premium-Abo dazu gibt“, sagte sie.
Sie ließ sich wieder in den Stuhl zurückfallen, stöhnte kurz auf, strich ihr Strenesse-Kleid glatt und sah uns aus treuen Augen an. Che-Maurice verstand und orderte ihr beim schwarzgelockten Kellner einen Absinth.

Als sich Lore Ipsum wieder gefangen hatte, sah sie Che Maurice kritisch an. „Wie kommst Du eigentlich dazu, dich als Nekromant zu betätigen. Ich dachte immer bei „Heiße & Luft“ brummt das Internetgeschäft.“
„Gewaltig , ganz gewaltig“. Er sah dabei nicht wirklich glücklich aus. „Bei TV-Werbung sind es immer 10 Prozent-Provisionen von zweistelligen Millionensummen gewesen. Aber die einzelnen Online-Werbespendings sind naturgemäß geringer. Da sind 10 Prozent von wenig, so gut wie gar nichts. Alles nehmen wir alles mit, was wir kriegen können, bis wir die Rolle von TV und Print neu definiert haben“.

„Probiert es doch mal mit Wiener Schmäh — eine schöne Leich“, seufzte ich.

Fortsetzung folgt
(Disclaimer: Die echte Martinez-Bar ist während des Werbefestivals in Cannes DIE Anlaufstelle für Top-Kreative. Alle dort handelnden Personen sind frei erfunden.)

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Kommentar zu “ Neulich in der Martinez-Bar … (VI) … als aus der Bibel zitiert wurde ”

  1. Kaffeekanne am 12. November 2007 um 11:58 Uhr

    Feige Blogs? Und wann gibt Herr Konken vom DJV zu, dass die einstigen “Qualitätsmedien” im Web zu Bilderstrecken-Klickhuren verkommen, die in Print mit Agentur-wischiwaschi und PR-Müll vollgestopft werden?

ivw