Vom Verschwinden des einsamen Journalisten
Hin und wieder werde ich von Kollegen gefragt, wie denn der Journalismus in 10 Jahren aussieht. Als wenn ich das wüsste. Aber ich habe so eine Ahnung. Den Journalisten werden sich in weiten Teilen, wenn schon nicht neu erfinden, dann doch neu definieren müssen, weil auch die Medien (schnellstmöglich) über einen veränderten Umgang mit Nachrichten und Geschichten nachdenken müssen.
Nicht nur, weil das Internet den Printmedien als Informationsquelle den Rang abläuft. Sie müssen sich schließlich und gerade auch online ändern. Denn noch führen sich die Medien auf wie weiland die Marktschreier und die Straßenjungs mit ihrem Ruf nach der Extraausgabe. Nur werden sie immer seltener gehört. Denn der Transport der Nachrichten hat sich längst von ihnen emanzipiert. Der Ausrufer ist nicht mehr gefragt. Die Vermittlung von Nachrichten selbst muss mehr denn je als ein Gespräch verstanden werden.
Ein Gespräch, in dem es weniger um die Reproduktion geht, sondern mehr um Vernetzung und die Darstellung des Flusses. Warum, so muss man fragen, immer wieder die immer wieder gleiche Meldung reproduzieren? Warum nicht schlicht auf die erste Quelle der Nachricht vernetzen? Denn wenn der Content im Web seinen Walled Garden verlassen hat, warum soll dann noch die News von medialen Zäunen umgeben werden? Warum Verlinkung nicht als Vorteil begreifen? Warum zwanghaft mit dem Tempo der Newsgeschwindigkeit mithalten und jedem Impuls hinterherjagen? Twitter ist
mindestens ebenso schnell.
Warum also nicht einfach und schnell den Link zur News anbieten — gleichgültig wo der ist. Mer muss och jönne könne, sagt der Kölner. Der Leser ist dann weg? Dann muss man ihm eben Gründe bieten, damit er wieder kommt. Die nackte Nachricht wird das in Zukunft nicht mehr sein. Sie ist im Web eine Ubiquität. Unique sind dagegen Ideen, Anregungen, Meinungen, Geschichten.
Lieber von diesen Geschichten erzählen und alles weitere, das ohnehin aus dem Ticker kommt, schlichtweg verlinken. Damit bleibt auch für die kommenden Aufgaben des Journalisten mehr Zeit. Gespräche moderieren, Wissen und Hintergründe vermitteln, Kontakte und Netze bilden. Meine eigene Zeit ist schon immer weniger von Schreiben und Recherche bestimmt und viel mehr diktiert von sammeln, moderieren, vermitteln und erklären des Inputs. Und zwar nach draußen UND drinnen.
Gute Geschichten, gute Schreiber, ja klar, gerade auch das muss man bieten. Und, obwohl Bilderstrecken wie blöd geklickt werden, mit langen Geschichten die Verweildauer auf der Site erhöhen. Die neue Währung im Web, weil die Klick-Doper die Traffic-Relevanz herunterwirtschaften.
Die Journalisten, jene schlesischen Weber des Web, aber müssen aus der einsamen Schreibstube heraus und den Kontakt mit dem Leser wieder finden, den Dialog suchen. Sie müssen nicht nur schreiben können, sondern auch mehr denn je soziale Fähigkeiten mitbringen um das Beziehungsgeflecht zu gestalten. Dann kann sich rund um ein Medienangebot – und ich benutze bewusst nicht das Wort (Online-)Zeitung — eine Gemeinschaft bilden. Denn davon werden Medien künftig leben müssen, und nicht von einer Abladestelle für News. Wenn sie das nicht schaffen, werden Communities wie Facebook die Medienhäuser der Zukunft sein oder neue Verbindungen neue Lösungen bieten. Media on demand. (via Twitter)
Und die Rolle als Gatekeeper? Vergesst Sie. Denn die Leser werden sich ihre Gates selber bauen. Per RSS, per Friendfeed
oder den Dingen, die da noch kommen werden. Zeitungen, die Leser halten wollen, werden ihnen auch dazu die Werkzeuge an die Hand geben müssen. Nicht nur per RSS-Feed für das Ressort, sondern filterbar nach Themen und Autoren. Vielleicht hilft auch das nicht einmal. Denn die Leser werden ihre Community als ihren Gatekeeper begreifen.
Das ist Arbeit und kompliziert. Es wird aber die Inhalte und den Auftritt letztlich mehr bereichern, als das Durchreichen gleichförmiger Schlagzeilen, die es im Web an jeder Ecke gibt und für die der Leser nicht mehr auf eine Anlaufstelle angewiesen ist, weil sie ihn im Fluss des Web immer wieder erreichen werden. Sicher gilt das nicht für alle Leser. Es gibt ja auch heute noch Züge und manch einer steigt auch aufs Pferd.
Für Journalisten wird die Arbeit durch die mediale Vielfalt — und womöglich durch den Sparzwang- ohnehin nicht weniger. Denn sie werden nicht nur für einen Kanal arbeiten, sondern ihr Wissen und ihre Geschichten zunehmend auch per auch per Blog, Video oder Live-Streaming verbreiten müssen dürfen. Gefragt wird, wenn es die wirtschaftlichen Lösungen erlauben der Spezialist für das Community-Management, der Experte für den Videoblog und wenn die Erlöse es nicht hergeben, der brauchbare Allrounder.
Die zunehmende Bedeutung des Journalisten als Beziehungsmanager verlangt auch eine veränderte Einstellung gegenüber seinen Geschichten. Nicht mehr das Motto von Hajo Friedrichs “Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mir einer guten” ist gefragt. Der Leser erwartet neben Kompetenz und Qualität auch das persönliche Bekenntnis, den Mut zu einer subjektiven Sicht der Dinge und zur Teilhabe. Meinung haben bedeutet auch Stellung beziehen. Auch das schafft Orientierung.
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