Der Prophet und das Ende der Tageszeitung
Heute morgen noch hat mich eine Freundin ausgelacht, als ich den Untergang der Tageszeitung in den nächsten 10 Jahren vorhersagte. Okay, das ist womöglich etwas zugespitzt, rheinische Übertreibung eben. Aber es gibt auch Berufenere, die langfristig den Exitus erwarten. Mein sehr geschätzter Hamburger Kollege Roland Pimpl saß am letzten Urlaubsabend zum Warmlaufen bei einer Podiumsdiskussion, in der “Zeit”-Mann Wolfgang Blau den gedruckten Tageszeitungen keine große Zukunft zubilligte. “Wir werden es bald erleben, dass sich große deutsche Tageszeitungen für einen wöchentlichen Erscheinungsrhythmus entscheiden“, sagte Blau bei einer Podiumsdiskussion des dpa-PR-Tochterunternehmens News Aktuell.
Gut, man muss natürlich berücksichtigen, wer das sagt. Blau ist Chefredakteur von Zeit Online. Vielleicht klar, dass er da das Supremat des Wöchentlichen hochhält.
In der Tendenz aber stimmt die Richtung: Aktuelle News im Internet, Exklusives und Hintergründe wöchentlich in Print. Täglich die Nachricht von Gestern am morgen im Blatt muss nicht sein, braucht bald niemand mehr. Das wird aber sicherlich eine schleichende Entwicklung sein, die noch dazu nicht alle mitgehen werden. Aber könnte es eine denkbare Überlebenstrategie für eine Reihe von Verlagen sein.
Ob dann in 10 Jahren die letzte Tageszeitung gedruckt wird? Sicherlich zu früh, wenn es dann noch genug Leser gibt für die ein Erlösmodell Tageszeitung rentabel produziert werden kann oder die Tageszeitung aus Imagegründen mitgeschleppt wird. 2046 liege die letzte Tageszeitung vor der Tür hat ein schlauer Kopf gesagt (weiß gerade nicht wer). Die Zahl ist natürlich auch Unfug. Vielleicht aber weniger als meine zehn Jahre.
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Das hat ja auch Mercedes Bunz bei der re:publica vorhergesagt.
Ich denke, dass die Tageszeitung dann verschwinden wird, wenn wir mobil flächendeckend auf Online-Inhalte zugreifen können. Die Tarife müssen also noch weiter fallen. Dann kann man auch unterwegs in der Bahn oder im Bus die Nachrichten verfolgen, was man jetzt mit der gedruckten Ausgabe eh tut.
Sobald der mobile OnlineSektor wirklich massentauglich wird, sehe ich schwarz für die gedruckten Tageszeitungen.
Wie kann denn einerseits permanent vom “Long-Tail” die Rede sein und andererseits das Verschwinden von überhaupt irgend etwas vorausgesagt werden? Tageszeitungen wird es auch dann noch geben, wenn die übernächste Online-Welle längst das Lied “Blogs sind tot, XY ist das neue Ding” anstimmt (und bitte, lieber Online-Gott, lass es nicht twitter sein).
Es wird natürlich einen Kahlschlag geben und über die Finanzierung und Rentabilität muss man sich auch nochmal Gedanken machen. Aber es wird eben immer Leute geben, die das Rascheln am Frühstückstisch dem Klicken am Schreibtisch vorziehen werden.
Wer allerdings nur noch Pressemeldungen übernimmt und abdruckt, der stirbt in der Tat. Das kann das Internet besser.
Aber es gibt doch nichts schöneres als mit einer überdimensionierten Tageszeitung (also alle außer Welt Kompakt) die Nebensitzenden in der U-Bahn zu nerven! Durchblättern, umfalten, rascheln, ausreißen, im Regen lesen (da lass ich mein Gerät schön in der Tasche), aufs Klo mitnehmen, dem Nachbarn über die Schulter schauen, Artikel finden, nach denen man im Internet nicht mal gesucht hätte, den Tisch im Café voll mit Berliner, Taz, Tagesspiegel, FAZ, SZ. Nee, die Zeitung wird leben.
