Zack, zack, zack
Browser-Krieg, wo es nur um Wettbewerb geht, Zensur-Vorwürfe, wo es eher um Fragen der Einschätzung geht, tote Printmedien, nutzlose Blogger, böses Google, tolles Google, Hype hier, Hype da – die mediale Welt liebt zusehends die einfachen Strickmuster. Es gibt nur noch Schwarz und Weiß, keine Grautöne mehr. Erst ist – auch das eine Pauschalisierung – die Mitte der Konsumwelt zusammengebrochen und ließ nur die Antipoden Discount und Premium über, nun verzichtet auch die mediale Welt auf die Ausgewogenheit, auf das abgewägte Wort. Weil Google knackige Keywords leichter findet und besser bewertet? Weil der Leser klare Orientierung will, statt einem kräftigen „Sowohl – als auch“?
Und tragen Blogger und dieser blaue Blog natürlich auch im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit am Ende selbst zu dem bei, was Felix Schwenzel „diese tölpelhaften vereinfachungs-tendenzen in allen lebenslagen“ nennt. Die er im übrigen — trotzdem nehme ich an – gut verstehen kann, weil sie “das leben, das schreiben und das witze machen“ leichter machen.
Spreeblick mault gerade mit Blick auf die Blogger-Szene und die Debatte über Chrome „Wir sind Bild“. Doch es ist ein zu kurz geratener Blick, zu fixiert auf die Blogger-Szene, zu sehr festgemacht an Chrome. Es geht — pauschal gesagt – um das grundsätzliche Bild der Medien.
Denn wenn Spreeblick schreibt, dass „wir alle BILD sind, auf der Suche nach der Sensation, dem Skandal, der einfachen Erklärung, dem klaren Feind- und damit Weltbild“, dann darf man nicht nur die Blogger schlagen. Es ist ein Phänomen, das alle Medien betrifft. Ein Phänomen, das nicht nur die Differenzierung beerdigt sondern alttestamentarische Tonalität zur Mode macht.
Vielleicht ist doch das Internet an allem Schuld und macht dumm. Weil die Jagd nach Klicks, weil die Google-Optimierung zu einfachen Schlagworten in der Headline zwingt. Aber trifft der Vorwurf nicht eher die google-orientierten Schlagzeilen der klassischen Medien und weniger Blogs, die immer noch mit allegorischen, methaphorischen und sinnfreien Überschriften begeistern, die jeden SEO verzweifeln lassen?
Doch man kann auch die simple Headline wieder als Dienst am Leser sehen. Der will es eben „1,2,3 – zack, zack, zack“, der mag kein Rätselraten beim Überfliegen der Überschrift, der verweigert sich gedanklicher Schnitzeljagd.
Vielleicht müssen wir uns damit abfinden, weil der Leser Spektakel will, dass ihn in seiner Paralyse aufrüttelt. Also gibt es nur noch Streicheleinheiten oder Prügel. Je nach Standpunkt.
Vielleicht ist aber auch „Bild“ verantwortlich. Von dem Blatt gelernt haben wir, das man am besten „Weltuntergang“ schreit, um gehört zu werden, bevor man leise hinzufügt: irgendwann. Denn inzwischen wird nur noch der gehört und mit Klicks belohnt, der am lautesten schreit und nach dem Weltuntergang am besten noch ein paar Armageddons hochschalten kann.
Es ist aber eben längst nicht mehr nur die schrille Schlagzeile, die verkaufen soll. Damit könnte man (vielleicht) noch leben. Die Polarisierung hat auch die Tonalität verändert und einen Meinungssextremismus hervorgebracht, der mit verbalen Molotow-Cocktails durch die Medienwelt geistert. Es ist beinahe so, als wollte eine “Tempo”-Generation ihre „100 Zeilen Hass“ ausleben. Die Differenzierung bleibt auch dadurch inhaltlich auf der Strecke.
Zwar sind vielleicht am Ende Blogs wieder an allem Schuld, weil sie mehr Emotionalisierung, mehr Subjektivität in die neue Medienwelt getragen haben. Doch das ist gut so. Gefühle und Meinungen verhindern ja nicht von vorneherein ein abgewogenes Urteil. Und ein klarer Standpunkt ermöglicht auch Debatten aus denen sich dann ein Stück Wahrheit herausschälen kann. Gerade in Blogs. Willkommen also im digitalen Diskurs. Nur: Aus den Emotionen ist – gerade auch jenseits der Blogs — längst ein medialer Fight-Club geworden.
