Spießer Alfons: Post an Wagner (28)
dass Ihr, großer Dichter vom deutschen Boulevard, eine Volksunterhose — sprich: Schiesser — tragt, das war dem Spießer so klar wie Klarsichtfolie. Und Ihr beginnt Eure heutige Post an die Nation bereits in der Vergangenheitsform: „Liebe Schiesser-Unterhose, Du warst…“ Und in höchster Verzweiflung erkundigt Ihr Euch: „Was für eine Unterhose soll ich mir demnächst kaufen? Ich habe keine Erfahrung in Unterhosen.“
Nicht jammern, Euer Merkwürden: Bislang ist Schiesser nicht verloren! Zudem gibt es im Textileinzelhandel noch volle Regale mit den Feingerippten, die Euch so ans Gesäß gewachsen sind. Wenn Ihr gleich loseilen würdet, dann könntet Ihr Eure geliebten Unterhosen bis zum Ende Eurer Tage einkaufen!![]()
Ansonsten zeigt Ihr mit Euren Worten wieder einmal, dass Ihr selber in der Vergangenheitsform lebt. Eure Mutter hat Eure Unterhosen gekauft und gewaschen, schreibt Ihr. Und vermutlich habt Ihr sie als Kind eine Woche lang getragen, bis der Badetag gekommen war, an dem Ihr Eure Schlüpfer gewechselt habt. Ja, so war es früher.
Und heute? Wer kauft und wäscht Eure Unterhosen heute…? Und wenn Ihr höchst selbst in den Wäscheladen geht, um ein paar neue zu erwerben: Noch nie gesehen, dass es auch andere Marken gibt neben Schiesser, sogar feingerippte?
Und Ihr fabuliert: „Weil es die Mama-Unterhose ist, weil die Unterhose der Bestandteil der Emanzipation ist.“
Werter Goethe der Gosse, könntet Ihr dem spießigen Leser das bitte mal näher erläutern: Die Unterhose ist Bestandteil der Emanzipation, also die Befreiung aus einem Zustand der Abhängigkeit, bzw. die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung der Frau mit dem Mann…? Ist es Eure Vorstellung von Emanzipation, dass die männliche Unterhose dazu beigetragen hat, dass die Frau, die sie wäscht, damit gleichgestellt ist mit dem Mann, der sie trägt…? Solltet Ihr so denken, dann hättet Ihr ein etwas verschrobenes Verständnis von Emanzipation.
Und am Ende Eurer Laudatio auf Schiesser findet der Leser das krönende Wort: „Am glücklichsten werden die Frauen sein. Endlich haben sie ihren Mann ohne Unterhose.“
Das muss man zweimal lesen, um einmal zu glauben, dass es dort wirklich steht! Ihr meint also: Weil es nach einer möglichen Pleite von Schiesser keine Schiesser-Unterhosen mehr zu kaufen gibt, schlüpfen Männer mit blankem Hinterteil in ihre Hosen…? Und darüber werden Frauen glücklich sein…? (Okay, okay, sowas gibt es! Aber jugendliche Ausnahmen bestätigen die alte Regel.)
Euer Merkwürden, der Spießer will Euch nicht zu nahe treten, aber Ihr scheint ein etwas sonderbares Verständnis vom weiblichen Geschlecht zu haben. Vermutlich, weil Ihr immer noch keine Frau gefunden habt, die Eure Unterhose wäscht, oder? Der Spießer versichert Euch: Selbst Eurer Mutter hätte es gestunken, wenn Ihr keine Unterwäsche getragen hättet.
Und was Schiesser betrifft: Die Marke hat einfach kein gutes Image. Schiesser wird immer als Doppelname gesprochen: Schiesser-Feinripp. Und das ist die Unterhose für Spießer. Eine Marke, die nicht sexy ist. Gegen dieses Image hat das Unternehmen keine Werbelösungen gefunden, obwohl die Produkte mit dem Schiesser-Etikett weit über das Feingerippte hinausgehen und durchaus Sex-Appeal zeigen.
Schmerzlichst
Euer
Spießer Alfons
PS: Eure Märklin-Kolumne hat dem Spießer übrigens sehr gut gefallen!
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Ich bewundere dich dafür, daß du dir diesen journalistischen Durchfall immer wieder antust.
Schiesser-Feinripp – davon habe ich mich vor ca. 25 Jahren getrennt, seit ich meine Unterwäsche selbst kaufe. Das steht in der Tat meiner Meinung nach für den deutschen Spießer schlechthin. Das ging garnicht. Wenngleich ichs natürlich schade finde, wenn wieder Mal ein Arbeitgeber pleite macht.
gruß, Frank
> hättet Ihr ein etwas verschrobenes Verständnis von Emanzipation
Wie überraschend, hat doch der G-Goethe überhaupt von wenig Verständnis und wenn, dann nur verschrobenes.
Zur Märklin-Kolumne mag ich noch schreiben, dass ich sie nicht ganz so trefflich finde, das Ende mit den “Monstern” verursacht durch Videospiele um genau zu sein. Wenn Videospiele den Einfluss hätten, der ihnen zugeschrieben wird, würden wir durch dunkle Räume irren, elektronische Musik hören und Pillen fressen