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Prokrastination: Sind wir nicht alle ein bisschen LOBO?

26. September 2008
von Olaf Kolbrück
Weil das hier eine Buchsprechung über ein Buch über Prokrastination ist, vorab eine Kurzzusammenfassung des folgenden Textes für jene, die die Rezension später einmal lesen wollen: „Dinge geregelt kriegen — ohne einen Funken Selbstdisziplin“ ist das beste Buch über Zeitmanagement seit der Bedienungsanleitung für die Sanduhr.

lobobuch.jpgFrüher galt Unkonzentriertheit als Makel, wenn man sich ablenken ließ, wars Charakterschwäche. Wenn man Glück hat, gilt man damit und dem oft einhergehenden Aufmerksamkeitdefizit-Syndrom heute als hochbegabt. Wenn man aber das falsche Ende der Gaußschen Kurve erwischt, landet man in der Schublade der Produktivitätsverweigerer. Gerade so als wäre nicht Pippi Langstrumpf der Sympathieträger, sondern die Streber Tommy und Annika.

Doch seitdem dieses wunderschöne Wort von der Prokrastination (das Verhalten, Arbeiten auf Morgen oder sonst wann zu verschieben) um sich greift und im Lande der Digital Natives zum Grundzustand des Seins gehört, ist man ohne große Mühe im Trend, wenn man die Dinge des Lebens nicht mit Anstand und vor allem heute und schleunigst geregelt bekommt.

Endlich kann man also all die gekauften und im Regal verstaubten Lebenshilfe-Bücher, die wie eine Beichte funktionierten, weil sie lediglich kurz das Gewissen beruhigen, bevor man fröhlich weiter sündigt, nun ins Altpapier werfen. Wenn man sich denn mal dazu aufraffen sollte, den Billy aufzuräumen. Man kann natürlich auch etwas völlig anders tun und vielleicht kommt dabei sogar etwas sinnvolles heraus.

Ein Buch zum Beispiel über Prokrastination, das die Sekundärtugend Selbstdisziplin selbst als Teil des Problems begreift.
„Dinge geregelt kriegen — ohne einen Funken Selbstdisziplin“ lautet der Titel und kommt von Kathrin Passig und Sascha Lobo, die mit anderen auch schon ein paar andere Bücher (u.a. Lexikon des Unwissens, Wir nennen es Arbeit) geschrieben haben. Ein Weblog Prokrastination.com gibt es dazu auch.

Eine der Stärken des Buches ist, dass es anders als andere Selbsthilfe-Bücher dem Prokrastinierer nicht schlicht Kalenderweisheiten als Waffen im Kampf gegen den inneren Schweinehund präsentiert, die das Leben noch komplizierter machen, als es ohnehin schon ist, sondern Zeitverschwendung als Chance begreift, Aufgeben als Vorteil sieht, Nichtstun als Nutzen definiert und den Schweinehund schlicht zu einem PAL (Problem anderer Leute) macht.

Im Anfang schuf Gott erst mal gar nichts. „Dafür ist auch morgen noch Zeit“, sprach er und strich sich zufrieden über den Bart.

Aus: „Dinge geregelt kriegen — ohne einen Funken Selbstdisziplin“

Der größte Vorteil dieses Buches ist vielleicht, dass einem die Lektüre keinen gewaltigen Zeitvorteil verspricht oder eine plötzliche Leistungsexplosion, sondern lediglich, „dass sie dieses Buch lesen, in ihrem Leben nichts ändern, sich damit aber besser fühlen als vorher.“

„Na, das ist ja einfach“, dachte ich mir und habe das Buch nach der Einleitung erst mal beiseite gelegt. Es wirkte schließlich schon.

Es funktioniert auch über die weiteren rund 280 Seiten, weil es über lange Strecken extrem unterhaltsam geschrieben ist. Dafür sorgen vor allem eingestreute Bekenner-Geschichten Betroffener, die eine Ahnung davon vermitteln, wie es im Keller von Kathrin Passig, im Leben von Don Dahlmann und anderen aussieht (nämlich genauso unsortiert wie im eigenen) und die beweisen, dass Prokrastination auch ein Leben voller Abenteuer bescheren kann.

Nun ist Prokrastination ja durchaus auch ein ernsthaftes Phänomen des Seins und Passig und Lobo geben sich auch alle Mühe, dies mit einem breiten Exkurs in die soziologischen, philosophischen und wissenschaftlichen Hintergründe zu belegen. Gottlob tappen sie dabei nicht in die Falle, ihr Wissen auch noch mit etlichen Fußnoten zu untermauern. Wahrscheinlich, weil sie die Quelle ohnehin verbaselt haben und auf „wissenschaftliche Weise erratene“ Zahlen genauso brauchbar sind wie lange Statistikreihen.

Die Fakten immerhin sind nützlich, wenn man sich ernsthaft mit Prokrastination auseinandersetzen möchte, es als Krankheit begreifen will oder schlicht seinen Spaß daran hat, sich selbst in einem historischen und philosophischen Kosmos zwischen Max Weber und Futurama zu verorten.

