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Spießer Alfons: Redakteure als Werbehelfer bei Guerilla-Aktionen

Wir kennen verschiedene Arten von Kriegen. Da gab es zum Beispiel die großen Kriege, die man Weltkriege nennt. Und es gibt kleine Kriege, wie zum Beispiel den Nachbarschaftskrieg um die berühmten Zweige, die über den Gartenzaun hängen. Klein ist auch ein Federkrieg, der allerdings zum Bürgerkrieg ausarten kann, wenn es ein Behördenkrieg ist. Dagegen ist ein Sängerkrieg völlig harmlos, zumal, wenn Heidehasen sich dabei bekriegen. Und es gibt Guerilla-Kriege.

Guerilla-Kriege sind Kleinkriege, die durchaus gefährlich sind, auch wenn es nur Überfälle und Scharmützel sind und keine großen Schlachten geschlagen werden. Guerilla-Kriege werden von so genannten Guerilleros geführt. Und von Werbeagenturen.

Jüngstes Beispiel: TBWA ließ in Berlin über Nacht einige Tausend Straßenschilder überkleben mit „Sunset Blvd“, um damitsunset_1.jpg auf das BMW 1er Cabrio aufmerksam zu machen. Die Mittel allein hätten den Zweck nicht erfüllt, würden die Medien nicht für Aufklärung beim Publikum gesorgt haben. Und den Redaktionen dieser Medien verleiht Spießer Alfons hiermit einen Preis: Die grüne Tomatenbrille. Weil die Damen und Herren offensichtlich etwas grün hinter den Ohren sind und Tomaten auf ihren Augen haben.Der Grund: Da überlegten sich ein paar Werbeköpfe, wie sie Werbegeld sparen, indem sie nicht teure Anzeigen in den Tageszeitungen schalten, sondern Guerilla-Maßnahmen betreiben. Wie eben Straßenschilder überkleben nach dem Motto: Dann werden die Medien schon kostenlos Werbung machen redaktionell darüber berichten. Und die Bußgelder, die ans Ordnungsamt zu zahlen sind, das sind Peanuts gegenüber den Preisen für Anzeigenmillimeter.

Gesagt, getan. Und die Rechnung ging auf, weil Redakteure in solchen Fällen nicht über Zusammenhänge nachdenken, sondern sich als willfährige Werbehelfer missbrauchen lassen. Nur so konnte die Guerilla-Aktion in Berlin funktionieren. Und morgen wird die nächste Werbeagentur kommen, und durch die geschlossenen Fenster der Häuser ein paar Steine werfen, die eingewickelt sind in einen Flyer, auf dem der Name einer Hausratversicherung (alternativ: Glaserei) gedruckt ist.

Aber Scherz beiseite! Im Gegensatz zu Alfons belobigt des Spießers hübsche Kollegin Bärbel in HORIZONT.NET genauso wie in HORIZONT.PRINT die Guerilla-Aktion von BMW und TBWA als „Top der Woche“. Hier, in off-the-record, tadelt Spießer Alfons solche Maßnahme als „Mob der Woche“, wohl wissend, dass die meisten von Euch solche Ordnungswidrigkeiten nicht so eng sehen wie der Spießer, sondern der lieben Bärbel zustimmen werden. Aber wenn morgen Euer geparktes Auto mit Werbesprüchen einer anderen Automarke beklebt ist – ob Ihr solche Guerilla-Werbung dann auch noch hammermäßig findet? Oder gilt Euer Beifall nur dann, wenn es öffentliche Einrichtungen betrifft wie Häuserwände oder Straßenschilder? Und was ist, wenn das Schule macht und alle naslang passiert…?

Kurz & spießig: Es ist wahnsinnig leicht, etwas Verbotenes zu tun, um damit aufzufallen. Jeder Graffiti-Sprayer liefert dafür Beispiele. Und wenn man für die Kommunikation dann auch noch kostenlose Helfershelfer bei den Medien findet und Bußgelder spielend aus der Portokasse bezahlen kann – ja, warum sollten dann nicht alle Ortsschilder von Berlin über Nacht in BMWerlin umgewandelt und die Rathäuser weiß-blau angestrichen werden…?!

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Kommentare

  • Ugugu 27. März 2008 (10:40 Uhr)

    Oder wie man sich sein Grab selber schaufelt…

  • Dr. Azrael Tod 27. März 2008 (10:56 Uhr)

    Schöne Ansicht.. Leider kann man das der breiten Masse an BigBrother-guckenden Deutschen wohl schwerlich klarmachen… Von daher ist das alles, wie immer, vergebliche Mühe. Wer denken kann, weiß sowas von selbst und wer nicht, der wird auch weiterhin sich seine Meinung vorBilden lassen.

