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Spießer Alfons: Hans Reimann alias Hans Pfeiffer — mit 3 äff

17. August 2008
von

Dieses ist eine etwas längere Geschichte und damit passend als Sonntagslektüre fern der Alltagshektik. Länger ist die Story deshalb, weil Alfons viel zu erzählen hat, denn er ist selber eingebunden in die nachfolgende Handlung. Und mit der Erzählung will der Spießer aufzeigen, dass der alte Kampf zwischen David (= Otto Normalbürger) und Goliath (= Medien-Herrscher) heutzutage kein ungleicher Kampf mehr ist. Dank Internet und Bloggersdorf — Google sei Dank!

Vorab: Bevor es das Internet und damit die Möglichkeit gab, dass dort jeder Normalbürger bloggen und seine Meinung kundtun konnte, da hatten allein diejenigen Leute, die über die klassischen Medien verfügten, die publizistische Macht, sprich: das absolute Sagen. Wenn ein großes Medium über einen kleinen Menschen etwas Falsches berichtet hatte, dann konnte der Betroffene eventuell einen Leserbrief schreiben, der gedruckt wurde oder nicht. Oder er konnte zum Anwalt laufen, notfalls sogar vor Gericht ziehen und bekam dann eventuell lange Zeit später die Möglichkeit einer redaktionellen Gegendarstellung. Wenn überhaupt. Das Ganze kostet nicht nur Zeit sondern auch Geduld, Geld und Nerven. Da hat der kleine David dann oftmals freiwillig aufgegeben, weil er weder die Macht noch die Mittel gehabt hat, dem großen Goliath wirkungsvoll zu begegnen.

Heute ist das anders. Die Stars dieser Welt, die können zwar nach wie vor ihre Staranwälte wie Matthias Prinz oder Michael Nesselhauf in Bewegung setzen; aber auch der kleine Mann kann mehr tun als nur vor Wut die Hände in den Hosentaschen zu ballen. Denn er kann dem, was in den Medien veröffentlicht wird, im Internet begegnen. Damit erscheint seine Gegendarstellung im ganzen Lande und darüber hinaus; und seine Meinungsäußerung wird festgehalten für alle Zeit und kann via Google jederzeit abgerufen und somit auch von Nachbarn gelesen und von Journalisten recherchiert werden. Womit Spießer Alfons zum Casus Belli seines Beitrages kommt.

Feuerzangenbowle.jpgDa gibt es ein berühmtes Buch, nach welchem ein berühmter Film gedreht wurde. Und natürlich gibt es auch einen Verlag, bei dem das Buch verlegt ist. Außerdem gibt es auch noch ein Institut. Zur Erläuterung: Das Buch trägt den gleichen Titel wie der Film, nämlich: „Die Feuerzangenbowle“. Ein Bestseller. Der Verlag heißt Droste, und das Institut trägt den Namen Heinrich-Heine-Institut. Verlag und Institut sind ansässig in Düsseldorf.

Das Buch zum Film ist in Millionenauflage erschienen, hat dem Droste-Verlag viel Geld in die Kasse gebracht, wenn auch heute nur noch sehr wenig. Und die drei Verfilmungen (zweimal mit Heinz Rühmann, einmal mit Walter Giller) haben dem Produzenten mehr eingebracht als den Romanautoren, da diese ihre Rechte im Jahre 1933 für ein paar Reichsmark unwiderruflich (?) verscherbelt haben.

Wer das Buch kennt, wird an dieser Stelle fragen: „Autoren? Wieso Plural? Stammt das Werk nicht von einem Autor, nämlich Heinrich Spoerl (1887-1955)…?“

Die Wahrheit ist: Der eigentliche Autor des Romans ist der Schriftsteller, Grafiker, Kabarettist, Schauspieler, Literatur- und Musikkritiker, Chefredakteur und Herausgeber Hans Reimann (1889-1969). Und die Geschichte, wie der Roman „Die Feuerzangenbowle“ entstanden ist, findet Ihr hier: www.hans-reimann.de.

