Spießer Alfons: Spießige Betrachtung einer regionalen Tageszeitung aus der persönlichen Sicht eines langjährigen Abonnenten
Als Spießer Alfons dermaleinst seine berufliche Ausbildung beim “Hamburger Abendblatt” absolviert hat, da waren Verleger von regionalen Tageszeitungen noch die unangetasteten Fürsten in ihrer Region. Ein eingeführter Titel in der Provinz war die absolute Cashcow für den Verlag, um nicht zu sagen: die Lizenz zum Geld drucken.
Als dann die kostenlosen Anzeigenblätter kamen, von denen ehrbare Zeitungsverleger sich sofort distanziert haben, da guckten die Zeitungsfürsten nach einiger Zeit ziemlich verdattert, als sie erkannten, dass Anzeigenblätter a) ein lukratives Geschäft sind und b) ihnen ins eigene Business pfuschen. Und flugs gingen sie selber daran, ungeliebte Anzeigenblätter herauszugeben. Offiziell natürlich nur, um die missliebige Konkurrenz in Schach zu setzen.
Heute sind Tageszeitungsverleger zwar noch keine Hartz-IV-Empfänger, aber die Erben der Verlage müssen schon etwas mehr rechnen als ihre Väter es taten. Ein Grund aus der Vergangenheit ist natürlich, dass das Fernsehen sich ausgeweitet hat und den Menschen die Zeit stiehlt, die sie früher zum Lesen hatten. Ein zweiter und sehr viel bedeutsamerer Grund ist das Internet, wohin nicht nur ein Großteil der lokalen Rubrikenanzeigen-Kunden abgewandert ist, sondern wo es auch Nachrichten und Informationen gibt, und zwar kostenlos und aktuell rund um die Uhr. Und täglich werden es mehr, gar nicht zu reden von bewegten Bildern. Auch das “Hamburger Abendblatt” , das der Spießer abonniert hat, mischt hier kräftig mit und kanibalisiert damit seine Printausgabe.
Wie können Verleger von regionalen Tageszeitungen bei ihrem gedruckten Blatt retten, was noch zu retten ist? Spießer Alfons kann das pauschal nicht beantworten, zumal er nur eine regionale Tageszeitung besser kennt, nämlich das „Hamburger Abendblatt“. Eindruck des spießigen Abonnenten: Diese Zeitung strampelt sich nach und nach selber vom grünen Zweig.
Indem das „Hamburger Abendblatt“ schon seit langer Zeit um Schüler buhlt, die als Abonnenten von morgen vonnöten sind, und sich dabei nicht scheut, auch peinliche Wege zu gehen, so investiert der Springer-Verlag viel Geld und Arbeit in die Gewinnung neuer Abonnenten. Was aber tut man, um die alten Stammleser bei Laune und im Abo zu halten? Antwort: nix. Jedenfalls hat der spießige Leser, der das „Hamburger Abendblatt“ seit seiner Lehrzeit abonniert hat, nicht gemerkt, dass er heute als langjähriger Stammleser irgendwelche Vorteile hat, die er sofort bekäme, wenn er kündigen und neu abonnieren würde. Mit Vorteilen meint Alfons beispielsweise günstigere bzw. bevorzugte Eintrittskarten für Veranstaltungen, die vom “Hamburger Abendblatt” promotet werden. Oder sonstige Einkaufsvorteile, die das Blatt mit Anzeigenkunden vereinbaren könnte. Zum Beispiel auch mit Restaurants, Theatern und Kinos, wo spezielle Events nur für Abonnenten stattfinden könnten, und zwar streng mit Abo-Pass, Kundenkarte o. ä.
Nichts dergleichen ist dem Spießer beim “Hamburger Abenblatt” bekannt. Nicht einmal den beliebten Wandkalender der Zeitung bekommen langjährige Abonnenten zum Vorzugspreis, geschweige denn gratis, was ein gewaltiger Kitt wäre fürs Abo. Treue, um es gegen Schiller auszusprechen, ist für das “Hamburger Abendblatt” ein leerer Wahn.
