Fans und Fakes: Die Parteien vor dem Wahlkampf und die Obama-Mania
Wenn die deutschen Parteien unter dem Eindruck der webzwonulligen Obama-Mania einen bunten Online-Wahlkampf versprechen, dann ist das soviel wert wie eine Regierungserklärung. Nämlich gar nichts. Und der Wahlkampf im Web dürfte nach den bisherigen Auftritten so aufregend und kommunikativ werden, wie ein Stapel Fähnchen auf dem Wahlstand am Marktplatz in der Fußgängerzone von Wanne-Eickel.
Ein Grund: “Ein Kommunikationsverlauf, der bottom-up und nicht top-down verläuft, ist für viele weiterhin ein Horror”, sagt Politik-Beraterin Kerstin Plehwe. Zu groß ist offenbar das Misstrauen gegenüber einer offenen Kommunikation, zu zu groß die Unsicherheit, welche Elemente im Web 2.0 im kommenden Jahr tatsächlich noch eine oder erst recht eine Rolle spielen. Das Menetekel Second Life sitzt in den Köpfen fest: „Wenn man an den Hype um Second Life denkt, kann man nicht ausschließen, dass das ein oder andere Instrument im nächsten Jahr schon nicht mehr so eine bedeutende Rolle spielt.“, sagt Steffi Lemke, Bundesgeschäftsführerin der Grünen. Die Richtung ist also klar: Lieber passiv bleiben, bevor man etwas ausprobiert.
So überlassen die Parteien den Auftritt in den modernen Kommunikationswegen Spaßvögeln und Fakes und locken bei Youtube selbst hartgesottene Parteiaktivisten kaum ans Modem.
Die Zahl der Abonnenten der Parteikanäle zeigt es deutlich:
CDU-TV 153 Abos
SPD-Vision 415 Abos
FDP 536 Abos
Grüne 129 Abos
Die Linke 564 Abos
Kein Wunder. Gegen die Filmchen wirkt selbst das gedruckte Wahlprogramm wie ein aufregender Grisham und die vor unfreiwilliger Komik strotzenden Heimatfilme eines Ronald Pofalla wie ein zukunftsweisendes Bewegtbildformat.
Doch auch in den Communities überlassen die Parteien, die mehr auf eigene Lösungen vertrauen (meinespd.net, myfdp.net) das Feld der Langeweile.
Eigene Aktivitäten sind so selten wie klare Aussagen vor laufenden TV-Kameras. Die Anhänger in den Gruppen, die offenbar in der Regel von Sympathisanten gegründet wurden, bleiben unter sich. Wohl auch deshalb ist die Zahl der Teilnehmer niedriger als die Mitgliederzahl der Partei Bibeltreuer Christen. Beispiele:
Die Grünen: StudiVZ (989) und Facebook (341)
SPD: StudiVZ (3395 ), dessen Gruppengründer sich auch zur StudVZ-Gruppe “Für die Abschaffung der Unschuldsvermutung bei Schäuble” bekennt. Facebook (388)
CDU: StudiVZ (2745) Facebook 263
Die Linke: StudiVZ (788) Facebook (313)
FDP: StudiVZ (1620), Facebook (?)
Zum Vergleich: Der * Club der zukünftigen Porsche-Fahrer * hat über 12.000 Mitglieder , Greenpeace 2986 Mitglieder bei StudiVZ.
Beim Top-personal sieht es nicht besser aus:
Guido Westerwelle hat 67 Anhänger bei Facebook, Außenminister und Kanzlerkandidat Steinmeier dort 264 Fans, Merkel toppt alle mit 2044 Befürwortern bei Facebook und bietet immerhin schon mal Presseverlautbarungen und ein paar Fotos. Frank-Walter Steinmeier bietet dagegen genau gar nichts und hat verdientermaßen laut Facebook “keine aktuellen Aktivitäten”. Myspace: allesamt scheinbar Fehlanzeige. Erstaunlich auch. Die Politprominenz, die sonst keine Talkshow auslässt, macht auch um StudiVZ/MeinVZ einen Bogen. Nur Ronald Pofalla ist auch dort dabei – und es ist natürlich ein Fake-Profil.
Noch schlimmer wird es nur bei Twitter: Dort regieren die Fakes. Beispiele:
Müntefering
Echtes digitales Parteigezwitscher gibt es immerhin auch hier schon.
Hubertus Heil, inzwischen wieder stimmlos, brachte es immerhin auf rund 1000 Follower.
FDP-Geschäftsführer Beerfeltz hat immerhin 67 Anhänger.
Auch Guido Westerwelle schaute gleich mehrfach mal ganz kurz vorbei. Dieser Westerwelle ist vielleicht auch echt. Mit dabei auch:
SPD NRW
Grüne (die dort ein gutes Beispiel für Dialogorientierung abliefern)
FDP-Fraktion
CDUCSU-basis
Klar, werden die Parteien einmal mehr darauf pochen, dass die Mitglieder ihr größte Wahlkampfstütze sind. Und weil die das seit Jahren mit Erfolg machen, steigt auch jedes Jahr die Wahlbeteiligung. Sie steigt nicht? Komisch. Natürlich, auch das ein Mantra, geht es den Parteien um Inhalte und nicht um Personen. Und Deutschland sei mit dem Personenwahlkampf in den USA nicht zu vergleichen. Das ist natürlich grober Unfug. Denn auch in Deutschland werden die Inhalte und die Markenbotschaften über die Testimonials, also die Spitzenkandidaten vermittelt.
Und wenn diese jungen Wähler, den vermeintlich politisch desinteressierten Nachwuchs, ansprechen wollen, dann müssen sie dort hingehen, wo diese Wähler mit den Kandidaten reden wollen. Auf dem Marktplatz von Wanne Eickel sicher nicht. Da erscheint die Aussicht auf x-tausend-und Anhänger bei StudiVZ und Co plötzlich nicht mehr als vernachlässigbare Größe. Vor allem dann nicht, wenn man sie als Multiplikatoren im Web begreift.
So lange die Parteien das nicht begreifen, müssen sie sich aber auch keine Sorgen machen, dass andere ihre Inhalte, Slogans und Kampagnen aufgreifen und im Web kreativ transformieren und multiplizieren. Lobeshymnen im Hip-Hop-Format werden sie dann auch nicht zu hören bekommen. Jeder bekommt eben das Internet das er verdient.
Aktuell für Obama von MC Yogi:
und aus dem Longtail für Pofalla:
Einen Überblick über Obama im digitalen Wahlkampf verschafft gerade Culture Buzz.



















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