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Die Zukunft im digitalen Kuckucksnest

27. Juni 2008
von

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Eigentlich wollte ich Vroni in ein paar Sätzen auf die Frage antworten, ob das Digitale denn die Zukunft ist. Es ist etwas länger geworden. Also steht die Antwort hier und fängt natürlich mit Fußball an. Geht in diesen Tagen nicht anders.

Denn vermutlich werden wir in einer nicht allzu fernen digitalen Zukunft nicht einmal mehr in Ruhe vor dem Fernseher die Fußball-EM verfolgen und je nach Spiel sogar genießen.

Stattdessen werden Menschen vor dem Bildschirm sitzen, die gleichzeitig auf dem Schirm per Chat oder Micro-Blogging in eingeklinkten Programmfenstern das Spiel mit Freunden, wo auch immer diese sein mögen, kommentieren, sich den Live-Kommentar eines lebhaften Bloggers im Stadion als Ersatz für einen weichgeduschten Bela Rethy einblenden, ihren Jubel sofort per Mail verbreiten und in einem kleinen Fenster vielleicht noch feixend einen privaten Livestream vom Public Viewing verfolgen (bei dem die Uefa eine Twitterwand untersagt hat).

Natürlich gilt das nicht für alle und natürlich ist die Multitasking-Generation längst soweit und begleitet twitternd die EM-Spiele, während meine Kollegen über 35 mich angesichts der Wiedergabe solcher Beobachtungen ansehen, als wollte ich „Einer flog übers Kuckucksnest“ neu verfilmen.

Wir Alten werden uns derweil die telefonischen Fragenklassiker an den frischausgezogenen Nachwuchs „Wie war dein Wochenende“ endgültig abgewöhnt haben, weil wir authentischer, offener und in der Regel auch schneller Auskunft von vergangenen Nachtaktivitäten unserer Sprößlinge aus irgendeinem Community-Profil und den dortigen Foto- und Video-Uploads erhalten und dabei den Freundeskreis besser kennenlernen als uns lieb sein mag. Telefonisch erreicht man eben diesen Nachwuchs ohnehin nicht mehr. Das hat er sich schon vor der Pubertät abgewöhnt, weil Dating und Kommunikation längst mit knappen, zwanglosen Verabredungen in irgendwelchen Feeds, Gruppen und Foren stattfindet. Unverbindlich, weil nur noch der eigene Status in der Online- und Offlinewelt bekanntgegeben wird. Und treffen, auch wenn es nur über die andere Straßenseite wäre, wird man sich dann ohnehin nur an irgendwelchen Ecken des Web.

Weil in dieser hyperaktiven Welt, die unter einem konstanten Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom leidet, an der nächsten Ecke stets ein weiterer, ein anderer, ein interessanterer Gesprächspartner lauern könnte und die Onlineverbindung jederzeit gekappt oder wieder aufgenommen werden kann ohne das althergebrachte Zwänge und Höflichkeitsrituale noch Zeit verschwenden. Vor allem aber werden sie uns zwingen, es ebenso zu machen, um nicht in entdigitalisierter Sprachlosigkeit verharren zu müssen.

Und genauso wechselnd und situativ wie die Kontakte werden denn auch nicht nur bei der Generation VZ die Freundschaften werden, die nicht mehr aus ein, zwei überschaubaren Lebensräumen stammen, sondern so verschieden und temporär sind, wie die 4711 Mottogruppen, denen man sich in den wechselnden Communities verschrieben hat.
Büro-E-Mail wird dann so sexy sein, wie die Wählscheibe am Telefon. Denn geschäftlichen Verbindungen vertraut man nur noch, wenn sie ihr Gesicht über einen Community-Anschluss zeigen. Alle anderen werden schnell in den Status von Spammern und Hausierern geraten.

Denn zum Nachdenken und genauen Hinsehen lässt die Kommunikation keine Zeit mehr. Schon jetzt kommt die Mail mit dem Befehl des „Beantworte mich sofort“ daher. Umso mehr wird jede Message diesen Status haben, wenn sie sich wie eine Standarte in meinen Community-Raum pflanzt und ich weiß, dass der Kontakt längst woanders sein könnte.