Das zum einen. Zum anderen: Eine Regional- bzw. Lokalzeitung lebt von den Nachrichten vor Ort, sprich: vor der Haustür des Lesers. Dafür gabs im „Hamburger Abendblatt“ für den Wohnort von Spießer Alfons bis vor kurzem noch ein beigelegtes Blatt, die „Ahrensburger Zeitung“. Diese wurde dann ersetzt durch eine Beilage mit Namen „Stormarn“ — siehe die Abbildung! Und die Ausgabe von diesem Wochenende brachte den Spießer wieder mal auf die Palme und auf diee Idee, darüber an dieser Stelle zu motzen, weil das Blatt kritische Leserbriefe genauso wenig mag, wie es selber ungern eine etwas härtere Kritik übt.
Aufmacher der Beilage ist ein Bericht über Viren, die „die jeden siebten Stormarner flach“ legen. Der Beitrag ist passabel, die Illustration jedoch ist so sinnvoll wie ein Grabstein für einen Lebendigen. Denn dieser Bericht wird illustriert mit einem überdimensionales Bild von Viren. Ein Archivbild von Getty Images. So, als wäre es ein Beitrag aus „Medizin gestern“ oder ähnlich. Und dort, wo der Mensch im Lokalblatt seine Nachbarn sehen will, sprich Patienten als Leidensgenossen, Ärzte als Helfer und deren Sprechstundenhilfen, dort rollen bloß dicke Kugeln auf den Leser zu, die mehr an eine italienische Eisdiele denken lassen denn an Grippe-Viren.
Der Hammer jedoch ist ein anderer Beitrag auf der Titelseite, und zwar über einen frischgebackenen Roman-Autor. Um es kurz zu machen: Da ist ein Kfz-Mechaniker hereingefallen auf die einschlägig bekannte Firma R. G. Fischer in Frankfurt am Main, wo Möchte-gern-Schriftsteller abzockt veröffentlich werden mit großen Versprechungen und noch größeren Kostenbeiträgen. So musste der Kfz-Mechaniker 8000 Euro (in Worten: achttausend Euro!) als Eintrittsgeld “Druckkostenvorschuss“ zahlen, damit sein Buch überhaupt erscheinen konnte. Geld, das der frisch gebackene Autor mit ziemlicher Sicherheit vermutlich niemals wieder sieht.
Aber nicht der Reinfall des Autors und die Geschäftemacherei des Verlages R. G. Fischer sind der redaktionelle Plot dieser Geschichte, sondern dort steht der Roman des Kfz-Mechanikers im Mittelpunkt, eine Science-Fiction-Geschichte aus der Wohngemeinde des Handwerkers. Und der letzte Absatz des Zeitungsbeitrages lautet: „Das Fernziel des Autors: ‚Ich möchte irgendwann vom Schreiben leben können.’ Doch noch ist für ihn das Autorendasein eine neue Welt: ‚Da lerne ich täglich dazu.’“
Woraus wir ablesen: Der Kfz-Mechaniker, der schon an seinem zweiten Werk arbeitet, hat nur Science Fiction im Kopf. Spießer Alfons hofft, dass wenigstens die Redaktion der Zeitung etwas dazulernt! Denn “Der Markt”, das örtliche Anzeigenblatt, hat als gefühlte Zeitung schon lange eine höhere Beachtung und Bedeutung bei den Bürgern der Stadt als die “richtige” Zeitung, nämlich die “Stormarn”-Seiten vom “Hamburger Abendblatt”. Als ehemaliger Springer-Lehrling ist Spießer Alfons darüber echt traurig.
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…und traurig ist auch, dass diese wunderschöne und weltoffene Stadt so ein über die Jahre immer provinzieller gewordenes Blatt als Hauspostille hat. Zumindest was die Zeitung angeht, sind die Münchner, Frankfurter, Berliner, Stuttgarter und auch die Zür(i?)cher nun wahrlich besser dran.
Es ist schon fast normal, dass ich im Ahrensburg-Teil des Abendblatts etwas lese und dann neugierig auf den Markt warte, um zu verstehen, was der Redakteur wohl gemeint haben könnte.