Tibet, China und der Druck auf die Olympia-Sponsoren
Fast schon programmiert lösen die blutigen Unruhen in Tibet die Frage nach einem Boykott der olympischen Spiele aus. Zu kurz gesprungen. Ein Boykottaufruf besänftigt erstmal den Volkszorn, der Boykott selbst bestraft aber die Sportler von Olympia und dürfte Peking kaum beeindrucken. Der politisch noch dazu löchrige Boykott der Sommerspiele in Moskau 1980 hat auch die damalige UdSSR nicht aus Afghanistan vertrieben.
Die Frage ist vielmehr: Können es sich Marken leisten, die sonst den Liebreiz ihren Markenwelten, Freundschaft und Gemeinschaft, Friede, Freude und Eierkuchen zum Teil ihrer Markenwelt erklären, weiter einträchtig mit Peking Händchen zu halten?
Würde es ihnen der mitteleuropäische Kunde nicht übelnehmen, wenn sie sich nicht zumindest so deutlich für die Einhaltung von Menschenrecht-Standards einsetzen, wie sie sonst die Qualitätskontrolle für Salate forcieren?
Müssten sie nicht für eine friedlichen Wettbewerb der Ideen eintreten, wo sie doch auch sonst Fair play propagieren?
Müssten sie nicht in der Tibet-Frage so Flagge zeigen, wie sie sonst Corporate Social Responsibility-Gesten vom Stapel lassen?
Oder werden diese Sponsoren trotz LOHAS-Trend und wachsender Relevanz von Glaubens-Marken von der Empörung umsatztechnisch unberührt bleiben und ungerührt weiter agieren wie bislang. Bleibt das Image unangekratzt?
Aus deutscher, europäischer Sicht dabei besonders interessant: Wie verhalten sich Adidas, VW, Coca-Cola, McDonalds, Lenovo, Samsung, Johnson & Johnson, Panasonic, Visa?
Druck auf China kann wohl nur über eine gemeinsame Aktion der Sponsoren erfolgen. Diese könnten dem IOC und China beispielsweise klar machen, dass die Tibet-Politik schlecht fürs Geschäft ist, schlecht für die Marke ist. Aber bitte keine Einzelaktion. Die Kündigung ihres Vorzeigeplaners Steven Spielberg hat die Chinesen wohl ebenso wenig ins Mark getroffen wie die Bemühungen der International Campaign for Tibet und der Aktion Race for Tibet. Trotzdem unterstützenswert.



















Verdammt schwierige Kiste. Vor allem das aus wirtschaftlichen und nicht aus politischen Erwägungen zu betrachten.
Die Spiele sind nach Peking vergeben worden, und ich denke auch, dass es China nicht eine Sekunde beeindrucken wird, wenn nun einzelne Nationen mit einem Boykott drohen werden.
Mann wusste, mit wem man sich einlässt. Man kannte die Tibet-Problematik. Wer ist jetzt wirklich überrascht?
Das Problem der Produzenten wird sein, dass sie zur Einhaltung gewisser Standards (Qualitätsstandards, Social Responsability etc.) ihre eigenen Lieferanten drücken können.
VW, Coca-Cola, McDonalds usw. sind aber ihrerseits widerrum nur Kunden des Landes. China dürfte es nicht jucken, wenn es ab morgen keine Coke mehr gäbe. Coca-Cola hingegen hätte ordentliche Gewinneinbußen. Und kein Konzern wird sich ins Fahrwasser der Politik begeben, würden sie sich Pro-Tibet zeigen.
Konzerne brauchen Profite um jeden Preis. Kein Anteilseigner wird deswegen mehr Aktien kaufen, nur weil der Konzern in den Augen von Europäern ethisch richtig gehandelt hat.
Zurückgetretene Regisseure wollen Ruhm und Ehre, hin und wieder Mal einen Auftrag und ordentliche filmische Leistungen abliefern. Steven Spielberg steht es gut dass er seinen Protest äußert – bei großen Konzernen ist das Krisenmanagement noch nicht so weit fortgeschritten als dass sie solch einen Schritt vollziehen würden/könnten.
Um Profite zu machen, brauchen Unternehmen erst einmal Kunden. Und ein Absatzeinbruch von ein paar Prozent in einem großen Markt wie Deutschland dürfte auch Shareholder interessieren. Die Macht des Kunden wäre also da. Nur er nutzt sie nicht. Vor lauten Börsenpaniken traut er sich ja kaum noch mit den Kopf aus seiner kuscheligen Nische heraus.
Olaf, ist es denn aber richtig, die Sponsoren zum Sündenbock zu machen bzw. medialen Druck auf sie auszuüben, dass sie sich geschlossen zurückziehen oder zumindest einen Boykott androhen?
