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2020 – Ein medialer Traum zu Neujahr

1. Januar 2008
von Olaf Kolbrück

Die Nachricht auf meinem Tablet-PC ist nicht gerade eine Hilfe für meine Kopfschmerzen. Mein Auto ist gesperrt, weil ich mein Co2-Konto überzogen habe. Mist. 2020 fängt ja gut an. Sollte ich mich lieber krank melden? Ich will nicht S-Bahn fahren.
Es wäre die Hölle, seitdem Bild die Printausgabe eingestellt hat und stattdessen die Info-Screens in den S-Bahn-Sitzen und die interaktiven Plakatwände an den Haltestellen okkupiert und das dort implementierte Programm zur Gesichtserkennung eine mehrheitsfähige Newsauswahl samt passender Werbeeinblendungen aufspielt und mit fortlaufendem Eyetracking anpasst.

Ich klicke das Fenster mit der Eilmeldung über mein Co2-Konto weg und werfe einen kurzen Blick auf meine Wiki-Matrix-Netzwerk-Startseite. Die halbe Republik ist schon auf den Beinen. Etliche meiner Kontakte melden gerade, dass sie sich in irgendeinen ICE setzen. Ich wonge zwei meiner Kontakte an, um ihnen anzuzeigen, dass ich mit ihnen reden möchte.

Ein Wiki-Matrix-Banner in der Sidebar bietet mir eine Gutschrift über 1000 Co2-Punkte , wenn ich weitere personenbezogene Daten freigebe. Wie haben sie so schnell herausgefunden, dass ich klamm bin? Aber so verzweifelt bin ich noch nicht. Ich bin ja noch nicht mal richtig wach.
Ich werfe die Kaffeemaschine an. Sie ist nicht auf das Co2-Konto angewiesen. Das übernimmt der Hersteller. Dafür muss ich lediglich hin und wieder bestätigen, dass ich eine der Werbeeinblendungen auf dem Wlan-Display der Maschine gesehen habe.

Mit dem fertigen Kaffee hocke ich mich wieder an den Tablet-PC und klicke mich durch den Matritzen-Blog. Vor drei Monaten war das Blogger-Kollektiv freier Autoren mit seiner Mischung aus individualisierbaren News, selbstlernender Seitengestaltung und aggregierten Beiträgen in Text und Video aus aller Welt erstmals an Spiegel-Online in der Reichweite vorbeigezogen. Hin und Kunz schreibt da ebenso wie Mario Barth, Peter Sloterdijk, Veronica Ferres und Peter Zadek.

Die Nachrichten werden deshalb nur netter zu lesen, nicht aber besser. Oliver Pocher soll ab März die Tagesthemen moderieren, nachdem auch Frauke Ludowig den Quotensinkflug nicht aufhalten konnte. Wirkte angeblich zu intellektuell auf die Fernsehzuschauer. Ach. Ich wusste gar nicht, dass die ARD-Tagesthemen auch noch im TV laufen.
Mit Pocher soll auch das Design der Sendung angepasst werden. Ein gelbes Studio um die Corporate Identity des Sponsors Post widerzuspiegeln. Immerhin ein Fortschritt gegenüber dem schreienden Rot des Media-Markts im vergangenen Jahr. Die Sendung ist wohl ohnehin nur noch etwas für Nostalgiker.

ZDF-Intentdant Claus Kleber hat längst das komplette Programm ins Web verlagert und die Korrespondenten nach andauernden Protesten des Digitalen Journalisten Verbandes den Video-Bloggern des Youtube-Ablegers YouNews gleichgestellt. Dabei ist auch YouNews nur noch geschnittenes Brot, da seit der Burda-Beteiligung gerne Markwort-Interviews mit Immer-noch-Bundeskanzlerin Merkel gesendet werden, alte Furtwängler-Folgen abgespielt werden oder Mattusek und Markwort zusammen mit dem Blogzisten Niggemeier beim Internationalen Vlog-Frühschoppen wechselseitig aus ihren Tagebüchern vorlesen. Dann doch lieber Astro-TV mit Andrea Kniewel auf RTL, dass sich ebenso wie Pro Sieben als letzte Mohikaner nur noch Dank der Fernsehproduktionen von Unilever, Procter und vor allem Ubik über Wasser halten kann, seit die Werbeeinblendungen ausbleiben und die mittlerweile erlaubte Schleichwerbung weitaus schlechter honoriert wird.

Die neue Macht im Web sind neben den On-Demand-Diensten wie Joost, die noch vor Weihnachten eine Mindestbreitband-Debatte ausgelöst haben, ohnehin die Videoschnipsel-Dienste Peer100 und IX9000. Dafür scheint es Turi3 derweil gar nicht gut zu gehen, lästert ein Matrizen-Autor. Die Redakteure wanderen gerade gleich reihenweise ab zu Peer100 und IX9000. Erinnert mich irgendwie an die letzten Tage von Kress, als alle zu Turi2 liefen.

2020 scheint ohnehin ein spannendes Jahr zu werden. Flickr will die nach den gescheiterten Gratis-Versuchen und einem Redakteursstreik gegen Arbeitszeiten jenseits von 16.35 Uhr eingestellte Süddeutsche Zeitung online wiederbeleben und dort an die große Tradition der Bilderserien anknüpfen. Das scheint zu den Plänen von i-Turi zu passen. Der Dienst will künftig nur noch Bilder als Schlagzeilen bieten. Was sich nicht bebildern lässt, fände demnach nicht mehr statt. Mehr als Drei-Wort-Sätze nehme im Web sowieso niemand mehr wahr, seitdem jeder nur noch auf dem Mini-Display des Handyphone oder des Tablet-PC surft, meldet die Matrize. Vor allem habe niemand mehr Zeit zu lesen, weil jeder ständig irgendwo, irgendetwas ins Netz stellt, sein Profil updated oder die Web-Wege seiner Kontakte beobachtet.

Das dürfte noch schlimmer werden, wenn sich die iPhone-Brille in diesem Jahr durchsetzt. T-Mobil will sie für 999 Euro ohne Co2-Gebühr auf den Markt bringen, verlangt dafür aber eine umfassende Datenfreigabe samt zweijährigem Bio-Screening.

Die FAZ hat aus der jüngsten Entwicklung ihrerseits die Konsequenzen gezogen und veröffentlicht ab Sommer 2020 keine News mehr, sondern nur noch seitenlange exegetische Kommentare im Web und erscheint am Sonntag nur noch in Buchform um ihre Premium-Rolle zu dokumentieren und die neu entdeckte Zielgruppe der Digitalen Amishe zu bedienen.

Soeben kommen die aktuellen Youtube-Quoten herein. Merkel liegt auf Platz 1. Neujahrs-Chat. Ich brauch ein Ubik. Wach werden wäre auch keine Lösung.

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    Nerdcore » Links vom 1. 1. 2008: 20%-Sales Drop, Tim Burtons Hänsel und Gretel, 2020 und das Rätsel des Universums — 1. Januar 2008 @ 13:33 Uhr
  • [...] 2020 - Ein medialer Traum zu Neujahr bei off the record [...]

    Interessante Blogposts am 01. Januar « Dar Board - Blog — 2. Januar 2008 @ 03:10 Uhr
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