Der Fall Alexander Ruzicka abseits der Paragraphen
(Dies ist ein Gastbeitrag von Elke Jacob, HORIZONT-Korrespondentin und Beobachterin des Prozesses gegen Alexander Ruzicka)
Dass jeder während seines Lebens einmal für 15 Minuten berühmt ist, wage ich zu bezweifeln. Völlig überzeugt bin ich hingegen davon, dass wir alle Voyeure sind. Alexander Ruzicka ist in seinem Leben berühmter geworden, als ihm lieb sein kann und den Voyeurismus der gesamten Kommunikationsbranche muss er nun aushalten.
Als Voyeurin mit beruflichem Auftrag bin ich daher sehr gespannt zum Landgericht nach Wiesbaden gefahren und habe mir kurz vor dem Prozessbeginn noch schnell eine Lucky vor dem ehrwürdigen Gebäude reingezogen. Rauchen — obgleich gerade in Hessen total verpönt – lohnt sich auch im Kochland, denn wie immer bewahrheitete sich meine These: Ansammlungen von Nikotinabhängigen sind eine der besten Kommunikationsplattformen der Welt.
Kaum zünde ich mir meine Kippe an, kommt auch schon Ruzickas Lebenspartner mit knallpinker Krawatte und Einstecktuch vorbei. Es geht ihm nicht gut, das ist ihm anzusehen. Aber er ist da und steht leibhaftig vor mir. Von wegen hat sich schon längst ins Ausland abgesetzt.
Oben im Gerichtssaal sucht er sich einen Platz, von wo aus er seinen Alexander gut sehen kann.
Der Sitzungssaal ist so, wie ich ihn aus alten Filmen kenne, mit hohen Fenstern und Wandvertäfelungen aus dunklem Holz. Es gibt zwei Anklagebänke, die auf einem Podest mit einer Stufe stehen.
Auf der rechten Bank nimmt David Linn mit seinen beiden Anwälten Platz, der zehn Minuten vor dem Beginn der Verhandlung ziemlich gelassen den Saal betritt. Gleichzeitig schleppen die beiden Aufsichtsbeamten Aktenstapel durch eine rückwärtige Tür herein und schichten sie auf dem Tisch der Richter. Sie müssen ein paar Mal laufen, bis sie alle Unterlagen zusammen haben.
Ruzickas Anwälte sind inzwischen auch eingetroffen und packen ihrerseits ihre Ordner auf der linken Anklagebank aus. Dann heißt es aufstehen: drei Richter und vier Schöffen kommen rein. Ihr Podest ist zwei Stufen hoch und thront über allem.
Jetzt fehlt nur noch einer: Ruzicka. Es ist schon nach 14 Uhr und ich argwöhne bereits, dass der Polizeikorso im Stau stecken geblieben ist, als sich wie in einem Schloss aus einem Miss Marple-Film in der Holzvertäfelung eine Geheimtür hinten links öffnet, aus der Ruzicka hereingeführt wird.
Alle, wirklich alle halten kurz die Luft an und recken ihre Hälse. Ich sehe nur seinen kahl geschorenen Kopf, denn jetzt sind die Fotografen und Kamerateams dran. Milde lächelnd lässt sie Richter Bonk gewähren und macht keinen Stress.
Nach ein paar Minuten ist er es dann, der die Hauptverhandlung gegen Ruzicka und Linn eröffnet. Er schaut dabei freundlich in die Runde, spricht mit angenehmer Stimme und sieht dabei aus, als könnte er kein Wässerchen trüben. Und jung ist er, aber das will ja nichts heißen.
Dann nimmt alles seinen formalen Lauf: „Sind Sie Ruzicka mit Vornamen Alexander, geboren am…?“, fragt er.
Ruzicka antwortet mit ja und schickt ein smartes Lächeln mit. Nachdem die Fotografen den Blick auf ihn freigeben, sehe ich erst, wie schlecht er aussieht. Blass ist er und hat ganz faltige Augen. Das ist nicht mehr der Beau aus früheren Zeiten, raunt es um mich herum.
Als der ermittelnde Staatsanwalt Wolf Jördens damit beginnt, die 70 Seiten lange Anklageschrift in hessischem Singsang zu verlesen, setzt Ruzicka sogar eine Lesebrille auf.