Die Infokalypse macht also Polarisierung zum Mittel der Wahl. „The Medium is dying” das klingt wirklich spannender als von einem langsamen Wandel der Print- und Medienwelt zu erzählen. Twitternde SPD-Politiker zu bashen wie die Spiegel, liest sich flockiger als ein abgewogener Artikel, der auch positive Momente vermerkt. ARD und ZDF für ihr Programm komplett in die Tonne zu treten, ist leichter, wenn man die Perlen und Angebote der Nebenkriegschauplätze wie 3sat ausblendet.
Wir werden es auch auf OMD-Vorträgen wieder erleben. Himmelhochjauzende Töne für die eigene Branche oder Beerdigungsmusik für den Wettbewerber. Dazwischen nichts. Nur noch links außen und rechts außen — die Mitte ist offenbar so attraktiv wie die große Koalition. Vielleicht zwingt Powerpoint dazu, klare Gegensätze zu formulieren, weil eine ausgewogene Darstellung nicht zwischen zwei Schlagworte und drei Folien passt? Powerpoint ist vielleicht auch ein Schuldiger. Diskurs per Powerpoint? Wie denn?
Und Twitter ist dann der Grabträger der Vielschichtigkeit. Ausgewogene Gedanken in 140 Zeichen? Wie denn?
Warum? Weil man den Leser und Zuschauer mit den unterschiedlichen Sichtweisen, mit zwei Seiten einer Medaille, die ja das eigene Placet nicht ausschließen, nicht überfordern will?
Daran mag ich nicht glauben. Wozu sind schließlich Leserbriefe und Kommentare da? Nicht nur zum Ego-Boosting, sondern weil der Leser gerne unterschiedliche Standpunkte kennen lernt. Warum aber liefern die Medien ihm dann in ihren eigenen Beiträgen nur noch eine binäre Meinungen? Null oder Eins. Vielleicht, weil keine Zeit mehr zum Nachdenken bleibt. Denken lässt sich schließlich schlecht monetarisieren und vom Controlling bewerten.













Wow, wer hätte das gedacht. Google-Bashing regt zur Diskussion über die Eins/Nulligkeit des Online-Journalismus (zähle Blogger mal dazu) an. Ich könnte es mir ja einfach machen und sagen, dass das alles noch zu den Frühpubertätserscheinungen des Netzes gehört. Mit 14 ist man schließlich noch auf Rebell gebürstet. Aber dann hätten die Old-School-Journalisten mit ihrer “Print ist Qualität, Online ist Sumpf”-Rhetorik schon wieder einen Stich gelandet. Deshalb ziehe ich mich zurück und denke mal in Ruhe drüber nach.
PS: Dass auch die Öffentlich-Rechtlichen gelegentlich zur Undifferenziertheit neigen, zeigt dieses suggestivjournalistische Trauerspiel aus dem Hause NDR:
http://www3.ndr.de/ndrtv_pages.....12,00.html
Wenn es denn wirklich um Erklärungsbedarf* geht:
Das ganze mediale Ding ist noch einfacher zu erklären.
Die Histrioniker (bestimmter Menschenschlag, der emotional unterwegs ist und sich gerne darstellt) sind auf dem Vormarsch. So ist das.
Vor allem am Computer (da intuitiv begabt) und daher naturgemaß auch im Internet fühlen sie sich wohl. Daher das Medien- und Befindlichkeitsproblem, welches beklagt wird.
Der Histrioniker übertreibt gern, findet alles sofort supergeil, oder krass oder schrecklich, spart nicht mit provokativen extremen Ansagen über sich und andere. Hüpft auch gern von Oberfläche zu Oberfläche. Er bestimmt aktiv oder auch als Konsument der Medien das Bild in den Medien.
Der Antipode zum Histrioniker ist der Anankast. In Reinkultur ist er der Detailversessene, der Tiefgründelnde, der Anlytische und ist auch ein bisschen zwangsgestört und leicht zu irritieren. (negative Ausformung dieses Charakters).