  • Agaga 27. März 2008 (11:56 Uhr)

    Das ist doch einfach nur plump. Da gibt’s doch wirklich tausend Sachen um Aufmerksamkeit zu bekommen. Die Frage ist doch, wie es beim Betrachter ankommt. Ich glaube, dass da einige Kreatiefe mal wieder selbstverliebt ihre Ideen preisgeben, ohne die Leute im Blickfeld zu haben, die sie eigendlich erreichen wollen. Nach solchen Taten ist wieder ein bißchen Sympathie für die Werbebranche verloren.

    Da wird sich unter den Werbern beklagt, warum im Ranking nur noch der Telekom-Mitarbeiter und der Versicherungsvertreter nach dem Werbetreibenden kommt und dieselben Leute gehen einem einfach nur auf den “S….“ in dem sie Straßenschilder überkleben. Der nächste Schritt sind dann kleine Werbebanner in künstlicher Hundescheiße gesteckt, die für Schuhcreme werben.

  • Frau F. 27. März 2008 (12:08 Uhr)

    hab mal ne spießige frage… kann es sein, dass die aktion in frankfurt war und nicht, wie geschrieben, in berlin? bei näherer betrachtung ist auf dem straßenschild die bockenheimer landstraße zu erkennen. im hintergrund taucht auch die alte oper auf. und beides gibt es bekanntlich in frankfurt und nicht in berlin…
    ob so eine aktion gut ist… naja, sie ist schon aussergwöhnlich, aber sprayer werden ja auch wegen beschädigung öffentlichen eigentums angezeigt und da kommen keine medien, die ihre werke, die meistens kreativer sind, anpreisen und als gute ideen loben. oder hab ich in der berichterstattung was verpasst?
    klar soll werbung aussergewöhnlich, kreativ und vor allem aufmerksamsstark sein, aber im grunde unterscheiden sich solche aktionen nicht von graffitis an s-bahnen, die empörung in der bevölkerung auslösen…

  • cedrical 27. März 2008 (13:16 Uhr)

    es war in mehreren städten. unter anderem in frankfurt und berlin. stand so im horizontartikel. ich finde die idee schön und gut und bin mir sicher und weiß, dass sie menschen, die sie gesehen haben spaß gamacht hat. außerdem wurden tausende dinger geklebt - es geht also nicht nur um redaktionelle berichterstattung.

    p.s. (postive) redaktionelle bereichterstattung ist die größte und schönste auszeichnung, die werbung bekommen kann. da ist der spießer wieder mal nur neidisch und/oder hat die letzten jahre verschlafen… ;-)

  • Tim 27. März 2008 (14:31 Uhr)

    Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie viel “Spaß” ich an solchen Aktionen als Ortsfremder bei der Orientierung hätte …
    Für das unablässige Vollmüllen meiner ohnehin schon übersättigten Umwelt mit immer neuem Bullsh$# dieser Art habe ich kein Verständnis. Für die Werbewelt als solche allerdings auch schon lange nicht mehr. Schaltet weiter Anzeigen in Magazinen, die ich nicht lesen muss, aber lasst die Wände, Gehsteige und Straßenschilder den Leuten, die mit Edding und Paketaufkleber zuweilen zeigen, was wirklich kreativ ist.

  • Claus Thaler 27. März 2008 (15:02 Uhr)

    Kann mir bitte mal jemand erklären, wie ich als Passant auf den Absender BMW komme? Gibt es ein zweites Schild, das auf dem Foto nicht zu sehen ist? Stehen da Promotionteams unter jedem Schild? Oder bekommt jeder Augenzeuge ein “Horizont”-Abo, damit er die Aktion versteht?

  • Max 27. März 2008 (15:02 Uhr)

    Danke Spießer, danke!

    Ich habe mich nämlich heute schon echt geärgert, als ich in der Horizont diese Werbung als Top der Woche sah. Das ist einfach nur eine Frechheit und die Einschätzung vom Spießer schätze ich sehr! Vielen Dank.

    Übrigens sind die Bußgelder wirklich ein Scherz. Deshalb klebt die Agentur PONT9 in Frankfurt auch sehr häufig Laternen und Straßenschilder mit ihrer Werbung zu. Aufkleber drucken lassen ist heutzutage sehr billig. Also einfach mal alles zukleben. Ist ja Guerilla, klingt ja cool. Wir sind so kreativ…

  • Dierk 27. März 2008 (15:06 Uhr)

    Haben die in Berlin und Bankfurt wenigstens irgendetwas Konstruktives dazu geboten, so wie in Lachstadt, wo ein Sand-BMW auf den Jungfernstieg gebatscht wurde? Da gab es wenigstens einen halbwegs sinnvollen Ansatz für eine redaktionelle Aufarbeitung [’Geh’n Sie Karfreitag doch mal Sandskulptur schauen!’].

    [siehe dazu auch: http://366foto.dh2publishing.info/__onec...

