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Neulich in der Martinez-Bar (VIII) … als Helge Schneider zum Sündenbock wurde

30. Dezember 2007
von

„Wollnmasosagen. Ich mache mich derzeit selbstständig“, nuschelte Helge Schneider, der so hieß und auch beinahe genauso aussah wie der letzte große deutsche Komiker neben Hagen Rether. Schneider hob seine Bärenfellmütze aus dem Gesicht, nippte an seiner Bloody Mary und sah uns erwartungsvoll an, während wir Löcher in die Theke der Martinez-Bar starrten. Wenn Helge Schneider uns ein Gespräch aufzwang, wurde es immer peinlich. Auch Che-Maurice, Besitzer des Hot-Shops “Heiße & Luft” wusste das und bestellte vorsorglich eine neue Runde Bionade. Ich lehnte ab und blieb beim Fiji-Wasser. Bei Bionade wurde mein Darm immer undiszipliniert.

Damit hatte ich im Geiste den Startschuss für den Wortschwall von Helge Schneider geliefert, einstiger PR-Star mit dem Künstlernamen Graf Koks von der Gasanstalt und selbsternannter Geschichtenerzähler aus 1001er Vorstandssitzung, der sich im Sinne seines Namensvetters auch als Freiheitsstatue eines nihilistischen und anarchistischen Liberalismus stilisierte. Seit Westerwelle sich zur Freiheitsstatue der Republik erklärt hatte, war Schneider aber mit solchen Vergleichen vorsichtiger geworden.

„Ich habe nun neue Aufgaben gefunden, die meiner Berufung entsprechen und zu meinem Gesicht passen“, sagte er und hob beschwörend seine Bloody Mary. Er ließ das Glas in der Luft kreisen, um unsere Aufmerksamkeit zu prüfen.
„PR war gestern“, raunte er uns zu. „Alles nur Arbeit für Werbemädchen. Echte Kerle wie ich haben größere Aufgaben verdient.“
Er prostete uns zu. „Ich arbeite nun als Sündenbock für Unternehmen. Das ist viel einträglicher — und krisensicher, aber sowasvon.“

„Wer braucht den das“, lallte Lore Ipsum, Verlagsleiterin bei “Sofa und ich”, die gerade mit der Internet-Community Extreme-Couching.de Schiffbruch erlitt, vom Tisch hinter uns und schob ihre Chanel-Brille zurück auf die Nase.

„Du kommst mit deinem Verlag auch noch angekrochen. Eure Community-Projekte nehme ich aber nur als Gesamtpaket auf meine Schulter“, feixte Schneider. „So wie StudiVZ, die haben dringend einen Sündenbock gesucht, als sie mit ihren grotesken AGB und dem Datenschutz baden gegangen sind. Ich war zur Stelle und konnte als Sündenbock alle Schuld auf mich nehmen.“

„Der Laden ist das kein gutes Beispiel. Die können eben keine PR. Haben sie nie gekonnt. Da hättest du als Sündenbock wahrscheinlich eine Dauerstellung“, grummelte Che-Maurice und rückte sein Halstuch von Hermes zurecht.

„Festanstellung ist nicht“. Schneider blickte nachdenklich in sein halbvolles Glas. „Als Sündenbock muss ich ja immer meinen Hut nehmen. Ich komme auch gut mit Kleinaufträgen über die Runden, so lange Unternehmen wie Neckermann.de Geschmacklosigkeiten wie eine Kollektion von Paris Hilton erfolglos auflegen. Mehr Spaß hätte natürlich der Job beim „Spiegel“ zur Aust-Nachfolge-Nummer gemacht. Aber die haben genug Auswahl an eigenen Sündenböcken und wollen nicht outsourcen.

„Alles keine Profis, sag ich doch. PR für Anfänger“, nöhlte Che-Maurice.

Helge Schneider ignorierte ihn. „Wollnmasosagen. Für 2008 habe ich einen
neuen Spitzenjob so gut wie sicher. Ihr kommt nie drauf. Aber ich sag es euch. `Du bist Deutschland`. Eine echte Herausforderung, wo doch kein Hahn danach kräht und sich jeder nur noch schüttelt, wenn er die Kampagnen sieht. Das schreit gerade angesichts der Gemengelage der Verantwortlichkeiten nach einem Sündenbock. Danach stehen die Leute bei mir Schlange wie bei einer Autogrammstunde mit Benjamin Malaussène. Ihr werdet es erleben. Damit komme ich ganz groß raus. Ich sehe schon die Schlagzeile mit der die Kampagne beendet wird: „Du warst ein Unfall.“

Fortsetzung folgt


(Disclaimer: Die echte Martinez-Bar ist während des Werbefestivals in Cannes DIE Anlaufstelle für Top-Kreative. Alle dort handelnden Personen sind frei erfunden.)

Bisher erschienen:
Als der Mangel zum Konzept erklärt wurde

Als aus der Bibel zitiert wurde

Als das Web 2.0 beerdigt wurde

Als Tokio Hotel aus der Community flog

Die Sehnsucht nach Santa Fu

Als Paris Hilton gefeiert wurde

I

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Kommentare zu “ Neulich in der Martinez-Bar (VIII) … als Helge Schneider zum Sündenbock wurde ”

  1. Mart am 30. Dezember 2007 um 18:19 Uhr

    “Das Paradies der Ungeheuer” würde auch eine gute Überschrift abgeben – wenn hier schon Pennac zitiert wird :-)

  2. OlafKolbrueck am 31. Dezember 2007 um 12:21 Uhr

    :-) Gute Idee: Die hebe ich mir fürs Cannes-Festival auf.

  3. rp am 31. Dezember 2007 um 18:29 Uhr

    Donnerwetter! Helge Schneider als “Freiheitsstatue eines nihilistischen und anarchistischen Liberalismus” … Was für ein Content hier auf OtR! Da hat sich das Vorbeischauen nach dem S-Bahn-Silvesterfahrplan-Suchen doch wieder mal gelohnt! Und wenn Du, lieber Olaf (danke fürs Worthalten!), hier schon auf Literatur anspielst – dann komme ich mit Musik und lasse Helge himself sprechen bzw. singen. Passend zum Kontext folgen nun exemplarische Textfragmente aus “Allein an der Bar” und “Die Herren Politiker”.

    Post Neujahr – rp
    —————————————————————

    Allein in der Bar, schrumm. Nur Ralf ist da, er ist der Besitzer von der Bar. Deshalb darf er da sein. Alleine in der Bar. Wenn es heisst allein in der Bar, ist man allein in der Bar. Alleine in der Bar, steh rum und trink.

    Ich trinke viel, ich kippe um, das letzte Glas war doppelt rum, ich sterbe an der Theke ist doch klar, am schoensten ist es immer an der Bar.

    ————————————————————-

    Und die Herren Politiker, die sind alle doof! Und die Herren Politiker, die solln doch nach Hause gehen. Bevor die wat entscheiden, erstma waschen. Die sind alle doof! Die wolln nur unser Geld. Alle, alle, wie se da sitzen. Die Herren Politiker, die solln doch erstma einen durchziehen. Bevor die wat entscheiden. Die Doofen! Die sind doch alle doof!

  4. Markus Jakobs am 16. Januar 2008 um 21:49 Uhr

    Und, von NOKIA schon angagiert geworden? ;-)

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