Anfangs notiere ich noch alle Anklagepunkte, die der Staatsanwalt in immer wiederkehrenden identischen juristischen Formulierungen vorträgt, aber irgendwann steige ich aus und beobachte lieber die Szenerie.
Auch Ruzicka schaut manchmal Minuten lang in die Besuchermenge oder schreibt kurze Kommentare auf einen Zettel, den er seinem Anwalt rüberschiebt. Dann schaut er ihn an und wartet auf sein beifälliges Nicken, das manchmal etwas gequält ausfällt.
Linn wiederum hält die Anklageschrift wie eine Partitur von Beethovens neunter Symphonie in Händen, die er mit spitzen Fingern umblättert und dabei leise im Takt mitschwingt. Manchmal grinst er dabei, vermeidet aber den Blickkontakt mit seinem einstigen Boss.
So ungefähr bei Fall 42 (von insgesamt 86, die der Staatsanwalt hinter einander vorliest!), nicken die ersten Zuhörer ein. Die vier Schöffen aber bleiben tapfer bei der Sache. Es sind eine Frau Mitte 50 in weißem Jackett und drei Männer. Die beiden Älteren, so um die 55 und 60 Jahre alt, sitzen links. Männer aus dem Volk wie sie sitzen abends am Tresen in der Äppelwoi-Kneipe und unterhalten sich über den vergeigten Elfmeter der Eintracht Frankfurt. Sie lesen mit, während der Staatsanwalt liest — oder tun zumindest so. Sobald sie aber aufblicken, steht ihnen nur eine Frage ins Gesicht geschrieben: „Wovon redet der überhaupt?“
Aber da sind sie nicht die Einzigen, denn im ganzen Saal sitzt höchstens eine Handvoll Zuhörer, die kapieren, um was es eigentlich geht. Wie sollen das also die Schöffen können, die vielleicht schon mal etwas von einer Werbeagentur gehört haben, aber Media und TV-Freespace oder war es doch Spaceshuttle?
Am besten gefallen mir aber die beiden rechten Schöffen. Die Frau stützt ihre Ellenbogen auf dem Richtertisch auf, als würde sie vom Küchenfenster aus Falschparker beobachten. Noch besser ist aber ihr Kollege, der Jüngste von allen, so Anfang 30. Sein graues Hemd ist bis oben zugeknöpft, obwohl er keine Krawatte trägt. Mit rotem Kopf liest er konzentriert Seite für Seite und lässt sich durch nichts ablenken. Doch dann, als mal wieder die Rede von einer Rechnung in Höhe von 1,05 Millionen Euro die Rede ist, blickt er plötzlich zu Ruzicka. Lange und mit finsterem Blick fixiert er den Angeklagten. Doch Ruzicka merkt davon nichts. Wenn überhaupt, dann sucht er höchstens den Blick des Richters.
Der zeigt sich wiederum sichtlich amüsiert über den abschließenden Antrag von Ruzickas Verteidiger, der die Aussetzung des Verfahrens will. Während seinen Ausführungen, die mehrere Minuten dauern, dreht sich Richter Bonk auf seinem Rollstuhl beständig von links nach rechts und lächelt vergnügt. Am Ende lächeln alle irgendwie vergnügt und ich frage mich: Ist das normal? Mittlerweile bin ich aber zu der Überzeugung gekommen. So was ist normal, denn auch Prozesse wie der über Ruzicka sind ein Großteil Imponiergehabe, das im Juristenjargon Prozesstaktik genannt wird. Das klingt besser, ist aber das gleiche.



















Mann oh Mann – das wirft aber Prozessfragen auf! Zwar ist bekannt, dass Elke J. eine Intim-Kennerin der Mediabranche ist, aber so intim, dass sie sogar den Lebenspartner des Herrn Ruzicka persönlich kennt und ihm ansieht, ob es ihm gut oder schlecht geht — alle Achtung, die Elke hat Einblick!
Herrn Ruzicka hingegen scheint sie weniger gut zu kennen. Sonst wüsste sie, dass der Mann Aleksander heißt und nicht Alexander. Macht ja aber auch nichts, ist ja ohnehin alles nur “Imponiergehabe”. In Wahrheit ist der Ruzicka genauso unschuldig wie ein Manager bei VW, der sich auf Firmenkosten ein paar schöne Stunden gemacht hat. Also: Lasst ihn frei, denn wen hat er denn schon geschädigt!? Aegis? Quatsch, die Freispots gehörten doch gar nicht Aegis, sondern den Kunden von Aegis. Und die scheinen bis heute noch gar nicht gemerkt zu haben, dass A. R. die Freischaltungen in die eigene Tasche geschoben hat, sonst würden sie ja klagen. Apropos: Wer klagt hier eigentlich an – zu Recht, meine ich?
