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Josef Joffe steigt in die Dampflok

15. August 2008
von

Es ist schon eigenartig, wie Medienmenschen wie die Edelfeder Josef Joffe versuchen, die Rettung eines Mediums von Gestern mit Argumenten von Vorgestern herbeizureden. Es erinnert an die Argumente der Eisenbahner, die im Automobil keine Zukunft sahen, weil doch wohl kein Mensch sich die Mühe machen möchte selbst zu fahren. Also wirft Joffe in der “Zeit” den Dampflok-Kessel an gegen die “parasitäre Aufmerksamkeits-Ökonomie”, weil er 2048 die letzte Zeitung im Briefkasten liegen sieht. So wilhelminisch hat man die “Zeit” schon lange nicht mehr erlebt.

Einmal mehr wird da das Bild über “richtige Journalisten” bemüht, die “das Interessante vom Belanglosen und Blöden” trennen. Es wird dadurch nicht stimmiger. Denn ersten, und es ist beinahe langweilig es zu wiederholen, haben die Online-Medien diesen Job es in weiten Teilen selbst längst aufgegeben, weil sie gemerkt haben, dass sie mit dem Belanglosen und Blöden mehr Klicks einfahren als mit allem anderen.

Zweitens können den Job andere genauso gut erledigen. Ich bin wahrscheinlich nicht der einzige, der morgens nicht mehr zu erst bei SpOn nach den Neuigkeiten der Welt schaut, sondern bei Twitter oder Friendfeed. Weil mir die Community nämlich genau das Interessante, Belanglose und Blöde liefert, das mich interessiert.

Sicher werden die klassischen Medien noch eine Weile als Newsplattform herhalten, von der dann auch Blogs partizipieren.
Aber wie lange noch? Die Nachricht vom Erdbeben in Los Angeles im Juli verbreitete sich zuerst über den Microblogging-Dienst Twitter. Lange bevor die ersten Online-Medien reagierten. Und während bei Twitter die Nutzer schon im Sekundentakt in 140-Zeichen-Texten ihre Eindrücke schilderten, die sich wie eine Reportage in Echtzeit lasen, gab es bei den Newsdiensten gerade einmal dürre Meldungen.
Auch wenn Twitter noch kaum die breite Öffentlichkeit erreicht, dürften die etablierten Medien langfristig die Erschütterungen spüren, die ein Dienst wie Twitter verursacht. Es ist eines von vielen Beben, die die Kommunikationslandschaft durcheinanderwirbeln und bisherige Denkgebäude wackeln lassen.
Der Fall Bankhofer und die Klostermelissen-Affäre zeigt, dass Blogs dem Establishment auch investigativ das Wasser reichen können. In Zukunft werden sich Zeitungen nicht mit parasitärer Aufmerksamkeits-Ökonomie auseinandersetzen müssen, sondern schlicht mit Wettbewerbern um die Aufmerksamkeitsökonomie.

Das ändert nichts am Bedarf nach professionellen Journalisten. Er wird vielleicht sogar noch wachsen, wenn die Medien sich gerade online darauf besinnen, dass schlichte Nachrichten im Web eine Ubiquität sind, die eine endlose Reproduktion nicht lohnen, gute Geschichten unique sind und aber immer gerne gelesen werden. “So you do what you do best. And you link to the rest “ lautet die Empfehlung von Jeff Jarvis.
Das berührt aber die eigentliche Crux. Die Katze wird die Flöhe nicht vom Kratzen dauerhaft los. Wirtstiere sterben nicht wegen ein paar Parasiten aus. Sie sterben aus, weil ihre Weidegründe versteppen, das Geschäftsmodell obsolet wird. Eine TAGESzeitung mit Nachrichten von GESTERN ist in einer vernetzten Welt ein seltsames Konzept. Online-Medien, die ihre News wie Schätze hüten, sind es gleichfalls. Das Web animiert dazu, sich seine Informationen “auto-mobil” zu suchen. Da nützt es wenig, dem Leser weiter ein Komplettangebot zu liefern, das er so gar nicht beansprucht. Stattdessen gilt es, die Einzelteile bedarfsgerecht und leicht auffindbar anzubieten. Die Folge: Eine Distribuierung über möglichst viele Kanäle. Wie sich daraus Erlöse generieren lassen, das ist die Frage der sich Verlage stellen müssen.

Via politplatschquatsch und davidp

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ivw