    Ansonsten gehören Werbung und Redaktion getrennt - und da hat Spießerlein völlig recht, die Deppen sitzen hier nicht bei TBWA, sondern in den Redaktionen und beschimpfen sich selbst als Journalisten*.

    *Wobei das Wort nur deswegen zum Schimpfwort wurde, weil so Dinge wie Recherche, Dokumentation oder auch nur luzide Texte schon lang’ keine Rolle mehr spielen. Das Abschreiben von PR-Meldungen ist definitiv nichtswürdig.

  • Oliver Springer 28. März 2008 (03:49 Uhr)

    Derartige PR-Aktionen auf Kosten der Allgemeinheit finde ich sehr unangenehm.

    Redakteure als Werbehelfer: Ähnlich funktioniert auch die PR von Terroristen. Die Medien - auch die “seriösen” - machen sich zu Werbehelfern der Terroristen.

    Berichterstattung ja, aber auf das Wie kommt es an. Ich würde eine Initiative begrüßen, etwa keine Bewegtbilder von Terroranschlägen mehr zu zeigen.

    Das ist ein Extrembeispiel, mir geht es um das Prinzip, negatives Verhalten nicht noch zu belohnen.

    Mit Aktionen, die keinen Schaden anrichten, kann ich mich anfreunden. Was die in der Diskussion angesprochenen kleinen Werbebanner in künstlicher Hundesch***e angeht: Als Teil einer originellen Kampagne und wenn die Kosten der Entsorgung nicht der Allgemeinheit zur Last fallen, könnte mir das sogar gefallen.

  • Agaga 28. März 2008 (11:22 Uhr)

    Klar kann ich künstliche Hundehaufen mit Werbebannern in Fußgängerzonen plazieren (käm’ drauf an was man werblich daraus macht). Aber! Warum muß man alles machen, was möglich ist? Nur um aufzufallen! Der Betrachter stumpft doch immer mehr ab und schaut irgendwann nur noch weg. Ich habe Zweifel ob diese Art von Werbung wirklich auf lange Sicht dem beworbenen Produkt nutzt. Es sind doch gerade die versteckten und vom Betrachter gefundenen, angenehm überraschenden Dinge, die langfristig positiv wirken. Klar kann ich jede Woche “die Sau durch’s Dorf treiben“ und hoffen dass ja auch alle hinschauen. Aber ob das auf Dauer positiv wirkt wage ich zu bezweifeln.

  • ramses101 28. März 2008 (12:08 Uhr)

    Wieso künstliche Hundehaufen? CP+B hat es doch längst mit echten gemacht (ich finde gerade nur leider kein Bild.)

  • Agaga 28. März 2008 (12:36 Uhr)

    Ist das wirklich kreativ?

    Ich war mal eben auf der Seite von CP+B.
    Sieht ja alles recht glattgebügelt aus. Halt wie so ne’ Seite von ‘ner echt kreativen Werbeagentur aussieht.

    Wenn’s denn stimmt!

  • ramses101 28. März 2008 (12:50 Uhr)

    Wenn was stimmt?

  • Agaga 28. März 2008 (13:09 Uhr)

    Das mit den echten Hundehaufen.

  • ramses101 28. März 2008 (13:27 Uhr)

    Warum sollte ich mir das ausdenken und dann auch noch einer bestimmten Agentur zuordnen? Das lässt sich mit a bisserl Recherche nun wirklich leicht verifizieren. Nachschlagtipps: Die neue Ausgabe von “Hey Whipple” und natürlich “Hoopla”, das Buch über Crispin, Porter + Bogusky. Da dürfte es aber noch mehr geben. Spontan hab ich halt im Netz nichts gefunden und es ist mir jetzt auch nicht ganz so wichtig dass man mir glaubt, dass ich mehr als nur eine oberflächliche Suche durchführen würde.

    Zur Frage der Kreativität: Es war, wenn ich mich recht entsinne, eine Aktion gegen Hundescheiße auf Bürgersteigen, von daher war sie auf jeden Fall relevant.

  • Agaga 28. März 2008 (14:26 Uhr)

    Danke für die Info.

  • Claus Thaler 28. März 2008 (15:41 Uhr)

    @ramses: War es nicht eine Aktion gegen Zigaretten? So nach dem Motto: In der Zichte ist mehr Gift als im Haufen. Aber ist ja auch egal, eigentlich.

  • ramses101 28. März 2008 (15:44 Uhr)

    War aber falsch. Es ging gegen Zigaretten: “Cigarettes contain ammonia. So does dog poop.” Ich hab jetzt nochmal nachgeschaut: http://cpbgroup.com/ –> unter “Work” dritte Spalte auf “Truth” –> In der Galerie, letzte Spalte, dritter Spot von oben “Dogwalker” (kein Spot in dem Sinne, eher Dokumentation).

  • ramses101 28. März 2008 (15:48 Uhr)

    @Claus Thaler: sorry, hab Dich übersehen, hast Recht, siehe oben.

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