Neulich in der Martinez-Bar … (VII) …als der Mangel zum Konzept erklärt wurde
„Ich bin so verzweifelt, ich könnte glatt anfangen zu twittern“. Lore Ipsum, Verlagsleiterin bei “Sofa und ich”, die mit Zweitnamen Marion hieß, wischte sich eine Träne aus dem rechten Auge, rückte ihre Dolce&Gabbana-Brille gerade und warf einen prüfenden Blick in den Spiegel hinter der Theke der Martinez-Bar.
Che-Maurice, Chef der Agentur „Heiße & Luft“ nickte ihr aufmunternd zu. „Was ist es diesmal? Nichts zum Nikolaus bekommen?“
Sie schniefte: „Keiner liebt mich, keiner liebt meine Blog- und Community-Projekte. Für meinen Verleger ist das nur Neo-Punk ohne Geschäftsgrundlage und für die Blogwelt da draußen machen wir das bisschen, das wird dürfen auch noch verkehrt. Ich sollte lieber wieder Magazine für die regionale Wirtschaftsförderung machen. Das liest auch keiner. Es stört aber auch keinen, weil nur Steuergelder versumpft werden.“
„Das ist der Blog-Blues. Aber du bist nicht allein“, warf ich ein. „Die Verlage haben mit den Web-Medien alle ihre liebe Not, solange es nicht Steuersparmodelle oder Auffanggesellschaften für kündigungsreife Mitarbeiter sind. Sei froh, dass du dich nicht um den Postversand kümmern musst.“
„Heiße & Luft“-Boss Che-Maurice nestelte an der Knopf-Leiste seines Seidensticker-Hemdes, wie immer, wenn er etwas wichtiges sagen wollte. Meistens etwas, dass er noch aus seiner Zeit als Copy-Texter für Apothekenkalender parat hatte: „Schuster tragen immer selbst die schlechtesten Schuhe.“
Wir sahen in fragend an.
„Ihr wollt ein Beispiel. Erst vor wenigen Tagen war ich auf einem Agentur-Event für den Hanni&Nanni-Preis, bei dem das Flying-Buffet so schnell die Himmelfahrt antrat, dass die Würdenträger zu nächtlicher Stunde noch bei McDonalds einkehren mussten.“
„Bei Heiße&Luft macht ihr natürlich alles besser“, ätzte Lore Ipsum und schnippte einen Fusel von ihrem schwarzen Strenesse-Kleid.
Che-Maurice warf ihr einen empörten Blick zu: „Nein, aber wir verkaufen es besser. So etwas muss man als geplantes Konzept verkaufen, als Event-Catering. Award-Verleihung mit Bodennähe. Sozusagen Dittsche im Frack. Der Mangel will inszeniert sein, eine Krise muss positiv interpretiert werden. Auch in deinen Communities. Du bist dann halt Nischen-Queen, das Efeu der Leserbindung, das Salz in der Onlinesuppe. Wir machen das in der Agentur auch so und stellen uns deshalb erst einmal zeitgemäßer auf.“
„Ach so, ihr treibt das Aal-Prinzip in Agentur voran. Noch mehr Überstunden und Wochenendarbeit für die Mitarbeiter? Wie soll das gehen?“ fragte ich.
Che-Maurice zupfte nervös an seinem Einstecktuch von Hermes. „Unfug, wir reduzieren die Komplexität im Issue-Management und treiben das qualitative Wachstum voran.“
Lore Ipsum kicherte. „Das sagt unser Vorstand auch immer, wenn er die Auflagenzahlen sieht. Anschließend schlägt immer jemand aus der Redaktion Qualitätsjournalismus vor und das Controlling will die Komplexitätsreduzierungen vorantreiben.“
„Ihr wollt mehr Awards gewinnen und Leute entlassen?“
„Alles Bullshit. Geht doch beides nicht. Wir haben doch jetzt schon Ärger mit Greenpeace, weil rund um die Uhr bei uns Licht brennt und unsere CO2-Bilanz versaut. Nein: Wir wollen die Arbeit zur Zufriedenheit unserer Kunden erledigen. Qualitatives Wachstum ist für uns Kompetenzführerschaft. Wir sind Mehrwert-Vorreiter, Deutungs-Marktführer.“
„Und wenn das alles nicht hinhaut?“
Che-Maurice machte ein verzweifeltes Gesicht. „Dann muss ich mich wieder in ein paar Jurys hocken und für meinen Bäcker um die Ecke ein paar Award-geile Plakate entwickeln.“
Fortsetzung folgt
(Disclaimer: Die echte Martinez-Bar ist während des Werbefestivals in Cannes DIE Anlaufstelle für Top-Kreative. Alle dort handelnden Personen sind frei erfunden.)