Natürlich kann es sich auch dieses Buch nicht verkneifen, Anregungen für ein schöneres, gesünderes, besseres LOBO-Leben (LOBO = Lifestyle of Bad Organisation) abzuliefern. (Wahrscheinlich wäre es sonst kein Buch geworden). Aber wenigstens haben diese Hinweise hübsche stilistische Schleifen und manche sind sogar nützlich, die meisten selbst für Prokrastinierer alles andere als eine Herausforderung.

Obendrein quält das Buch nicht mit einer To-do-Liste für ein effektiveres Leben, sondern liefert durchaus brauchbare Beispiele für Dinge, die man nicht tun muss und lebenspraktische Überlegungen zum Einsatz von Putzfrauen. Kapitel, die man gut mal zwischendurch lesen kann, während man eigentlich dringenderes zu erledigen hat.

Das allerbeste an dem Buch ist aber, dass man es auch mit Genuss lesen kann, wenn man
a) nicht prokrastiniert
b) an seinem Leben sowieso nichts ändern will und
c) morgen schließlich auch noch ein Tag ist.

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Kommentare zu “ Prokrastination: Sind wir nicht alle ein bisschen LOBO? ”

  1. KMTO am 26. September 2008 um 19:37 Uhr

    Nun frage ich mich natürlich, wie man es schafft ohne jeden Funken Selbstdisziplin so etwas anstrengendes und oft in eine termin-gebundene Ausgabe gepacktes Buch zu schreiben?
    Die schreib- begleitenden Twitt’s waren da nicht sonderlich hilfreich, denn nach denen gäbe es das Werk jetzt nicht ;-)

  2. olafkolbrueck am 27. September 2008 um 12:18 Uhr

    Passig beschreibt die entstehung des buches ganz anschaulich in der zeit:
    http://www.zeit.de/campus/2008.....t?page=all

  3. chris am 27. September 2008 um 23:18 Uhr

    sry, aber der artikel ist einfach zu lange um zu lesen und..

    …oh ein eichhörnchen!

  4. soerensen am 28. September 2008 um 14:35 Uhr

    Lobo ist ein sehr sympathischer Kerl.

    Deshalb twittert er Dinge wie zum Beispiel:

    “Heute Abend kommt übrigens ein Bericht über mich im Fernsehen…”

    Und zwei Stunden später:

    “Ach, habe ich schon erwähnt, dass heute Abend ein Bericht über mich im Fernsehen kommt…”

    Und solche Dinge lässt der Mann ohne einen Funken Selbstironie alle paar Minuten los. Peinlich ist aber auch, dass viele Leute die mit ihm zusammenarbeiten mussten berichten, dass er eigentlich nicht viel kann.

  5. Dr. Pflichtfeld am 29. September 2008 um 11:08 Uhr

    “…das beste Buch über Zeitmanagement seit der Bedienungsanleitung für die Sanduhr.”

    Was für ein wunderschöner Satz. Ich weiß nicht warum, ich weiß nicht einmal was es bedeuten soll, doch er hat mir sehr gut gefallen. Danke!

  6. KMTO am 29. September 2008 um 11:13 Uhr

    “und steigen direkt in die Torschlusspanik ein.” Wunderbar. Das erklärt alles und macht scheinbar sogar das Lesen des Buches überflüssig. Erfolgreich in 5min prokrastinieren gelernt. Kurz vor zwei Deadlines. Hab’ ich ja noch 10min. ;-)

  7. Lydia am 29. September 2008 um 18:36 Uhr

    Man gilt als hochbegabt, wenn man AD(H)S hat und prokrastiniert? Echt? Also mir ist nur bekannt, dass Hochbegabte manchmal eine leichte Form von Autismus (Asperger-Syndrom) haben, aber soweit ich weiß, treten die Phänomene Hochbegabung (+Autismus), Hyperaktivität und Prokrastination völlig unabhängig voneinander auf. Was du vielleicht meinst, lieber Olaf, ist die manchmal aufretende Agressivität von hocbegabten Jungen (!). Diese hat aber mit Unterforderung zu tun und macht sich meistens erst in der Schule bemerkbar, also in einem Alter, in dem sich Unterschiede in der Intelligenz wirklich krass bemerkbar machen (während im Kindergarten die Kinder noch alle ungefähr auf dem gleichen Niveau sind, gibt es am Ende der Grundschule schon die ersten “Klassenspitzen” und Schlusslichter). Das kann natürlich daran liegen, dass man im Kindergarten noch nicht so auf Leistung achtet, aber auch, weil die Hochbegabten in der Schule zum ersten Mal bemerken, was das für Idioten sind, mit denen sie bisher immer gespielt haben, und sich dann auf einmal unterfordert fühlen. Die Unterforderung macht sich allerdings nur bei Jungen als Agressivität bemerkbar, Mädchen ziehen sich meist zurück und werden depressiv. (Davon kann ich ein Lied singen.)
    Auf jeden Fall denke ich nicht, dass ein Großteil der Prokrastinatoren und AD(H)S-Leute einfach nur unterfordert, weil hochbegabt, sind. Nur 2% der Menschen haben einen IQ von 130 und mehr. Und dann IST man aber auch hobegabt und GILT nicht nur als solches.

