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Kaffeeklatsch

23. September 2008
von Olaf Kolbrück

simyo.jpgGossip, Gerüchte, Geschwätz, Kaffeeklatsch — das waren gestern auf einer Podiumsrunde der Agentur Profilwerkstatt in Darmstadt (neben kundigen Wortmeldungen) Schlagworte aus dem Publikum, die auch in anschließenden Gesprächen bei der Charakterisierung von Blogs und den Dialogen in Netzwerken immer wieder auftauchten. Die von mir moderierte Runde mit Professor Dr. Thomas Pleil, Blogger Robert Basic, Profilwerkstatt-Chef Ralf Ansorge, Kai Hattendorf von der Messe Frankfurt und Jörg Riebartsch, Chefredakteur „Darmstädter Echo“, hörte das sicher nicht zum ersten Mal.

Das erstaunliche ist aber, dass diese Urteile immer noch apodiktisch daherkommen. Fast glaubt man die Saat endloser Anti-Blog-Tiraden von „Süddeutsche Zeitung“ und Co zu erkennen. Nun könnte man lang und breit darstellen und diskutieren, dass Blogs eben nicht nur Kaffeeklatsch sind, sondern auch sachlich und fachliche Diskurse bieten — aber geschenkt. Denn noch erstaunlicher ist es, wie abfällig über Gossip und Kaffeeklatsch gerade in der Teilen der PR-und Marken-Welt der Daumen gesenkt wird. Dabei wird eine Marke, eine PR-Agentur, die um den Kaffeeklatsch einen Bogen macht, eines Tages nicht mal mehr für das dreckige Geschirr benötigt.

„Märkte sind Gespräche“, dieser Satz des Cluetrain Manifest hat bald zehn Jahre auf dem Buckel. Und auch wenn man die 94 anderen Thesen des Manifest nicht unterschreiben würde, über „Märkte sind Gespräche“ sollte man nicht mehr allzu lange nachgrübeln. Die Märkte werden den Unternehmen nicht noch einmal zehn Jahre Zeit lassen.

Auch Kaffeeklatsch ist ein Gespräch, Austausch, Information, Meinung, Einfluss. Jede Marke sollte also vielmehr froh sein, wenn sie sich mit an den Tisch setzen kann. Für Coppenrath & Wiese, deren tiefgekühlter Apfelstrudel übrigens selbst meinem versnobbten Gaumen gefällt, dürfte es nichts Schöneres geben, als bei Kaffee und trockenem Gebäck von den eigenen Rezepten zu schwärmen. Ein Versicherungsvertreter im Außendienst sollte in jedem Abendgebet darum bitten, den Kaffee in einer abmahngefährdeten Blogger-Runde ausschenken zu dürfen und nebenbei die Rechtsschutzversicherung zu erwähnen. Und ein Fiat-Verkäufer würde sicher lieber gerne mit ein paar Ferrari-Enthusiasten bei Chips und Bier Formel 1 glotzen und fachsimpeln, als im leeren Verkaufsbüro den eigenen Tetris-Highscore zu überbieten.

Nun können Unternehmen und Agenturen nicht bei jeder „Aber bitte mit Sahne“-Runde physikalisch dabei sein. Im Web aber können sie das. Sie können das in Blogs, sie können das in Social Networks.

Doch stattdessen rümpfen Marken die Nase, weil ihnen der Bohnenkaffee beim Kaffeeklatsch nicht passt, wenden sich Agenturen grausend ab, weil eine hässliche Strickdecke auf dem Tisch liegt. Stattdessen suchen sie lieber “seriöse” Abspielstationen und landen dann bei „Bild“ oder im Werbeblock von „Popstars“.

Vielleicht auch weil sie selbst als vielbeschäftigte Marketer beim Kaffeetisch der Familienfeier lieber nach einer kurzen Stippvisite schnell wieder Businesskaspern gehen oder sie zu wissen meinen, dass die ganze Quatscherei überbewertet wird und sich der große Rest der Menschheit lieber auf der Couch berieseln lässt.
Doch selbst die Extreme Coucher haben irgendwo ihren Stammtisch von der Freiwilligen Feuerwehr, ihr Treffen der Thekenmannschaft (wenn Wer-kennt-wen weiter so wächst auch im Web) oder irgendein Familienmitglied, das gerade mit dem neuesten Klatsch von einer Kaffeerunde zurückkommt und die Botschaft weiterträgt.

