Virale “Menschen, Tiere, Sensationen”
Derzeit tröpfeln in mein Postfach einige Virals, die nach dem Dreiklang “Menschen, Tiere, Sensationen” funktionieren und in unterschiedlicher Lautstärke ihren Absender gleich mitliefern. Sie haben durchaus ihre Reiz, riskieren aber, dass der Trigger fast schon holzschnitzartig erscheint.
Im ersten Spot in Handycam-Optik schicken die Webguerillas für Mini einen albernden Kampfsportler in den Zoo, der einem Tapir einen eher seltsamen Handkantenschlag verpasst. Vielleicht auch in der Hoffnung, das Tierschützer aufschreien oder zarte Gemüter Ekel-Phantasien entwickeln. Humor, Ekel, Protest könnten ja als mögliche Trigger taugen.
Spot 2 für Mini, ebenfalls im Handycam-Look, zeigt einen Typ, der einen Kran für einen riskanten Katapult-Start nutzt. Da macht man dann schon mal große Augen. Für einen kurzen Moment.
Spot 3 kommt von Samsung und der Viral Factory, erinnert an die sprechenden Tiere von Toyota, lässt aber diesmal Löwen einen Harry-Belafonte-Song singen und rappen und bastelt ein angeknabberte, tanzende Antilope mit ins Bild. Eingebaut in die Handy-Cam-Optik wurde der Hinweis auf das Produkt NV24HD und die Kampagnenwebsite www.seethewholestory.com.
Zwei Dinge verstehe ich indes nicht: Warum gaukelt man bei Mini mit zittriger Optik Authentizität vor, die dann am Ende mit der Werbeeinblendung aufgelöst wird? Warum ist die virale Werbung bei Samsung in einer derart schlechten Qualität, dass der Film keine Empfehlung für die Kamera ist? Und warum mag ich die Spots zwar hier fast schon chronistenpflichtig zeigen, würde sie aber nie mit großem Ballyhoo herumreichen, obwohl sie eigentlich genügend Trigger aus dem Handbuch des Viralen Marketings anbieten?
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ok, auch wenn die filme nicht in die kategorie: isch will nen preis beim ADC eingestuft werden können, so ist es doch löblich zu erwähnen, das die Viral-Domain von DDB & VW ANGEGRIFFEN wird
-auch wenn ich DDB den höchsten Respekt zolle-
Die Grundideen im Fall MINI sind gut. Der Packshot leider Grotte… Und “Finge im Po – Mexico” ist so schon nen Scheiss, da brauche ich nicht die kreative Übersetzung von BMW.
Samsung: nur 2 Worte zur Umsetzung: OCH NÖÖÖÖÖÖ!
Und zur Idee: Wie kann man nur bei TOYOTA klauen, und dann auch noch schlecht?
So ist das eben mit dem klauen von Marketing Ideen.
Die Million Dollar page war ein Hit, die tausenden von Nachmachern hatten dann halt nur noch spärlich bestückte Pixel-Seiten im Netz
Virale Trigger sind in kein Handbuch gemeißelt, denn sie nutzen sich mit der Zeit ab. Zweimal gesehen – einmal gegähnt.
Ich denke, dass ist ein problem vieler dieser filme. Die macher/auftraggeber fragen sich nur ist das lustig, provoziert es? Sie suchen nicht nach einem neuen Momentum. So entsteht am Ende nur Inselwitz 3256, weil sie zu sehr dem ähneln, was ohnehim web kursiert. Man schmunzelt vielleicht und blättert bzw, klickt weiter. Auch nach der Passgenauigkeit wird nicht gefragt, oder nach -noch besser- nach einem ungewohnten blick auf die Marke.
Hui. Was für aufregende Spots.
Aber hey, denken wir positiv: Sie haben ihr Gutes. Sie entlarven den ganzen Schmuh ein für allemal, der da sagt: Klassische Werbung ist tot, Online ist die Rettung.
Denn sie beweisen doch nur, dass sich eins niemals ändern wird, egal welches Medium man nutzt: es geht um die IDEE. Und wenn die Idee so schwach ist wie hier… ist es völlig egal, in welchem Medium sie gespielt wird. Borrowed Interest ist die offensichtliche Ansage: Unser Produkt hat nichts eigenes, was aufsehenerregend genug ist. Wir müssen Mechaniken nutzen, die mit UNS absolut nichts zu tun haben. Sondern nur die Werbe-Maßnahme spannend gestalten, egal was sie über uns sagt.
Ganz im Ernst, übertragen wir diese Filme doch mal in die Klassik: Wir sehen eine Printanzeige. Ein nacktes Pärchen beim Geschelchtsverkehr. Sein Teil dringt in sie ein, hey, noch extremer: es ist mit Exkrementen verschmiert. Darüber die Headline: “Not extreme enough? Try our Product!”
Toll… spannend… provozierend… wie in der Werber-Grundschule. Der Unterschied zu diesen Spots? Man hätte den verantwortlichen Praktikanten früher einfach gefeuert. Heute applaudiert man ihm für die krass gegenwartsadäquate Mediennutzung. Traurig…
… aber, wie erwähnt, immerhin eine Ansage, wenn auch vielleicht eine unfreiwillige: wie auch immer sich die Medienwelt ändert, es ist noch immer noch lange nicht jeder Depp in der Lage, Kommunikation zu betreiben, die auch funktioniert. Selbst wenn er mit der technischen Seite der jeweils relevanten Medien umgehen kann.
Oder auch: Dufte, du kannst Websites programmieren, du kannst SEO, du bist so nerdig wie nur ein Dilbert-Charakter. Glaub nicht, du könntest irgendwem außer deinem ausgestopften Hamster was über funktionierende Werbung erzählen. Auch wenn du 30 mal pro Stunde sagst, die Werbepenner sind in 2 Jahren alle arbeitslos.
(PS: Falls du einfach nur in einer Klassik-Agentur sitzt und dir gedacht hast, mit diesen Spots springst du jetzt aber mal so richtig auf den armen Zeitgeist drauf: geh runter. Du tust ihm weh.)
In Sachen virale Movies befinden wir uns noch im Stummfilmzeitalter – also so rein Entwicklungstechnisch. Warten wir noch ein wenig … dann wird es auch mal Blockbuster geben. Das schöne: Wir können von gut und schlecht lernen, dem Motto weniger ist mehr folgen und eine Menge von anderen lernen. Im bösen wie im schlechten Sinne. Hoch die Tassen, aller Anfang ist schwer.