  8. OlafKolbrueck am 30. September 2008 um 09:06 Uhr

    @Lydia
    Stimmt schon. Vermutlich ist bei meiner Formulierung die sanfte Ironie nicht rübergekommen.

  9. Lydia am 30. September 2008 um 21:33 Uhr

    Sanfte Ironie? Weil heute tatsächlich jeder Zappelphilipp für ein Genie gehalten wird? Es tut mir leid, das Gegenteil ist der Fall, deswegen habe ich da wahrscheinlich auch die Ironie drin nicht verstanden, weil ich bei diesem Thema (aus persönlichen Gründen) absolut keinen Spaß verstehe. Nicht nur AD(H)S-Leute werden nämlich mit Ritalin ruhiggestellt, sondern auch Leute, die (siehe oben) tatsächlich schlichtweg hochbegabt sind. Hochbegabung ist nämlich so selten, dass es unwahrscheinlich ist, dass jedes agressive Kind hochbegabt ist, deswegen wird in den seltensten Fällen ein IQ-Test gemacht. (Eigentlich normalerweise immer nur dann, wenn das Kind in der 2. Klasse Grundschule sich selbst beibringt, Integrale zu lösen oder so.) Der Grund dafür ist verständlich: Die wenigsten Eltern wollen wahrhaben, dass ihre Kinder schlauer sind als sie selber. Ich nenne das das “Genauso blöd wie wir”-Syndrom: Die breite Masse ist strunzdoof, geht aber davon aus, das der kleine Rest ebenfalls nicht wesentlich intelligenter ist. Wenn jetzt bei einem Kind eine Hochbegabung festgestellt wird, ist es meistens nicht so, dass sich das Umfeld des Kindes den Arsch aufreißt, um das Kind nicht zu unterfordern, sondern sie kokettieren mit ihrer eigenen Dummheit, so von wegen “schau mal was das Kind alles kann, das können WIR ALLE nicht” und so weiter. Es wird nicht versucht, sich an das Kind anzupassen, sondern die Leute tun so, als wäre eine Hochbegabung nicht normal, sondern ganz super-duper-außergewöhnlich und die Leute so abnorm wie Aliens. Was ich damit sagen will: Einem Kind wird nicht von vornherein erklärt, dass es Hochbegabungen gibt, sondern die Leute gehen davon aus, dass auch dieses Kind “genauso dumm wie wir” ist. Wenn das Kind dann tatsächlich hochbegabt ist, hat es zu leiden, wenn es nicht “artgerecht” gefördert und gefordert wird, und auch, weil es nicht weiß, was mit ihm los ist. So ist es nämlich auch bei mir: Mein Test ist am 25. Oktober, und so wie es aussieht, ist es nur noch eine Formalität, bis ich offiziell hochbegabt bin. Die Idiotie meiner Klassenkameraden hat mich in eine Depression getrieben. Und ich wünschte, mit jedem verhaltensauffälligen Kind würde ein IQ-Test durchgeführt werden. Also bitte: keine Witze von wegen “heute ist jeder kleine Kevin automatisch ein Genie”!

  10. OlafKolbrueck am 3. Oktober 2008 um 11:24 Uhr

    @lydia
    Ich drück dir die Daumen für den test. Bin sicher, dass es mit dem “TÜV-Siegel” für die Hochbegabung klappt. Das macht es dennoch sicher nicht weniger anstregend, jemand besonderes zu sein. (Natürlich sind wir das als individuum irgendwie alle).
    Vielleicht hast du ja Lust, deine Eindrücke von dem Test in einem eigenen Gastbeitrag zu schildern?

Trackbacks

  • [...] Selbstdisziplin“ geschrieben. Begleitet wird es von dem Blog Prokrastination*.com. Wie kritisiert Olaf Kohlbrück in off the record so treffend: “Es ist das beste Buch über Zeitmanagement seit der Bedienungsanleitung für [...]

    Buenalog » Blog Archiv » 8. Link-Propaganda — 28. September 2008 @ 15:20 Uhr
  • [...] einen Blick auf “Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin” (siehe off the record, Spreeblick) werfen. Dieses Buch versucht - ähnlich der “Bushido Biografie” - nicht [...]

    Bushido ist einfach zu erfolgreich | myoon — 29. September 2008 @ 10:06 Uhr
  • [...] Denn jetzt hat sich Kathrin Passig und Sascha Lobo (Lexikon des Unwissens, Wir nennen es Arbeit) dem Thema Selbstorganisation vs. Prokrastination angenommen und ein Buch vorgelegt, das die Dinge (hoffentlich) mal von einer anderen Seite betrachtet. Der größte Vorteil dieses Buches ist vielleicht, dass einem die Lektüre keinen gewaltigen Zeitvorteil verspricht oder eine plötzliche Leistungsexplosion, sondern lediglich, „dass sie dieses Buch lesen, in ihrem Leben nichts ändern, sich damit aber besser fühlen als vorher.“ (off the record) [...]

    Dinge geregelt kriegen - onsline — 17. Oktober 2008 @ 18:20 Uhr
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