Armer “Liebling”
Warum macht Markus Peichl „Liebling“, “Deutschlands neues Mode-, Lifestyle- und
Kulturmagazin”?
Warum ist Jon Anderson, Sänger der 70er-Art-Rock-Combo „Yes“, wieder auf Tournee?
Und warum durchzuckt mich beim Blättern durch „Liebling“ die Erinnerung an den Kauf von Andy Warhols „Interview“, damals noch ansehbar, als ich es zusammen mit der Pickelcreme auf dem Fahrradsattel festklemmte und “Tempo” noch einzig und allein ein Taschentuch war… .
So kommt nämlich “Liebling” daher. Wie eine zu groß geratene „Interview“, die nicht ganz in den Anzug passen will, den man ihr verpasst hat und den man erst nach einem endlosen Blättern durch die Anzeigenstrecke überhaupt findet.
Um dann verschreckt das Blatt fallen zu lassen, weil als publizistischer Paspelstreifen dieses medialen Samtanzugs einen Bazon Brock anstarrt, eine Art Matthias Horx und Jo Groebel der 80er Jahre in Personalunion und vielleicht ein Vorbote für ein kommendes Colani-Interview im „Liebling“. Willkommen im Senckenberg-Museum des New Journalism. Wäre zumindest eine inhaltliche Klammer.
Die würde ich bei dem Blatt ohnehin eher in Berlin und nicht am Stammsitz in Hamburg vermuten. Berlin passt deutlich besser. Denn die hauptstädtische Mischung aus Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex schreit einen auch aus jeder Seite des Blattes an.
Der ständige Reflex Berlins, sich als hip, avantgardistisch, lebendig, pulsierend und großartig zu geben um die tiefsitzende Provinzialität zu kaschieren, manifestiert sich bei „Liebling“ selbst in einem maniriertem Narzissmus, in dem selbst noch die kunstgeschichtlich abgefrühstückte sakrale Überhöhung des Alltäglichen, beispielsweise an einem Stück Seife, abgefeiert wird. 180 Seiten Berliner Luft, 180 Seiten intellektuelles Popcorn.
Ich hab das Blatt heute an der Shell-Tankstelle bei mir auf dem Dorf gekauft. “Liebling” lag neben „Bild“. Auch eine Aussage.
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