Klar, das ist gerade mal die grobe Skizze eines Teilbereichs. Klar, wird es auch „non-binäre“ Lebensformen geben. Und ich hoffe, wenn uns 140 Zeichen wie ein verdammt langer Text vorkommen, sitze ich jeden Tag im Mokka an der Laugavegur, esse eine Waffel und schaue den Postkartenmalern bei der Arbeit zu. Aber auch da sitzen sie ja längst mit dem iPhone herum.
Vielleicht wird aber auch alles nicht so schlimm. Vielleicht auch ganz anders.
Was meint ihr – in 140 Zeichen oder auch länger?

Bildauschnitt: Hieronymus Bosch, Garten der Lüste
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Kommentare zu “ Die Zukunft im digitalen Kuckucksnest ”

  1. Vroni am 28. Juni 2008 um 16:30 Uhr

    @ Olaf

    Ui, ein Essay für das Wochenende. :-)

    Du beschreibst übrigens in den meisten Ausführungen die Gegenwart.

    Wenn man die Glaskugel oder den Kaffeesatz (mehr geht nicht, keiner kann wirklich in die Zukunft gucken) bemüht für das, was noch kommen mag, dann schleicht sich bei mir der Gedanke ein, dass es in Zukunft ein Umkippen, einen Pendelausschlag geben kann.

    Denn Viele und immer mehr sind zwar gut konditioniert auf das Twittrige, Schnelle und alles gleichzeitig. Die Frage ist, wie lange die Leute das mögen und sich wohl dabei fühlen. Am Beispiel Handy, das es deutlich länger gibt als Web-Communities, kann man Entwicklungen absehen, es gibt bereits eine solche: Mittlerweile gilt es als proll und underdog, wenn überall und für jeden mit dem Mobile erreichbar ist, vor 8 Jahren war man noch hip und angesehen damit. Jetzt gilt als anerkannt unerzogen, wenn nicht gar als Idiot, wer bei jedem Füdelton wie unter Zwang sofort das Face-to-Face-Gespräch unterbricht, um einem verkommenen Gewinnspielversender zu lauschen oder Klappe die zehnte, um das xte unsinnige Schlussmach-SMS der Freundin zu kriegen ^^.

    Es wird so gesehen in Zukunft mehr geben, die sich bewusst vom virtuellen Overload abwenden, dem sie sich in Beruf und Freizeit hingegeben haben. Weil sie merken, dass sie immer weniger “bei sich” sind und sie im Hamsterrad des “immer mehr und immer schneller”sich befinden, ohne wirklich zu leben.

    Weil ihnen beispielsweise allmählich auffällt, dass Web-Communities eigentlich haargenau das Gegenteil sind von authentisch (was deren vermuteter Spontan-Wohlfühlfaktor war). Ich verweise da auf eine aktuelle Diskussion im Werbeblogger, die gerade den Wert künstlicher Freundschaften untersucht.

    Esoterik, Wellness und Work-Life-Balance-Beratungen boomen wie nie. Sie helfen anscheinend, den stressigen Alltag besser zu bewältigen. Es ist für mich ein Zeichen, dass die Menschen, auch junge, zu Ruhe kommen möchten. Es wird ihnen zuviel. Die Frage ist, wie lange helfen Wellness und Esoterik am Abend, wenn man am Morgen wieder in das Hamsterrad der “Overcommuncation” und des virtuellen Overloads muss, so perfekt konditioniert und dafür geeignet man auch immer sein mag.

    Daher meine Hypothese, dass es irgendwann kippen wird, weil auch die Krücken “Wellness und Eso am Abend” nicht mehr so richtig helfen werden. Der Pendelausschlag in die andere Richtung.

    Der virtuelle Zappelphilipp mit seinem Tourette wird eine Unfigur werden wie seinerzeit Oblomow Unfigur einer Gesellschaftssatire des schlamperten Gutsherrenrussland war. (Der Name des Titelhelden “Oblomow” dient mittlerweile in der Psychiatrie zur Beschreibung der Persönlichkeitsstruktur eines willensschwachen Neurotikers, geprägt von Apathie, Faulheit und Parasitismus. Seine Muße ist weder produktiv, noch vermag er sie zu genießen. Aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Oblomow). Sehr lustiges Büchlein übrigens, hab’s zuhause, heißer Typ der Oblomow… :-)

    Schönes und wirklich erholsames Wochende!
    (Ich warte hier nur noch auf Kundenantwort, dann werde ich alle Kisten aus machen.)

