Elegante PR für den Google Browser Chrome
Google hat mit seinem Browser Chrome einen gigantischen Buzz erzeugt, der dem Hype um das iPhone gleicht. Ein
medialer Wirbelsturm, der ohne PR-Tamtam und klassische Werbung gelang und dafür nicht mehr als ein Comic-Buch benötigte. Dem Marketing sollte das zu denken geben. iPhone und Google-Browser Chrome zeigen: Das Produkt ist der Star. Wenn es eine gute Geschichte erzählen kann, wird diese wie von selbst weiterverbreitet. Der Browser, der momentan noch nicht einmal zum Download vorliegt, ist schon jetzt eine Lehrstück für gelungene PR.
Der bei Bloggern beliebte News-Aggregator Rivva ist heute beinahe eine thematische Monokultur. Die Postings zu Chrome sind Legion. Es ist zwar nur ein weiterer Browser, aber natürlich steckt mehr dahinter. Der Angriff auf Microsoft und den Internet Explorer, ein Betriebssystem für das Web und die dahinter schwellende Angst vor der Datenkrake Google. Droht der Welt ein Googlepol? Müßige Fragen für den Moment. Time will tell.
Bemerkenswert ist vielmehr, dass der Buzz mit dem Posting eines einzelnen Bloggers in Deutschland begann und sich dann fortpflanzte. Philipp Lenssen bekam als erster — und zu früh – Post von Google. In der Post: Ein Comic-Buch mit Zeichnungen vom Scott McCloud, dass als erklärender Appetizer für den Browser fungiert. Lenssen schrieb darüber und die Medienlawine rollte an, bis ins Tal der klassischen Medien hinein. Der Post-Praecox brachte den Zeitplan von Google ein wenig durcheinander und zwang den Konzern zu einer raschen Stellungnahme im eigenen Blog.
Learning Nummer 1:
Klassische Newsversender braucht es offenbar nicht mehr zwingend, um eine gute News um den Globus zu tragen. Blogger zeigen einmal mehr, dass sie ein ernstzunehmender Multiplikator für die PR-Maschinerie sind und etablierten Medien für die Publizität nicht mehr erste Wahl sein müssen.
Learning Nummer 2:
Das 38seitige Büchlein zeigt, das sich Inhalte auch jenseits copy&paste-fähiger Textbausteine gut und mindestens ebenso schnell verbreiten lassen. Der Comic ist dabei eine geradezu vorbildliche PR-Leistung. Die durchs Web geisternden Bilder erklären Lesefaulen auf die Schnelle die Vorzüge des Browsers.
Vor allem aber zeichnet den Comic ein wohl nur schwer messbarer Imageeffekt aus. Anders als selbst flott herunterformulierte Bedienungsbeschreibungen lässt der Comic das Produkt nicht technokratisch wirken. Stattdessen illustriert das Medium bereits die erste und wichtigste Produktbotschaft: Alles kinderleicht.
Obendrein entwickeln die Zeichnungen ein Bild der Harmlosigkeit. Google wirkt damit und darin nicht wie ein Angreifer oder ein gefährlicher, datensammelwütiger Technikriese, sondern
wie ein freundlicher Helfer, der die Welt erklärt.
Vielleicht war der frühe Postversand also sogar gewollt. Das PR-Timing ist jedenfalls so elegant, wie man es sonst nur von Apple kennt. Erste Infos um die Neugier anzuheizen und die erste Medienwelle zu reiten, dann das Produkt auf den Markt bringen und auf der zweiten Hype-Welle weitersurfen. Denn wenn der Google-Browser als Testversion voraussichtlich heute Abend ab 21 Uhr zum Download bereitsteht, dürfte er millionenfach heruntergeladen werden. Mit etlichen darauf folgenden Testberichten.
Fehlt eigentlich nur, dass der Server bei Google unter dem Anstrum zusammenbricht und die passende Hype-Schlagzeile liefert: „Google-Server kollabiert unter dem Ansturm auf den neuen Browser“. Dann wäre die PR-Geschichte rund.
PS: Und natürlich gefällt mir auch das Blau in dem Comic



















Der Vorwurf der Datensammelwut an Google ist ungefähr so sinnvoll wie der Vorwurf der Geldsammelwut an eine Bank. Banken arbeiten mit Geld, Google mit Daten.
Daccord. Ich würde das Google auch nicht zum Vorwurf machen, solange es sauber läuft und man sich ausreichend dagegen wappnen kann. Auch wenn der Vergleich ein klein wenig hinkt. Google nimmt die Daten ja so enpassant mit, Banken ziehen mir aber nicht das Geld aus der Tasche, nur weil ich gerade in einer Filiale stehe. naja jedenfalls nicht so recht, wenn man mal von allen möglichen gebühren im kleingedruckten absieht.
Trackback scheint zu hängen, daher einfach mal händisch der Link dazu: http://www.opensourcepr.de/2008/09/02/pr-in-chrom/
These: Google hatte nen Startvorteil
zum Stichwort “gute PR”: Echte News brauche keine PR, schon gar keine gute. Sie verbreiten sich auch so. Ein Monopolist wie Google hat eben auch ein Wahrnehmungsmonopol bei so strategischen Nachrichten wie dieser. Interessant wird es doch erst, wenn Google wirklich in die Nähe von Microsoft kommt, und zwar in allen Belangen, sprich: auch in seinem Gebaren. Dann wird PR wichtig. Richtig wichtig.
Google hält sich schlicht an die alte Werberregel: Product is king
@tapioliller
ich gebe dir recht. bigness ist sicherlich ein wichtiger faktor. Der teufel und der dickste Haufen…. Aber gute Story und Produkt funktionieren, siehe Bionade, auch im kleinen. Wenn auch bei Bionade nicht mit dieser Schnelligkeit.
@Mark Pohlmann
Du willst doch nicht andeuten, dass PR vor allem gebraucht wird,um ein unangenehmes Image glattzubügeln?
@olaf: das hast du jetzt aber gesagt
Für mich kam die Nachricht echt überraschend. Die haben dafür einen Perfekten Zeitpunkt gewählt. Zuerst die Ankündigung zu IE8, dann die Verlängerung der Kooperation mit Firefox und am Ende ein eigener Browser. Einfach eine gute konstelation meiner Meinung nach.