Hm, wäre eine interessante moralische Frage. Finde ich aber zu theoretisch. DIe Grundfrage muss man doch kundenseitig sehen: Bin ich als Kunde bereit mich als Teil einer Marke bzw einer Markenwelt zu betrachen, deren (politischen) Kurs ich nicht goutieren will. Wie hoch sind meine Kosten (Geld, Zeit, etc) für einen Markenwechsel? Was kostet mich mein schlechtes Gewissen? Was steht also unter dem Strich da.
Da muss man niemanden zum Sündenbock machen. Unternehmen wissen sehr genau, wann ihre Politik und Strategie in einem Absatzmarkt umsatzsensibel wird.
Vor allem ist der Einsatz für mehr (auch politische Freiheit) auch in ihrem eigenen Interesse, weil dadurch (arg verkürzt formuliert) letztlich auch mehr Wettbewerb und mehr Markt möglich wird. Und diese Eintreten für eine offene Gesellschaft kann man ja auch positiv als Teil der Markenwelt und der CSR “verkaufen”.
Wer a sagt muss auch b sagen. Also sollten sich auch die Werbepartner des DOSB http://www.dsm-olympia.de/de/1.....rtner.html
sowie die Lizenzpartner und Co-Partner fragen, ob sie wirklich nach Peking wollen. Dann aber wird es kompliziert. Muss man auch nich die Ausrüster boykottieren? Die einfachste Lösung: Glotze aus. Wenn die Quoten für Werber und Sponsoren in den Keller gehen, versaubeutelt es obendrein dem IOC noch künftige Geschäfte.
Peking unterdrückt nicht erst seit drei Tagen Tibet.
Von daher kommen mir die Aufregungen um China und um das Geschäftemachen mit China etwas seltsam vor. Wer als IOC-Funktionär oder Werbefuzzi da drin steckt, steckt jetzt drin. Natürlich kann er jetzt noch einen schicken Boykott hinlegen, ist ihm unbenommen. Aber wirkt etwas künstlich.
Zum Glauben an den angeblich demokratisch machenden Einfluss westlichen Reichtums und westlicher Konsumgepflogenheiten: ‘+~*^°#!
@vroni: Vielleicht liegts daran, dass blutige Unruhen noch einmal eine andere Qualität haben, als “schnöde” politische Unterdrückung, die immer noch auf eine politische Lösung hoffen lässt. Also im Zweifel besser Boykott spät als nie. Natürlich macht Reichtum nicht demokratisch, aber freiheitliche Werte erleichtern das Handeln.
@Kaffeekanne: Zur einfachsten Lösung – nämlich Glotze aus – werde ich auch greifen. Schon allein, weil mich das große Gewese um freiwillig-sinnfreie körperliche Mühsal noch nie interessiert hat. Da ich aber nicht in einem Teilnehmerhaushalt des GfK-Fernsehpanels lebe, bringt das keinen Verantwortlichen davon ab, das olympische Spektakel durchzuziehen wie geplant. Insofern finde ich die Frage berechtigt, ob nicht Sponsoren oder NOKs ihr Engagement für die Spiele in Peking nochmal krititisch überdenken sollten.
Auch wenn der Boykott der Spiele in Moskau damals nicht zu einem Truppenabzug in Afghanistan führte, war es zumindest ein wichtiges Signal an den Kreml, Obacht, Jungs, alles hat seine Grenzen. Ein entsprechendes Signal an China, das andererseits aus wirtschaftlichen Gründen hofiert wird wie blöd, fände ich nicht verkehrt.
Gestern, als das Thema in jeder Nachrichtensendung war, habe ich mich immer nur eins gefragt: Wie kann es sein, dass in Tibet Menschen systematisch getötet werden und wir uns über Olympia unterhalten? Ist Sport und die Wirtschaft wirklich so wichtig? Oder sollten wir nicht vielleicht Politik Politik sein lassen?
Prinzipiell alles nette Ideen. Aber vielleicht kann man sich aus dem Westen nicht vorstellen, was für ein Markt hier gerade entsteht.
Peking wird so massiv zur Werbung genutzt wie ich noch in keiner anderen Stadt gesehen hab. Das ist nicht nur der Olympia-Effekt, sondern eher der China-Effekt. Ein Boykott aus Deutschland oder Europa käme nicht so teuer zu stehen wie den chinesischen Markt zu verpassen.
Wenn adidas als offizieller Sponsor auf Werbung in China verzichtet, was sollte dann NIKE machen. Auch auf Werbung verzichten? Und was ist dann mit dem chinesischen Konkurrenten wie LiNing. Aus chinesischer Sicht haben sie ja keinen Grund auf Werbung zu verzichten.
Finde Sachar hat recht. Das ist ein politisches Problem und sollte mit politischen Mitteln bekämpft werden. Als die USA gegen den Willen vieler im Irak einmarschiert sind hat auch keiner sportlichen (und nur begrenzt wirtschaftlichen Boykott) gefordert, obwohl viele eine stark-ausgeprägte politische Meinung zu dem Thema hatten.
lieben Gruß aus Beijing,
sOjahund