@sachar
Entscheidend wird zudem Usability sein. Nichts installieren müssen, einfach anschalten und nutzen.
@ramses
Klar, es gibt ja auch noch Leute die hören Schellack-Platten.
Im Ernst: Klar. Die Schallplatte ist auch noch nicht verschwunden – aber die Marktbedeutung. naja. Liebhaberei.
@Stylewalker. Auf dem Clo und so tuts auch das iPhone oder EEE.
Schallplatte ist das Stichwort. Die kommt nämlich gerade (eigentlich schon länger) verstärkt zurück. Nix mit Liebhaberei, naja schon aber anders. Aktuelle Alben kauf ich jedenfalls ausschließlich auf Vinyl.
ich glaube einfach, dass es immer Menschen geben wird, denen es eben nicht um “Usability” geht. Ein normaler Buchladen ist das nutzerunfreundlichste, was es auf Erden gibt – trotzdem ist Thalia immer voll und wird es auch in 10 Jahren noch sein. Klar sind Zeitungen unpraktisch im Handling. Aber, wie Stylewalker geschrieben hat, ich stolpere über Artikel, die mir im Netz nicht untergekommen wären (User die XY gelesen haben, haben sich auch für XZ interessiert – schpn und gut, aber was ist mit XA?).
Und versuch mal mit nem Notebook Fliegen zu erschlagen
“Und versuch mal mit nem Notebook Fliegen zu erschlagen”
Ich sag es doch Usability.
Mit dem Air sollte das doch schon gehen, wenn das sogar im Altpapier verschwindet.
Und zu Thalia, das ist ganz interessant, was der buchreport schreibt und hier mal ganz ohne Wertung wiedergegeben:
Flächenbereinigtes Wachstum von 1,6 Prozent. “Damit liegt der Filialist sogar leicht unter dem Wert von 1,7 Prozent, den der Branchen-Monitor Buch für das Sortiment im Jahr 2007 ermittelt hat.”
Und: “Die Mehrumsätze sind nicht mit einer erhöhten Profitabilität einhergegangen.”
Quelle: http://www.boersenblatt.net/178335/
Bin fast ganz deiner Meinung. Jedoch: Die Zahl ist selbstverständlich kein Unfug.
Ich stimme Dir zu. Was ich mich frage: Meinst Du nicht, dass es auch ein potential für ein tägliches Hintergründe-Format gibt? Sprich: Eine Tageszeitung ohne “Aktuelles”, die aber täglich erscheint?
Es sind ja schon ca. 5 Millionen tägliche Auflage von Tageszeitungen “verschwunden”, seit es Internet-Nachrichten in Deutschland gibt und Wochenmagazine und Wochenzeitungen haben einen Teil “aufgesaugt”, ein Teil ging auch in die Auflagen von inzwischen wesentlich günstigeren Büchern.
Es ist also eher eine Umverteilung auf andere Medienformen als dass “Gedrucktes” insgesamt verschwindet.
Dramatisch verändert hat sich das Mediennutzungsverhalten von Berufstätigen, insofern sie – freien – Internetzugang am Arbeitsplatz haben.
Waren sie früher tagsüber abgeschnitten von aktuellen Entwicklungen (und lasen deshalb früh morgens die Zeitung oder kauften sich eine am Abend, bzw. hörten tagsüber Radio) können sie nun jederzeit aktuell informiert sein und die Abendzeitung mit ein paar Stunden alten Nachrichten interessiert sie nicht mehr wirklich.
Zudem mussten Berufstätige früher in das nächstgelegene Einkaufszentrum hechten, wollten sie “schnell mal was erledigen” und kauften dann auch überteuert ein, oder Produkte mit guter Marge für den Händler, die sie nicht wirklich wollten. Hier traf Geld mit wenig Zeit zusammen, also eine ideale Situation für Händler und vor allem die großen Kaufhäuser, die alles an einem Platz bieten.