Der Blog orientiert sich in der Schreibweise von Alexander Ruzicka an Horizont.net, FAZ und Co. Dort schreibt er sich mit x.
Elke hatte ihn mit ks geschrieben. Ich habe das geändert.
Hey – wie kann er sich dort selber schreiben…?
@Bohne: Ihre obige Abschlussfrage kann eigentlich nur einer beantworten: der vorsitzende Richter.
Die Anklage, die ja per Anzeige von Vertretern der Agentur initiiert wurde, fußt auf der Rechtsauffassung, die Rabatte und Freipots hätten zu 100 Prozent Aegis zugestanden. Wie wir wissen, ist diese Auffassung strittig, namentlich die OWM verkündet ja unablässig, die ganzen Goodies stünden den Kunden zu, mit deren Geld die Agenturen schließlich arbeiten würden. Ich will jetzt nicht im Detail das pro und contra aufdröseln, ob Agenturen eine eigene Wirtschaftsstufe (Stichwort: Delkredere-Risiko) darstellen oder nur als Treuhänder für ihre Kunden agieren. Soweit ich das als juristischer Laie sehe, gibt es da kein verbindliches Standes- oder Gewohnheitsrecht, sondern zunächst mal Vertragsfreiheit.
spannend geschrieben. bitte um fortsetzung.
annehmbarer anfang, dröger mittelteil, kein schluss – kommt da noch was?
Eine superwichtige Werbejournalistin (sozusagen die übelste Mischung von allen LOL) zündet sich Luckies an, hat den Schreibstil einer mäßig begabten Schülerzeitungs-Redakteurin und findet sich, jede Wette, supertoll. Wie an der süffisanten Beschreibung der Schöffen unschwer abzulesen ist. Nun ja, jedem das Seine. Mir ist ein äppelwoi-verhangener Eintracht-Fan immer noch lieber als [edited by admin]. Der Eintracht-Fan wäre bei Eintreffen der Häscher, bauernschlau, wie er ist, garantiert schon an der Haltestelle Mönchhofstrasse in der diesigen Nacht verschwunden, ins undurchdringliche Labyrinth der Schrebergärten.
admin(Olaf Kolbrück)
@taffy61
Bitte keine derartigen Beleidigungen. Außerdem gilt die Unschuldsvermutung.
Danke
Gerade in der Kommunikationsbranche sind Scheren im Kopf besonders hilfreich beim Schnipseln der Pappen. Aber solche Ausrutscher kommen vor, sind allerdings schlecht fürs Neugeschäft. Es steht übrigens jedem frei, dem Prozess persönlich beizuwohnen. Schließlich ist es eine öffentliche Verhandlung eines ernsten Vorwurfes. Doch darüber haben die Richter zu entscheiden und das wird frühestens Ende März sein.
Mag sein, dass Gisela Friedrichsen und Gerhard Mauz ihre Gerichtsreportagen etwas routinierter runterschreiben. Aber bisher gehörte Prozessberichterstattung ja auch nicht gerade zu den alltäglichen Anforderungen an Werbe- und Medienjournalisten. Und etwas mehr Entwicklungsspielraum sollte man der Kollegin bei ihrem Debut auf dieser vielleicht noch ungewohnten Plattform doch zugestehen. Ich sehe weiterem Lesestoff in dieser Angelegenheit jedenfalls gespannt entgegen.
Der Artikel von Frau Jacob erinnert in vielem an die frühere Berichterstattung von EJ über Aleksander M. Ruzicka, die immer von nicht offensichtlicher aber dennoch vorhandener Sympathie geprägt war. Sie hat in den Jahren der Freiheit von Herrn Ruzicka davon profitiert, immer als eine der Ersten informiert zu sein und über “intimste” Informationen zu verfügen, die teilweise auch bewusst so plaziert wurden. Es wundert an dieser Stelle schon sehr, wie zynisch sie dann doch das Wohlergehen oder genau das Gegenteil von Ruzickas Lebensgefährten als auch das von ihm selbst kommentiert. Ob dies objektive Berichterstattung ist bleibt zu fragen oder doch nur wieder eine Art Propaganga, für die sie sich hat benutzen lassen.
