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Christian Baudis: Wir veredeln das Inventar

30. Oktober 2008
von Olaf Kolbrück

baudis.jpgChristian Baudis, Europa-Geschäftsführer von Tremor Media, will TV-Werbung im Web vernetzt vermarkten und strotzt dabei vor Selbstbewusstsein. Das Onlinevideo-Werbenetzwerk, das in den USA mit führenden Publishern zusammenarbeitet, ist hierzulande zwar noch eine unbekannte Größe, doch das soll sich nach den Plänen von des einstigen Deutschland-Statthalters von Google schnell änderen. Im Interview erklärt er seinen Optimismus, die Rolle der Technik, sein Verhältnis zu den Mediaagenturen und warum er auch für die TV-Sender neue Chancen sieht.

In den USA lassen bereits 1400 Partnersites ihre Onlinevideo-Werbeplätze von Tremor Media vermarkten. Was ist in Deutschland das Ziel?

Christian Baudis: Wir fangen hierzulande mit einer Nische an. Aber das Geschäft wird sich explosionsartig entwickeln. Ich bin überzeugt, dass viele große Sites mitmachen werden. In den USA wird Tremor Media bereits wie ein großer Fernsehsender gebucht.

Was macht Sie so optimistisch?

Christian Baudis: Tremor Media wird die Konvergenz der Medien herstellen. Fernsehspots werden künftig erstmals deutlich im Onlinebereich eingesetzt. Ein 15-Sekünder wird einfach im Web geschaltet. Im TV fragt auch niemand, ob ein Spot per Kabel oder Satellit ausgestrahlt wird. Es geht dabei schlichtweg um die Zielgruppe.

Wer kommt als Partner infrage?

Christian Baudis: Wir suchen Partner mit einer großen Nettoreichweite und wollen mit ihnen ein entsprechendes Publisher-Netzwerk aufbauen. Wo seitens des Website-Betreibers bereits Videocontent vorhanden ist, wird dann ein Instream-Video als Pre-, Mid-, oder Post-roll angezeigt. Dabei ist es technisch möglich, zusätzliche Funktionen zu aktivieren, die beispielsweise Informationen zu nahegelegenen Händlern bieten. Damit verbinden wir Brand Awareness mit Interaktionsmöglichkeiten.

Was ist mit Anbietern, die noch keinen eigenen Videocontent anbieten?

Christian Baudis: Das wird sich in den nächsten Quartalen deutlich ändern. Aber für jene, die kein eigenes Videoinventar haben, spielen wir ein In-Banner-Video aus, das auf der Seite als 15-Sekünder direkt angezeigt wird.

Inwieweit treten Sie mit ihrem Angebot in Konkurrenz zu den bestehenden Mediaagenturen?

Christian Baudis: Wir begreifen uns als Partner. Das Problem ist, dass Adnetworks und Publisher-Sales-Häuser nur einen Bruchteil ihres Videocontents vermarkten können. Bei dem großen Rest wollen wir helfen. Es geht uns darum, die Werbeplatzierung nach Zielgruppenkanälen zu vermarkten und zu kumulieren. Gleichzeitig liefern wir dazu mit Acudeo die nötige Technologie.

Wie funktioniert Acudeo?

Christian Baudis: Bislang müssen Publisher für die Platzierung von Videowerbung einen immensen Aufwand betreiben. Acudeo ist ein Buchungs-, Dispositions- und Yieldmanagement-Tool, das diesen Vorgang erheblich vereinfacht und zusätzlich ein Reporting liefert.

 

“Wir wollen nur professionell generierten Content mit Werbung bestücken”

Wie bilden Sie die Preise?

Christian Baudis: Wir kooperieren auf Provisionsbasis mit den Website-Betreibern. Das sind sehr spezifische Verhandlungen, die vom Videoinventar, Reichweite, Zielgruppe und anderen Faktoren abhängen. Wir kaufen das Inventar an und veredeln es, um es gebündelt an die Werbungtreibenden zu vermitteln.

Wie kommt die Veredelung zustande, wenn Sie die Restplätze vermarkten?

Christian Baudis: Wenn ein Publisher von 20 Millionen Video-Views nur 2 Millionen vermarktet, gibt es immer noch viel interessanten Content. Das müssen keine schlechten Inhalte sein.

Genauer bitte.

Christian Baudis: Es kommen mehrere Faktoren zusammen: Auf der einen Seite gibt es eine geringe Nettoreichweite des einzelnen Contentangebots. Durch die Bündelung vieler großer und kleiner Website-Betreiber können wir die entsprechende Nettoreichweite erzielen. Dabei legen wir darauf Wert, dass die TV-Werbung nur in hochwertigen Umfeldern angezeigt wird. Auf der anderen Seite liefern wir durch Acudeo ein gutes Reporting, können die Spots mit interaktiven Elementen anreichern und machen Buchungen für Publisher und Advertiser skalierbar.

Eine Absage an Youtube und Co?

Christian Baudis: Wir wollen nur professionell generierten Content mit Werbung bestücken. Auf User-Generated-Content-Angebote legen wir keinen Wert. UGC ist an Markenartikler schwer zu verkaufen, weil das kein verlässliches Umfeld darstellt.

Welche Rolle können Social Networks oder hybride Contentanbieter wie Sevenload spielen?

Christian Baudis: Wir werden uns das im Einzelfall sehr genau ansehen. Einige Plattformen bewegen sich derzeit in Richtung Qualitätsumfelder, weil sie merken, dass User Generated Content nur schwer zu vermarkten ist.

Inwieweit kann Tremor Media ein Impulsgeber für einen Shift von TV-Geldern Richtung Online sein?

Christian Baudis: Genau das wird passieren. Aber man muss auch eine Lanze für die TV-Sender brechen. Sie haben einen riesigen Fundus an Material, der im Web längst nicht ausgenutzt wird. Dieser Bewegtbild-Content könnte über das Tremor-Netzwerk mit Werbung versehen und auf unabhängigen Websites platziert werden, die keine Bewegt8bilder haben. Damit eröffnen sich neue Chancen für Erlöse und Reichweite für die TV-Sender, die diese selbst niemals generiert hätten.

Christian Baudis ist seit Juli Geschäftsführer Europa von Tremor Media. Nach dem BWL-Studium in Frankfurt und Mailand zieht es den 44-Jährigen zunächst zur Dresdner Bank nach Madrid. Danach arbeitet er als Key Account Manager bei DHL in Brüssel. Zum Fernsehen kommt er über die MGM, den ehemaligen Vermarkter von Pro Sieben. Ab 2001 verantwortet er als Vorstandschef den Shoppingsender HSE 24. Im Anschluss gründet er El Cartel Media, Vermarkter von RTL 2. Von September 2006 bis zum Frühjahr 2008 leitet er als Country Director das Deutschlandgeschäft von Google.

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