Spießer Alfons: Die Bahn ist auf dem Schnäppchen-Gleis
Bei Verlagen ist es so: Neue Abonnenten bekommen Vorteile, alte Abonnenten gucken in die Röhre. Und bei der Bahn? Da ist es so ähnlich …!
In Deutschland gibt es eine Zwei-Klassengesellschaft. Das ist nun aber vorbei, jedenfalls für vier Wochen. Denn im März können alle Bürger, die ihr Dasein in der unteren Klasse fristen, aufsteigen in die Oberklasse. Und zwar bei der Bahn, wo man im kommenden Monat von der 2. in die 1. Klasse wechseln kann. Zwar haben die Wagen der 1. Klasse genauso viel Verspätung wie die Wagen der 2. Klasse, bieten aber den Vorteil, dass der Reisende die Bahn nicht in vollen Zügen genießen muss, weil es in der 1. Klasse zumeist leerer ist. Lediglich die Toiletten der 1. Klasse, die sind voller, weil sich dort auch die Passagiere aus der 2. Klasse immer wieder gern entleeren.

Nun also können auch Menschen 2. Klasse bei der Bahn in der 1. Klasse fahren. Der Grund: Die Bahn macht mobil. Was bedeutet: Im Monat März 2008 können Inhaber einer Bahncard 2. Klasse ermäßigte Fahrscheine für die 1. Klasse kaufen! Und damit natürlich auch den 1. Klasse-Service genießen. Anzeigentext der Bahn: „Die 1. Klasse jetzt mit mehr Exklusivität und persönlichem Service.“ Was meint: Mehr Exklusivität in der 1. Klasse durch Mitreisende aus der 2. Klasse!Was sind das eigentlich für Vorteile, die Bahn-Kunden in der 1. Klasse haben? Zuerst einmal der Wartesaal in den DB-Lounges. Dort werden Getränke serviert und Nüsslein. Aber nicht nach 22 Uhr. Weil die Lounge dann geschlossen ist. Und als Alfons gerade den Nachtzug von Frankfurt nach Hamburg nehmen wollte, und noch gut eine Stunde warten musste, fragte der Spießer am DB-Schalter, wo er sich denn hier aufhalten könne, um nicht in der zugigen, eiskalten Bahnhofshalle stehen zu müssen. Der DB-Mann ungerührt: „Entweder Sie gehen zur Bahnhofsmission oder zu McDonald’s!“ Also ging Spießer Alfons mit seiner 1.-Klasse-Bahn-card zu McDonald’s. Ja, die Bahn macht mobil. Besonders in der Nacht, wenn alle Züge grau sind.
Und dann soll es in den ICE-Zügen eine „Auswahl an kostenlosen Tageszeitungen“ geben. Die hat Alfons weder gesehen noch gelesen — außer einer einzigen Kompaktzeitung. Und „kleine Aufmerksamkeiten, die Ihnen die Reisezeit verkürzen“. Sind damit vielleicht die kleinen Nusstütchen gemeint? Oder das Zwei-Pralinen-Schächtelchen, das die Zeit der Reise kürzer werden lässt …?
Was Alfons zu seinem Beitrag bewogen hat, ist allerdings ein besonders spießiger Gedanke: Wenn 2.-Klasse-BahnCard-Inhaber vier Wochen lang ermäßigte Fahrscheine für die 1. Klasse kaufen können, dann haben sie doch Vorteile gegenüber Bahn-Kunden, die regulär für die 1. Klasse zahlen, oder …?
Da wird Alfons der Spießer zu Alfons dem Rächer. Und rächt sich bei der Bahn wie folgt: Alfons kauft mit seiner Bahncard 1. Klasse eine billigere Fahrkarte für die 2. Klasse. Und dann fährt der Spießer gar nicht 2. Klasse, sondern er setzt sich in den Speisewagen und verbringt dort die Fahrt von Hamburg nach Berlin mit Speis und Trank. Der Witz: Von dem gesparten Geld für die 1. Klasse kann Alfons spielend seine Mahlzeit bezahlen, hat somit gratis gegessen und getrunken, ohne zweitklassig zu reisen.
Ja, Herr Mehdorn, so was kommt eben von so was.
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