Heute ist der finanzstarke Konsument am Drücker, kann übers Web recherchieren und vergleichen, lässt sich durch die Karstadts, Kaufhofs etc. nicht ins Bockshorn jagen, sondern kauft selektiv online, offline und zwar auch im Präsenzhandel nicht mehr unbedingt im klassischen Kaufhaus.
Fazit aus meiner Sicht: hochwertige Wochenzeitungen haben durchaus Chancen (auch wenn sie sich Magazine nennen), auch noch in 10,15,20 Jahren ihre Käufer zu finden. Nur müssen die Verlage sich an diese dann noch kritischere Kundengruppe erst noch gewöhnen und das wird nicht jedem gelingen.
@Benedikt
Lohnt der Film?
@Chrisitian: jeden Tag Hintergründe, zu welchen Kosten bei ansprechender Qualität? Wäre ein extremst ehrgeiziges Projekt eine Art Zeit-Light jeden Tag zu machen. Und: Wieviele Leser vertragen wieviele Hintergründe am Tag? Hm, fehlt mir die Phantasie für.
@wingthom: “Hochwertige Wochenzeitungen” – sehe ich auch so. Nur scheinen viele Verlage zu denken, Hochwertigkeit werde durch Anzeigen definiert und nicht durch den redaktionellen Inhalt, an dem fröhlich gespart wird.
@OlafKolbrück
Das Hauptproblem sind die Kaufleute in den Verlagen, die nie ein Produkt selbst aufgebaut haben, sondern in der Mehrzahl eingestiegen sind, als Vertrieb und Anzeigen viele Jahre im Wachstum waren. Bei den “Medien” musste man weniger wissen als in anderen Branchen, konnte schnell aufsteigen und vor allem im Schnitt doppelt so viel verdienen wie in anderen Branchen, in denen Sachverstand und Erfahrung mehr zählen.
Nun kommen sie unter Druck und als erstes fahren sie die “Kosten” runter – da sie nichts vom Produkt verstehen (warum lesen eigentlich Menschen, warum bezahlen sie für manche Inhalte Geld und für andere betriebswirtschaftlich gesehen “ähnliche” nicht ?) schneiden sie an den falschen Stellen rum. Solange, bis selbst die besten Leser abspringen.
Von diesen Leuten wird kein Mut zur Qualität und zur Investition in Inhalte kommen können, dafür fehlen ihnen die Fähigkeiten.
Ohne Investition in Qualität werden Zeitungen und andere Medien (auch Onlinemedien) nicht überleben. Selbst große Teile der Industrie bedauern das inzwischen, weil in einer komplizierten Welt Medien benötigt werden, um mit kritischen Konsumenten in Kontakt zu bleiben.
Denn was nützt die beste Anzeige, wenn es keine hochwertigen Medien gibt, in denen sie erscheinen kann ?
Ok. Wenn das der Trend ist, dann seh ich auch schwarz:
http://twitter.com/mopo/statuses/785834552
Lese ich da hinter den twitter-links das Wort Sparpläne? Ja.
Aber interessant wie die Mopo-Redaktion nun Twitter nutzt, um Öffentlichkeit zu erzeugen. Lohnt längeres nachdenken.
Vor rund 30 Jahren machte in Zeitungsverlagen schon der Spruch die Runde: “Das Fernsehen kann die Tageszeitung nicht ersetzen – versuche doch mal, mit dem Fernseher eine Fliege zu erschlagen!” Ich denke, mit dem neuen iBook lässt sich das schon eher machen!
Peter, Du meinst wohl das MacBook Air, oder. Wäre nur schade um das Gerät, weil ich fürchte, dass es zu fragil ist…
Ich würde sogar nicht mehr als 10 Jahre für letzte gedrückte Tageszeitung vorhersagen. Bei der Entwicklung ist dieses Szenario auch früher denkbar.