Links oder linkisch – die ramponierte Marke SPD
Mit der Kohabitation mit der Links-Partei in Hessen erweisen Kurt Beck und Andrea Ypsilanti der SPD einen Bärendienst. Das mag man politisch kommentieren, man sollte es aber auch einmal aus Marketingsicht sehen. Denn eine rot-grüne Regierung mit Hilfe der Linken schadet vor allem der Marke SPD.
Dabei geht es im Kern nicht einmal um Glaubwürdigkeit und Wahlversprechen. Spätestens seit Adenauer (“Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern”) zählt Glaubwürdigkeit kaum zum Markenkern von Parteien. Entscheidender sind für die Marke drei andere Faktoren.
1. Der Umgang mit der Links-Partei im Westen erhöht schlagartig die Awareness für die Partei und rückt sie damit deutlicher ins Relevant Set der Wähler.
2. Das ist umso fataler, als die Marke SPD mit dem Linksschwenk einen Teil des Markeninhalts und Markenversprechens Problemlösungskompetenz an die Linke abtritt und damit einen wichtigen Part jedes Markenkerns ausgerechnet an einen politischen Mitbewerber abtritt, der sich in einem ähnlichen Farbspektrum bewegt und noch dazu eine deutlich konturiertere Markenbotschaft als die Volkspartei SPD anbietet.
3. Damit verliert die SPD auf Dauer ein Element, das jede Marke zum Überleben braucht: die klare Differenzierung. Letztlich geht dadurch das Alleinstellungsmerkmal als Verfechter sozialer Gerechtigkeit verloren.
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Und der Pfälzer König Kurt darf sich rühmen, die SPD ins Ghetto der 20-Prozent-Partei geführt zu haben.
Ähm, so interessant ich die Idee finde, Politik mal unter Branding-Gesichtspunkten zu begutachten auch finde, muss ich da mal ganz im Stil Eures Spießers ein wenig was anmerken.
Cohabitation ist ein in der franz. Politik geprägter Begriff, der gänzlich andere Machtverteilungen beschreibt als die in Hessen oder zwischen SPD und Linke.
Die Linke hat genug Awareness im Westen. Man schaue ins TV, höre Radio oder lese Zeitungen. Es wird an allen Orten vom Fünf-Parteien-System gesprochen.
Nicht zuletzt drei Wahlerfolge in Folge + beachtliche 4% bei der Kommunalwahl in Bayern schaffen ausreichend Awareness.
Ihr Markenversprechen hat die SPD mit der Agenda2010 und der damals mangelnden Kommunikation dieser Entscheidungen selber über Bord geworfen.
Keine klare Differenzierung? Dann kann man auch CDU/FDP/SPD/Grüne/Linke leicht gemeinsam in einen Topf werfen.
Dass es Schnittpunkte zwischen Linke und SPD gibt, liegt in der Natur der Sache und weniger an den Überlegungen sich von der Linken tolerieren zu lassen oder zumindest bei der Wahl zum Ministerpräsidenten zu kooperieren.
@Andre Wegner
Klar ist Hessen mit der franz. Cohabitation nicht wirklich zu vergleichen.
Den Begriff Kohabition habe ich bewusst gewählt, weil er ein wenig mehrdeutig ist.
Stichwort Awareness- die dürfte sicherlich noch anders sein, wenn die Linke im Westen als Mehrheitsbeschaffer dasteht und damit einen Mehrwert darstellt, der über reines Protestpotenzial hinausgeht.
Alle Parteien in einen Topf? Auf einen genaueren Blick hin, würde ich da schon noch deutlich unterschiedliche Töpfe sehen. Frage ist nur, wird der Unterschied auch tatsächlich kommuniziert oder mit Blick auf die Mitte nicht gerne in der Kommunikation glatt gebügelt und nur noch über das politische Personal transportiert?
Sicherlich gibt es Schnittpunkte zwischen SPD und Linke. Für das eigene Überleben wäre es für die SPD aber sinnvoller, die Unterschiede klarer herauszuarbeiten. Wenn sie sich nicht als konturiertere und glaubwürdigere soziale Partei darstellt, kann sie schnell auch im Westen als Juniorpartner der Links-Partei dastehen. Um das zu verhindern müsste sie aber per Programmatik/Markeninhalte die Wähler, nicht aber die Linkspartei selbst ins Boot holen.
Naja, ich tippe ja eher, dass Ypsilanti die legitime Nachfolgerin von Simonis wird, sollte sie ernsthaft versuchen sich von der Linken tolerieren zu lassen. Meine Vermutung ist, dass es in der Hessen-SPD genügend geben würde, die einen solchen Kurs nicht mittragen möchten. Mal abgesehen davon, ob die Grünen mitspielen würden.
Klar werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Parteien immer so betont wie es gerade in den Kram passt. Nicht zuletzt ist das Berliner Koalitionstheater nichts anderes als der Auftakt zum Bunbdestagswahlkampf, obwohl die grosse Kolation sicher ohne großes Tamtam weitermachen könnte.
Die SPD hat aus meiner Sicht mehrere Probleme:
- Die CDU sähe es gerne, wenn die SPD in der Rolle des Juniorpartners der CDU bliebe, vor allem da Sozial/Liberale und Rot/Grüne Mehrheiten nicht so wahrscheinlich sind. Dazu muss die Linke aber weiterhin nicht mitspielen dürfen. Denn rechnerisch zumindest gibt es schon seit Jahren die Möglichkeit von Rot/Rot/Grün. Daher auch der Versuch eine Zusammenarbeit mit der Linken zu entabuisieren (was den Westen betrifft).
- Dauernd zu sagen mit der Linken könne man nicht zusammenarbeiten ist nicht sonderlich plausibel, denn einerseits tut die SPD genau das im Osten bereits sei Jahren und andererseits sind z.B. in Hessen die Schnittmengen zwischen Rot/Rot/Grün und einer evt. großen oder Ampelkoalition höher.
- Wie soll sie eigene stabile Mehrheiten erreichen, wenn sie Ergebnisse weit jenseits von 40% einfährt? Die FDP setzt ausschließlich auf Schwarz/Gelb, und das bleibt mindestens bis 2009 so. Rot+Grün hat in den letzten drei Landtagswahlen nicht gereicht. Es gibt zwar eine linke Mehrheit aus Rot/Rot/Grün (auch in Hamburg), aber die drei Parteien zusammen in ein Bündnis zu führen wirkt fast unmöglich.
- Egal welchen Weg die SPD geht, sie wird weiterhin Mitglieder und Anhänger verlieren. Egal ob nun auf der rechten Seite wie Clement oder der Seeheimer Kreis oder eben auf der linken wie die WASG, die sich ja zu einem erheblichen Teil aus Ex-SPDlern speiste.
Da ließe sich noch viel mehr zu sagen. Bleibt es bei einem Fünf-Parteien-System? Kommt ein Mehrheitswahlrecht? Was wird aus der CDU? Kann die FDP auf Dauer mit einem Einzelthema wieder in Regierungsveranwortung kommen? Was wird aus den Grünen, wenn sie zur Funktionspartei wie die FDP mutieren?
Aber ich möchte den Charakter des Blogs für Marketing, Werbung und Medien nicht sprengen.
@Andre Wegner. Für eine sachliche und weitgehend treffende Analyse wie deine ist hier schon noch Platz.