Ruzicka zu beurteilen oder zu beschreiben, sollte man den Menschen überlassen, die ihn erlebt haben oder erleben mußten. Er birgt ein hohes Potenzial an Kriminilität, von der in diesem Prozess wenn überhaupt nur die Spitze des Eisbergs berührt wird. Es gibt eine große Anzahl anderer Vergehen, derer man ihn anklagen sollte, mit evtl. sogar mehr Chancen auf Erfolg. Insofern ist es richtig, dass diese Schöffen nicht die Richtigen sind, dies auch zu beurteilen. Der Artikel von EJ jedoch klingt wie der Bericht einer Kasper-Veranstaltung, wird bewußt leicht ins lächerliche gezogen. Es stellt sich nur die Frage warum. Zum Zwecke des Meinungsumschwungs “für den armen Aleksander Ruzicka”? Einem Menschen, der nie Rücksicht auf andere genommen hat, es sei denn, dies diente seinem eigenen Vorteil. Es mag sein, dass dieses Verfahren gegen ihn nun die Frage aufwirft, ob er stellvertretend für die Machenschaften einer ganzen Branche angeklagt wird. Nicht aber, ob es an der Zeit ist, dass er dort überhaupt steht. Sondern viel mehr dass die Zeit dazu lange überfällig ist.
hallo grisu,
ich glaube nicht, dass einem journalisten ein vorwurf daraus gemacht werden kann, als einer der ersten informiert zu werden. das ist schlicht mein job und gilt im übrigen für alle meiner ansprechpartner. zudem möchte ich betonen, dass ich mich weder in meinen artikeln noch in meinem blog-beitrag auf eine seite schlagen werde. die beschreibung meiner eindrücke hingegen habe ich mir deswegen erlaubt, weil mich sehr viele danach gefragt haben. alle wollten wissen, wie sieht er aus? wie war es im gerichtssaal? diese eindrücke habe ich versucht zu beschreiben. mehr nicht und ein kasperletheater war es wahrlich nicht und eine verunglimpfung der schöffen auch nicht. veilleicht haben sie die möglichkeit, mal selbst einem prozesstag beizuwohnen. dann wäre ich gespannt, wie sie die szenerie beschreiben würden. die urteilsfindung überlasse ich allerdings einzig den richtern und bis dahin versuche ich so viele infos wie möglich zu sammeln, um die leser/blogger oder wen auch immer auf dem laufenden zu halten und, wenn sie mir was erzählen können, dann rufen sie mich an.
Mir ist nur etwas schleierhaft, was die sexuelle Orientierung des Angeklagten in diesem Text zu suchen hat, da es ja wohl kaum um ein Sexualdelikt geht. Oder lesen wir demnächst in jedem Artikel in der Horizont auch “der heterosexuelle Manager Max Mustermann im Interview”? Das sollte doch wohl die Privatsache des Herren bleiben, oder?
@grisu: Die Älteren unter uns werden sich erinnern, dass ein früherer Horizont-Chefredakteur eine Zeitlang als Kommunikationsberater für Aegis agierte. So abwegig (oder gar ehrenrührig) ist der Gedanke wohl nicht, dass Herr Ickstadt seinem Mandanten Ruzicka empfohlen haben könnte, einen guten Draht zu der Media-Fachfrau in der Redaktion aufzubauen, oder?
@mark793 (wieso eigentlich 793?): herr ickstadt hat mich bereits während seiner amtszeit dazu angehalten, zu allen agenturbossen einen guten draht aufzubauen. das werde ich auch in zukunft tun, egal wer deren kommunikationsberater ist.
Nichts anderes habe ich vermutet, no offense. Die 793 war der numerische Bestandteil meines damaligen Kfz-Kennzeichens MA-RK 793, als ich auf die Schnelle einen Benutzernamen suchte, um einen Kommentar bei Don Alphonso zu hinterlassen. Der war grad mal wieder dabei, meinen alten Kollegen Peter Turi zu dissen. Und da fühlte ich mich verpflichtet, einen etwas anderen, näheren Blickwinkel in die Diskussion einzubringen. Seitdem bin ich mit diesem Nick sozusagen semi-anonym unterwegs.