Beim Kaffeeklatsch wird eben geklatscht — auch über Marken. Und wie. Glaubwürdiger und nachhaltiger als es jede klassische Werbung kann. Man muss den dort gereichten Kuchen nicht mögen, aber man sollte den möglichen Einfluss auf die Art und die Tonalität des Dialogs deswegen nicht leichtfertig verschenken.

Und wenn einem die Stube nicht passt, kann man Kaffee und Kuchen immer auch noch im eigenen Wohnzimmer kredenzen und den Kaffeeklatsch selbst organisieren. Der Mobilfunkanbieter Simyo erprobt das gerade mit dem Community Dienst: “simyo Pate“. Der Kunde als Markenbotschafter: „Als Simyo Paten erklären sie die Leistungen des Unternehmens aus der Kundenperspektive.“ Manko aus meiner Sicht: Für die Paten gibt es ein Gesprächsguthaben im Wert von drei Euro.. Noch überzeugender wäre die Lösung, wenn die „Paten“ aus reinem Interesse und für das persönliche Ego-Boosting dabei wären. Auf dem gerade gestarteten Simyo-Blog kommentiert ja auch niemand für ein paar Freiminuten.

Selbst wenn man auf die eigenen Qualitäten als Gastgeber nicht vertrauen mag, kann man sich immer noch eine kundige Kaffeetante ins Haus holen und überlässt das Backen und Servieren jemandem der es bereits kann. Otto-Tochter Sportscheck hat sich dazu schlicht die Community von MeinSport.de als Partner geholt. Der einfachste Weg , sich selbst zum Gespräch einzuladen und an den Kaffeetisch zu setzen.

Nachtrag: Professor Thomas Pleil hat auf der Veranstaltung der Profilwerkstatt noch einen kurzen Einführungsvortrag mit fünf Thesen für die PR gehalten. Die Folien dazu gibt es bei Slideshare.

Nachtrag 2: Thomas Pleil liefert in einem eigenen Blogbeitrag ergänzende Eindrücke und Ansichten zur Pofilwerkstatt-Veranstaltung “Forum für Vordenker” unter dem Motto “Web x.0 – was PR von morgen sich trauen muss”

Nachtrag 3: Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach bietet zusätzliche Betrachtungen und den Satz des Tages aus Kindermund: “Ich hasse Reklame, weil die da immer voll so angeben.”

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Kommentare zu “ Kaffeeklatsch ”

  1. Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach am 23. September 2008 um 14:46 Uhr

    Und Kaffeeklatsch war da wirklich abfällig gemeint? Also auch von Kommunikatoren und nicht nur von sich auf den Schlips getreten fühlenden Bloggern? Dann kann ich wirklich nur den Kopf schütteln, denn das ist ja mehr als absurd. Schließt sich aber fein an deinen Veitrag neulich über die Zukunftsfähigkeit von Agenturen und Kommunikatoren an…
    Und dabei glaubte ich immer noch, dass eher manche Blogger aufjaulen, wenn ich von Kaffeeklatsch rede, um zu erkläre, warum sie relevant sind :)

  2. seven am 23. September 2008 um 15:44 Uhr

    “…oder sie zu wissen meinen, dass die ganze Quatscherei überbewertet wird und sich der große Rest der Menschheit lieber auf der Couch berieseln lässt.”

    Manchmal glaub ich, manche PR- und Werbefritzen wollen die Musikindustrie nachahmen: Trends verpennen, dann verteufeln und am Ende dumm dastehen. Von mir aus bzw. dann aber ohne mich.

    Sich über die Bedürfnisse und Gewohnheiten einer wachsenden Zahl von Menschen hinwegzusetzen, macht niemanden reicher.
    Und wenn Märkte Gespräche sind, bekommen die, die sich jetzt noch arrogant abwenden, später nur zu hören: “Wer hat dich denn gefragt?”
    Die Macht der Konsumenten und User wird die neuen Märkte formen. Und die Spötter in den heiligen Türmen von PR und Medien werden die dunkle Seite dieser Macht zu spüren bekommen – so wie derzeit die MI.

  3. Kai Hattendorf am 23. September 2008 um 21:43 Uhr

    …und um nach einem angenehmen Diskussionsabend zum Thema “Kaffeeklatsch” noch einmal nachzulegen: Zur Bedeutung des Smalltalk über (scheinbare) Banalitäten und zur Abgrenzung von Kaffeeklatsch, Humbug und Lügen gibt es eine wunderbare kleine Schrift von Princeton-Professor Harry G. Frankfurt namens “On Bullshit”.

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