Er ist in der heutigen nach-autoritären Gesellschaft, aber besonders im Bereich der intuitiven Benutzerführung (Software) am Aussterben. Er packt es bereits überhaupt nicht, wenn ein Browser (oder irgendein anderes Programm) statt eines einzigen autoritären Wegs, um eine Anforderung auszuführen, gleich drei gleichzeitig richtige Möglichkeiten anbietet (zwei in zwei verschieden menüpunkten und ein Shortcut). Daher kommen Anankasten auch emotional mit Software (die explizit meist auf den intuitiven Charakter zugeschnitten ist und nicht auf den Code-Neard), schlecht aus.
*Hoffe ein bisschen das Themenfeld erweitert zu haben. Außer es ging hier auch nur um Provokation der Provokateure (was ganz Raffiniert’s). Dann bin ich eben auch nur schön brav drauf reingefallen und habe in Folge nix gesagt, wa auch nur irgendwie wesentlich war.
@vroni Als Provokation war das nicht gedacht, sondern als Diskussionsanstoss. Hm muss mal darüber nachdenken, ob wir mehr histroniker werden oder uns das leben histronische verhaltensweisen aufzwingt.
@tapio bin gespannt. Denn auch prompt die Gleichung zu ziehen “Print ist Qualität, Online ist Sumpf”- wäre auch wieder zu pauschal. denn auch Print braucht auf der 1 für den Abverkauf die schnelle schlagzeile und den schreienden Titel.
Olaf
“ob wir mehr histroniker werden oder uns das leben histronische verhaltensweisen aufzwingt. ”
Beides. Klassiker Henne-Ei. System mit Rückkoppelungen*.
Wo aber die Rückkoppelungen immer schlechter oder gar nicht mehr funktionieren: Alles wird immer dramatischer interpretiert und dargestellt, keiner kühlt mal ab, sondern haut lieber noch eins drauf. Bis zur nächsten Suppenhenne, die durchs Dorf rennt. Dann schnell hin zu der. (Von einer Sau, die durchs Dorf rennt, mag ich ja gar nicht reden, eine Sau stellt wenigstens noch was dar. Zumindest in den Augen der Dorfbewohner.)
*Rückkoppelung ist das Prinzip des Rückschaltens, der Abschaltknopf, das eingebaute Rückkühlungselement, damit das System in Waage bleibt, bildlich gesprochen, wenn der Fön zu heiß wird.
Die einzige Rückkoppelung, die Histrioniker im Hamsterrad kennen, ist kurzzeitige Ermüdung und aus dem Rad fallen.
Am Beispiel Blogger oder auch Journalisten (häufig histrionisch): Blog in einem Anfall wütend für geschlossen zu erklären oder öffentlich zu erklären, man blogge nie nicht mehr im ganzen Leben, alles zu doof, kein Bock. Um nach einem Monat wieder anzufangen, als wenn nix gewesen wäre.
Witzigerweise und als Gegensatz haben wir als Regierung eine Koalition, die für Mitte, Konsens und Ausgewogenheit steht (oder suggeriert, was weiß ich). Der Wähler will auch Umfragen und Studien zufolge: die Mitte. (was immer das auch ist, Anm. d. S.).
Müssen wir dann nicht unterscheiden in: was ist Spiel & Unterhaltung (das Krasse). Und was ist Ernst (die Ausgewogenheit, die Mitte).
Was denken die gleichen Menschen (die eben noch rumgelästert udn dramatisiert haben) in ihrem stillen Kämmerlein wirklich?
Ich denke persönlich , dass sie sehr doppelbödig unterwegs sind und wir nur alle die Fassade der Protagonisten in der Öffentlichkeit mitkriegen, eagl ob sie was von authentisch sein faseln oder nicht….
Kann sein, dass der Medien-und Aufgeregtheitszirkus tatsächlich nur ein… Zirkus ist. Arena, in der manche(s) den Löwen vorgeworfen wird zur Belustigung und kein Podium/Forum Romanum wie im alten Rom oder Griechenland, wo man sich traditionell zur ernsthaften Debatte und geistigen Erbauung traf.
Diese Bild haben Zeitung und Öffentlich-Rechtliche in den Sechzigern so aufgebaut, aber stimmt nicht mehr, hat vielleicht noch nie gestimmt, denn viele offiziöse und erbauliche Beiträge der “Ernsthaften” waren/sind eher sorgfältige Verschleierung denn Debatte.
Wenn es so ist, darf man den Zirkus schon allein vom Wortsinn her nicht zu ernst nehmen (circus, circulus, der Kreis). Dreht sich eh alles im Kreis.