Spießer Alfons: Märchen der Werbung
Die Barmer, “Deutschlands größte Krankenkasse”, will uns ein Märchen erzählen, und zwar das Märchen vom Froschkönig. Warum? Der Texter begründet das Werbebild wie folgt: “Wunsch frei … Auch noch so viele Frosch-Küsse dürften kaum zu einem sorgenfreien Leben führen. Man muss sein Leben schon selbst in die Hand nehmen.”
Irgendwie jedoch scheint dieser Textdichter das Märchen vom Froschkönig nicht mehr so recht in Erinnerung zu haben. Bei den Brüdern Grimm steht nichts von einem Kuss. Vielmehr hat die Prinzessin den Frosch in einen Prinzen verwandelt, indem sie den grünen Gesellen gegen die Wand geklatscht hat. Und es war auch nicht die Prinzessin, die einen Wunsch frei hatte, sondern der Frosch war es. Von einem Kuss ist also nirgendwo die Rede, wenn auch dieses erste Märchen in der Sammlung der Grimms voll ist von offenen und versteckten sexuellen Anspielungen.
So fragt sich denn der Spießer: Wenn schon die Werbung der Barmer von falschen Voraussetzungen ausgeht, wie steht es dann erst mit den märchenhaften Leistungen dieser kranken Kasse …?!



















Da stellt sich mir die Frage, wo eigentlich die weit verbreitete Geschichte mit dem Froschkuss her kommt… Ist das die weichgespülte politisch korrekte Variante, damit kleine Kinder lieber Amphibien küssen, als sie an der Wand zu zerklatschen und die Eltern deswegen nicht vom nachbarlichen Tierfreund verklagt werden?
Wieso? Die Prinzessin musste den Frosch doch auf seinen Wunsch hin küssen, damit er dem ungeschickten Dingelchen den goldenen Ball wieder aus dem Brunnen fischt. Der Froschkuss an sich stimmt also, nur dass daraus eben, wie oben geschildert, kein Prinz wird (wobei ich ohnehin lieber den Ball hätte).
@ ramses101
Sag mal, was hast Du denn für eine Ausgabe der Grimms Märchen? Bei mir steht geschrieben:
“”Deine Kleider, deine Perlen und Edelsteine und deine goldene Krone, die mag ich nicht; aber wenn du mich lieb haben willst und ich soll dein Geselle und Spielkamerad sein, an deinem Tischlein neben dir sitzen, von deinem goldenen Tellerlein essen, aus deinem Becherlein trinken, in deinem Bettlein schlafen wenn du mir das versprichst, so will ich hinuntersteigen und dir die goldene Kugel wieder heraufholen.”
Okay, der grüne Geselle wollte nackten Sex – aber keinen Kuss!
Das hat mich doch ernsthafter interessiert als ich vorher angenommen hätte. Googeln finde ich in der Regel albern und fehlerhaft, deshalb habe ich bei mir zuhause im Brackert nachgeschlagen. Und siehe da: Kein Wort von einem Kuss.
Blöderweise funktionieren Märchern anders. Ich hätte (vor dem Nachschlagen) sehr viel Geld auf meine Version gewettet und hätte, hätte ich Kinder, auch meine Version des Märchens an die nächste Generation weitergegeben. Ich will nicht mit Details langweilen, die eh jeder kennt. Deshalb: Management-Summary:
1. Akt: Dumme Nuss spielt mit Ball am Brunnen, Ball fällt rein. Frosch sagt: Du küsst mich, ich hol Ball. Frosch holt Ball, dumme Nuss küsst.
2. Akt: Dumme Nuss spielt mit Ball am Brunnen, Ball fällt rein. Frosch sagt: Du lässst mich an Deinem Tisch essen, ich hol Ball. Frosch holt Ball, dumme Nuss lässt in mit am Tisch essen.
3. Akt: Dumme Nuss spielt mit Ball am Brunnen, Ball fällt rein. Frosch sagt: So Mädel, jetzt mal Butter bei die Fische, wenn ich jetzt den Ball nochmal rausfische, dann nimmst Du mich aber lecker mit in Dein Schlafzimmer. Frosch holt Ball, dumme Nuss lässt ihn mit ins Schlafzimmer, schmeißt ihn da aber lieber an die Wand bevor er zum Prinz undsoweiterundsofort …
Woher meine Version kommt? Keine Ahnung. Ausgedacht habe ich sie mir jedenfalls nicht. Und Märchen wurden halt, bis zu den Grimmms, schlicht weitererzählt und wie alles, was weitererzählt wird, haben sie sich verändert (ein bisschen ähnlich wie das mit der Sprache ist, auch wenn Herr Sick das nicht einsehen will, aber das ist ein anderes Fass).
Ich würde also sehr gerne mal nachforschen, wie sich das Märchen vom Froschkönig entwickelt hat; und wie es sich weiter entwickelt. Blöderweise resp. gottseidank habe ich ab jetzt Urlaub und halte mich von allem, was Daten übertragen kann, fern. Bad Timing, vielleicht ein andermal