  2. OlafKolbrueck am 29. Juni 2008 um 14:15 Uhr

    @vroni
    Und ein Essay als Antwort. :-)
    War mein Text eine Beschreibung der Gegenwart? Nicht ganz, Eher eine Teil-Wirklichkeit. Die Gegenwart, in meinem verständnis des Names, besteht aus RTL und der T-onlineStartseite. Deshalb wird es diesen Pendelschlag in die andere Richtung, den wir schon spüren, inssgesamt wohl geben, aber erst später, nachdem Communities, Twitter und Co die Volumenmarktphase durchlaufen haben. Es muss also erst noch heftiger, schlimmer , digital lauter werden, bevor es anders wird. (Wobei ich Communities und Twitter nicht schlecht finde. Ist halt eine Frage, wie man es nutzt)
    Geschickt genutzt können sie , ganz unzynisch gemeint, ja sogar zum Work-life-Balance beitragen, Das müssen wir aber erst noch lernen. während andere weiter glauben werden, mit dem Anblick von Wellness-Channels auf Videoplattformen, derlei gibt es ja längst, sei die eigene seelenruh bereits befriedigt.

    Genauso glaube ich , dass es noch lange dauern wird bis der Handy-addicted zappelphilip Unkultur ist. Die generation, die jetzt heranwächst, echauffiert sich längst nicht mehr darüber.Wahrscheinlich werden wir in einer Kultur leben in der jeden Dialogkanal gleichberechtigt nebeneinander existiert und das Handy ebenso als virtueller Gast in der Gesprächsrunde akzeptiert wird, wie ein Gast der sich real hinzugesellt. (Ja, brrrr) Die iPhone-nieserung wird das, wie überhaupt die Digitalisierung der Kommunikation, erst noch mal verschärfen.

    Da sind wir aber noch längst nicht am Ende des Weges angekommen und vielleicht werden nur ein paar Grauhaarige sich dann noch darüber aufregen, dass alle Buddies von allen Followern gerade wissen, wo sie sich gerade aufhalten und wie ihre digitalen Schritte aussehen. Will sagen, das werden dann nicht nur ein paar tekkies interessant finden, sondern jeder wird es alltäglich nutzen wie sms oder TV und statt der Tageschau nur noch den täglichen update des Lebens seiner Freunde sehen (vielleicht von einem Programmcode aggregiert) und den Rest der Welt (nachrichten) gefiltert vollends über deren jeweilige Wahrnehmungs- und Mitteilungschwelle wahrnehmen. klar machen sie heute zum teil schon. je dichter aber die digitale Komunikation wird, desto mehr werden sie auf die Gatekeeper ihrer Mütter und Väter verzichten und den Lovelinks ihrer Follower vertrauen.

    So, einfach mal Ende hier. Muss mal eine Raupe auf dem Rittersporn identifizieren.

  3. Peter am 29. Juni 2008 um 18:22 Uhr

    Und wie ändert sich das in den zwischenmenschlichen Beziehungen, ich meine bei der körperlichen Liebe im Schlafzimmer der jungen Menschen von morgen? Wird das virtuell per Flatrate erledigt? Oder per Lovelink digital übertragen…?

    Womit ich sagen will: Ich sitze hier in meinem Kuckucksnest (oder Wolkenkuckucksheim) und wundere mich, dass der Kuckuck nicht mehr Kuckuck ruft, sondern Twitter-Twitter macht. Liegt das daran, dass ich ‘ne Meise habe? Oder nur, dass ich mich nicht mehr zurechtfinde in der digitalen Zukunft – gedanklich, meine ich?

  4. Vroni am 30. Juni 2008 um 23:02 Uhr

    Kann schon sein.
    Weilst dann deinen Kopf net beinander hast, wie man in Bayern sagt. Oder wie der Engländer in uns sagt: completely freaked out.

    Diejenigen, die die angeblich “dichte” Kommunikation ganz toll finden, wern’s schon noch merka, wenn in der Hirnhöhle kein Gedanke mehr bereit ist, sich fassen zu lassen. :-D

  5. OlafKolbrueck am 1. Juli 2008 um 09:25 Uhr

    @Vroni

    Stimmt.

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