Gedenktafel.jpgDie wahre Autorenschaft der „Feuerzangenbowle“ ist schon lange kein Geheimnis mehr, denn nachdem Hans Reimann es in seiner Autobiographie „Mein blaues Wunder“ (List-Verlag) im Jahre 1959 aufgedeckt hat, steht es in jedem besseren Lexikon, in Filmbüchern und überall dort, wo von der „Feuerzangenbowle“ die Rede ist. Nur nicht bei Droste, dem Verlag in Düsseldorf, wo der Roman seit 1933 verlegt wird und wo auch dereinst Hans Reimanns “Sächsischen Miniaturen” erschienen sind.

Bei Droste kennt man zwar den wahren Sachverhalt und überweist auch anstandslos die Hälfte der Tantiemen plus Belegexemplare an den Erben von Hans Reimann; die Verleger aber möchten den Nimbus ihres Erfolgsautors Heinrich Spoerl wahren, der ein wenig erfolgreicher Rechtsanwalt und Freund der Familie Droste gewesen ist. Und der auch bekannt geworden ist mit seinem Werk Engel.jpg„Wenn wir alle Engel wären“, das auf einer Gemeinschaftsarbeit mit Hans Reimann basiert, nämlich dem Theaterstück: „Der beschleunigte Personenzug“ – siehe Abbildung!

Und im Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf lagert der Nachlass von Heinrich Spoerl, bewacht von Professor Kruse. Weshalb der Droste-Verlag ein Büchlein über Heinrich Spoerl verlegt hat, das von eben diesem Joseph Anton Kruse herausgegeben wurde, dem amtierenden Direktor des Heinrich-Heine-Instituts. Und in diesem Büchlein wird die Entstehung der „Feuerzangenbowle“ neu geschrieben, was mit der Wahrheit soviel zu tun hat wie die Geschichte von der Erde, die eine Scheibe ist.

Ein Journalist griff das auf und schrieb im vergangenen Jahr einen Beitrag darüber, der in verschiedenen Tageszeitungen erschienen ist, u. a. auch in der taz. Das wiederum ärgerte Herrn Direktor Kruse, und er schrieb einen Brief an den Autor Uwe Krüger, um Hans Reimann zu denunzieren und in Misskredit zu bringen. (Heinrich Heine: “Die Verleumdung, das freche Gespenst, setzt sich auf die edelsten Gräber.”) Was ihm aber nicht gelungen ist, dem Herrn Direktor, sondern im Gegenteil: Krüger veröffentlichte seinen Beitrag in weiteren Zeitungen.

Daraufhin setzten sich Droste und Kruse zusammen und überlegten, wie sie vom letzten Ruhmeszipfelchen ihres Heinrich Spoerl noch etwas retten könnten. Und man beschloss, eine Neuauflage der „Feuerzangenbowle“ herauszugeben mit Nachwort von Joseph Anton Kruse. Abgesehen davon, dass der Herr Direktor in diesem Beitrag wieder versucht, Reimann mit haltloser Behauptung zu diffamieren, so schreibt Kruse in seinem Text u. a.:

Hat Spoerl alles selbst erfunden? Gewiss gab es Anknüpfungspunkte, auf die im Roman, beispielsweise auf den erfolgreichen, zuerst 1875 erschienenen Besuch im Karzer von Ernst Eckstein, sogar ausdrücklich angespielt wird. Obendrein hat er am Beginn seiner literarischen Laufbahn mehrmals mit dem Leipziger Satiriker Hans Reimann zusammengearbeitet, dessen erstes Filmdrehbuch zur Feuerzangenbowle von 1934 unter dem Titel So ein Flegel ihm allerdings dann doch nicht gefiel, sodass sich ihre Wege trennten. Das zweite, bereits genannte Drehbuch für den überzeugenden Film von 1944 stammte dann von Spoerl selbst. Nach dessen Tod machte Reimann in seiner Autobiografie von 1959 eigene Ideen und Anteile auch am Roman geltend, die ihm von der Familie, sprich vom Sohn Alexander, der als Schriftsteller bekannt wurde und zum Teil ebenfalls bei Droste veröffentlich hat, schließlich auch eingeräumt worden sind. Wie immer es sich verhalten haben mag: Die jeweiligen Nachlässe im Deutschen Literaturarchiv in Marbach für Reimann und im Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf für Spoerl geben keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass Heinrich Spoerl nicht auch weiterhin als alleiniger Verfasser der Feuerzangenbowle gelten dürfte.“

