Re-Publica: Der byzantinische Alptraum
Wenn sie mit offenen Augen auf der Re-Publica gewesen wären, dann hätten sie sich an diesem Wochenende vor Angst in ihren GEZ-Gebühren-Betten gewälzt oder nervös die Werbeblock-Laken vollgeschwitzt -die Macher bei ARD, ZDF, RTL und Co. Sie hätten sich in unruhigen byzantinischen Träumen dabei nicht so sehr an die Reden beim Internet-Kongress in Berlin erinnert, der kaum ein Thema ausließ, das sich nicht mit der Vorsilbe Web buchstabieren ließ, aber sie hätten die bewegten Bilder aus der Kalkscheune nicht mehr aus dem Kopf bekommen und das Rotlicht nicht für ein Aufnahmezeichen, sondern ein Warnsignal gehalten. Das letzte.
Wie schon Konstantinopel bei seinem Fall 1453 vor der Übermacht der Osmanen kapitulieren musste, werden auch die Sender unter der Übermacht der bewegten Bilder Einzelner zwar nicht völlig verschwinden, aber doch am Ende dastehen wie eine geplünderte Kathedrale. Denn die Re-Publica zeigte für mich vor allem eine Flut heranrückender Bewegtbild-Formate, die — jenseits von Youtube — den Einzelnen zum Info- und News-Programmplaner seiner selbst machen, zum Bewegtbild-Korrespondenten, zum Live-Berichterstatter.
Und dafür reicht am Ende ein einigermaßen brauchbares Handy und durchschnittliches technisches Unverständnis.

Geradezu berauschend zunächst einmal der Service der Re-Publica selbst. Livestream aus dem großen Saal, plus Audiostreams aus den Workshops. Hobnox, eine Mischung aus Online-Entertainment und Rich Media Publishing Plattform mit kreativem Anspruch, lieferte den Livestream vom Kongress in überraschend klarer Qualität und produzierte obendrein noch Nebenbei-Material für die Konserve.
Für mich ganz klar eine Benchmark an der sich – auch in Sachen Schnelligkeit der Content-Bereitstellung – künftig das mediale Versorgungsangebot jedes Fachkongresses, nicht nur für digitale Inhalte, messen lassen muss.
Denn gefilmt und live übertragen wird sowieso. Wenn nicht vom Veranstalter, dann eben vom Rest der Welt.
Auffällig, das durchaus textsichere Blogger wie Felix Schwenzel, die Republica einmal mehr als Gelegenheit nutzten, ihre Texte, die sich der Kommunikation über die Kommunikation widmeten, dann noch einmal für Watchberlin in eine Kamera sprechen.
Das technisch aufbereitete Ballungsraumfernsehen im Web ist beinahe staatstragend im Vergleich zum Live-TV, das über Anbieter wie Mogulus ins Web projeziert wird.
Im Blog GotoRio sendeten Handelsblatt-Blogger Thomas Knüwer und WELT-Blogger Daniel Fiene live per Mogulus, Laptop und Kamera Frühstücksfernsehen. (Weil live-only leider nicht mehr online zu sehen). Das bunte Nichts der etablierten Sender wird da schnell zum kalten Kaffee, weil das privat produzierte Geplauder relevanter und authentischer daherkommt und Zuschauer fokussierter erreichen kann.
Noch liver, noch ruckeliger, aber dafür noch leichter zu bewerkstelligen, sind jene „Drearbeiten“ die Thomas Knüwer per Handy live über die Plattform Qik ins Netz stellte, mit der jeder einzelne endgültig zum Programmgestalter und Live-Reporter für deine Community und sein Netzwerk werden kann. Ein jeder sein eigener Sender. Die Kommunikation atomisiert sich. Handy genügt.

Das kann, das darf man gegenwärtig inhaltlich irrelevant finden. Aber es ist ein Anfang, der die Nachrichtenhoheit der TV-Sender auf Dauer untergraben wird, weil die Inhalte näher und ungefilterter an den Interessen der Zielgruppe liegen werden. Privater Voyeurismus statt langweiliger Bilder von staatbesuchenden Bundespräsidenten.
Und sage mir keiner, dies sei Bürgerfunk mit anderen Mitteln und ähnlich bedeutungslos. Gegen die neue mediale Welt wirkt der Bürgerfunk wie ein technisch komplizierter Koloss oder eine bürokratisch organisierte 1.Mai-Feierlichkeit. Das neue TV ist dagegen ein spontanes Love-In mit einer unüberschaubaren Zahl an Teilnehmer an unvorhersehbaren Orten und mit allen denkbaren Themen. Dabei geht es letztlich nicht nur um einen technischen Wandel sondern auch um eine Kulturrevolution.
Zugleich ist sicher: Auch die etablierten Videoportale werden sich neben den Formatfragen auch dem Thema Livestream noch intensiver widmen und damit noch deutlicher zur Alternative für die Granden des medialen Byzanz. Doch anders als Konstantinopel werden sie vielleicht gar nicht mehr geplündert. Man lässt sie vielleicht einfach weiter vor sich hin rotten, bis sie der Vergessenheit anheimfallen.
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