Ein Witz, in der Tat: Heinrich Spoerl ist alleiniger Verfasser der „Feuerzangenbowle“, weil Kruse in seinem Archiv nichts Gegenteiliges findet! (Im Deutschen Literaturarchiv in Marbach scheint er nicht richtig geguckt zu haben!) Und im Satz davor bestätigt der Autor das, was er im nachfolgenden nicht für möglich hält. Auch dass die erste Verfilmung des Romans “Die Feuerzangenbowle” unter dem Titel “So ein Flegel!” in die Kinos gekommen war, hat er total vergessen zu erwähnen. Scheint etwas zerstreut zu sein, der Herr Professor. Oder ist es das, was Heinrich Heine einmal so treffend gesagt hat, nämlich: “Die Dummheit geht oft Hand in Hand mit Bosheit”…? Wäre der Direktor des Heinrich-Heine-Instituts gleich nach Leipzig gefahren, in die Geburtstadt von Hans Reimann, dann hätte er dort auch die Gedenktafel der Stadt gesehen am Geburtshaus des sächsischen Schriftstellers – siehe Abbildung oben!

Leider kann Alfons über den Text von Kruse nicht lachen, denn er ist der Erbe von Hans Reimann, seinem väterlichenAtikah.jpg Freund. Und Alfons hat Beweise in Händen, dass Hans Reimann den Roman „Die Feuerzangenbowle“ im wesentlich allein geschrieben hat, wobei Spoerl das Manuskript lediglich redigiert hat und für die zweite Verfilmung das Drehbuch nach Reimanns Vorlage geschrieben hat, weil Heinrich Spoerl im Dritten Reich von den Machthabern hofiert wurde, während sein damaliger Freund Hans Reimann den Kopf einziehen und mit Tricks und Zugeständnissen ums nackte Überleben kämpfen musste.

Ja, und damit hat Alfons gezeigt, dass er als David gegen den Goliath Droste durchaus zum Kampf antreten kann, ohne befürchten zu müssen, dass sein Wort nicht ausreichend Gehör findet.

Am Ende dieses langen Beitrages ein kurzer Beitrag zum Schmunzeln von Hans Reimann, erschienen in seiner Zeitschrift „Der Drache“:

„In einem Gymnasium gibt där Härr Konräktor in Onterprima Litäratorgäschichte. ‚Nathan där Weise’ wird gäläsen, kommäntiert, teilweise gälärnt ond von dän Prämanern in Aufsätzen wieder ärbrochen. Ond das sächs Wochen lang. Ändlich ist där Härr Konräktor färtig, ond zosammenfassänd fragt är einen Schölär:

‚Möller, wälchen Eindrock hat ‚Nathan där Weise’ auf Sie gämacht?’

‚Einen tiefen!’

‚Falsch! Sätzen Sie sich! Wär mössen sagen: Einen sähr tiefen!’“

Öberschrift: „Der Lährer“.

Diese kleine Geschichte stammt aus dem Jahre 1921, zwölf Jahre, bevor Hans Reimann seinen Roman „Die Feuerzangenbowle“ veröffentlicht hat. Sie steht zusammen mit weiteren Texten in: Hans Reimann „Ordnung im Bücherschrank“, Feuilletons, Lehmstedt-Verlag 2007 (ISBN 978-3-937146-51-5). Der Verleger: „Die Ausgabe versammelt einige der schönsten Feuilletons des Leipziger Essayisen, die ihn als ebenbürtigen Zeitgenossen von Tucholsky und Polgar ausweisen. Er warnt vor der modernen Unterhaltungsindustrie, zieht literarische Klassiker durch den Kakao und verschont auch sich selbst nicht mit Spott und Ironie.“Reimann.jpg

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