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Im Sandkasten der Social-Media-Welt

27. Februar 2009
von Olaf Kolbrück

Wenn man mit Menschen aus einem der demnächst vermutlich unter Artenschutz gestellten Reservate der Medien- und Marketingwelt spricht, wird immer noch ein großes Unverständnis über Social Media, über die vernetzten Gespräche und die auf den ersten Blick so nutzlos scheinende und unverfrorene offene Art der Selbstdarstellung deutlich. Dabei genügt ein Blick auf das Verhalten von Kindern um zu sehen, dass hier ein Ur-Bedürfnis befriedigt wird.

Kinder können Social Media wahrscheinlich nicht nur besser erklären, sie machen auch deutlich, dass die Zurschaustellung einem natürlichen Drang folgt.
Kinder sind es, die mit Begeisterung ihren nackten, prallen Bauch vorzeigen. Kinder sind es, die einem Besucher mit nicht endender Inbrunst ihre Spielsachen, ihre Bücher, Puppen, Anziehsachen vorführen und gespannt auf die Reaktion warten.

Niemand würde Kindern dann wohl Narzissmus oder Profilierungssucht vorwerfen. Man sollte es also auch nicht tun, wenn erwachsene Menschen persönliche Dinge ins Netz stellen. Denn nicht viel anders als Kinder, die begeistert ihre Schätze vorführen, verhalten sich beispielsweise Leser bei dem wunderbaren Blogger Stylespion, die in der Sidebar ihre Bilder vom Wohnzimmer per Flickr der Welt zeigen.

So gesehen ist Twitter, ist Facebook, ist StudiVZ nichts weiter eine digitalisierte Version des Sandkastens und deren Social-Media-Anwendungen sind nur Förmchen für den spielerischen Ausdruck des eigenen Ich.

Solange und umso mehr Netzwerke daher den Raum bieten und erweitern, in dem dieses Grundbedürfnis nach Selbsterklärung und der damit einhergehenden Selbstvergewisserung und Selbstverortung stattfinden kann, werden AGB zur vernachlässigten Größe.
Auch Kinder interessieren sich nicht für komplizierte und ausgerechnet von Erwachsenen festgelegte Allgemeine Geschäftsbedingungen des Sozialverhaltens, solange sie Aufmerksamkeit erhalten und mit Respekt behandelt werden. Und natürlich würden Kinder auch ihre Schuhgröße ins Netz stellen. Ihre Schuhe zeigen sie uns ja ohnehin schon im Kinderzimmer.

Da ist denn auch der Versuch von Facebook, gemeinsam mit den Nutzer über Regeln abzustimmen, nichts mehr als Diplomatie. Denn je mehr Social Media das Ausleben kindlicher (nicht kindischer) Verhaltensmuster erlaubt, desto weniger Relevanz hat die sozialisierte erwachsene Vorsicht.
Insofern sind die heutigen Debatten über AGB in der Tat nur Geburtswehen, die unseren Kindern so unverständlich erscheinen werden, wie vielen heute die Aufregung über die Volkszählung, weil sich sie sich völlig zwang- und bedenkenlos in einem umfassenden Lifestream bewegen und wie selbstverständlich ihre prallen digitalen Bäuche zeigen werden.

Erwachsene, die Social Media verstehen wollen, sollten also wieder anfangen Kind zu sein.

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Kommentare zu “ Im Sandkasten der Social-Media-Welt ”

  1. Kathrin Stieler am 27. Februar 2009 um 11:39 Uhr

    Hervorragender Artikel. Ich stimme Dir zu.

  2. uknaus am 27. Februar 2009 um 12:56 Uhr

    Sehr schöner Artikel. Kinder -vor allem bis sie in die Schule gehen- kommunizieren noch auf natürliche Art und Weise: ungezwungen, ehrlich, offen und direkt. Alles hilfreiche Eigenschaften für ein erfolgreiche Kommunikationsstrategie im Zeitalter von Social Media.

  3. michael reuter am 27. Februar 2009 um 14:14 Uhr

    Klasse! Ein toller Artikel, der ideal aufs Wochenende mit den Kindern einstimmt. Danke!

  4. ring2 am 27. Februar 2009 um 14:23 Uhr

    … und weeeenn Marc meine Bilder verkauft hol ich meinen großen Bruder Wolfgang

  5. Carla am 27. Februar 2009 um 14:34 Uhr

    Das ist ja schön und gut, aber weshalb findet diese Offenheit vor allem im Netz statt? Ich kenne ne Menge Leute, die geben im Netz mehr von sich preis, als sie mir je persönlich sagen würden.

    Ein Beispiel: Es gibt da eine junge Frau, die schildert ihre Verliebtheit, ihre Krankheiten und Vorlieben in ihrem Blog.
    Sie twittert, dass sie sich ein neues T-Shirt, eine neue Platte kauft und einen neuen Arbeitsvertrag hat.
    Aus der voyeuristischen Sicht ist das toll für mich. Ich kann mir einbilden, sie zu kennen. Aber oft habe ich das Gefühl, das sind Dinge dabei, die sie besser für sich behalten würde. Dinge, die ich nicht wissen dürfte, weil sie mich einfach nichts angehen. Denn tatsächlich kenne ich sie ja nur ganz flüchtig.

    Hinzu kommt: Kinder sind sich der Folgen ihres Handelns nicht bewusst. Für Erwachsene gibt es aber Folgen, und die werden trotz Social Media bleiben. Es geht hier ja eben nicht nur um niedliche und belanglose pralle Bäuche, Puppen und Spielsachen.

    Untereinander mag das ja schön sein, aber Ihr müsst Euch auch im Klaren sein, dass es reine Beobachter gibt. Wollt Ihr wirklich, dass ich, die ihr gar nicht kennt, die Möglichkeit habe, so viel über Euch zu erfahren?

  6. Rusty am 27. Februar 2009 um 15:26 Uhr

    Guter Artikel.

    ad Carla: Wie weit man bei alledem geht, bleibt ja die Entscheidung eines jeden Einzelnen. Exhibitionisten und Voyeure (in mehr oder weniger übertragenem Sinne) gabs schon vor dem Web. Beide haben jetzt mehr Spaß.

  7. Carla am 27. Februar 2009 um 15:54 Uhr

    @Rusty: Da hast Du allerdings Recht!

  8. meistermochi am 27. Februar 2009 um 20:48 Uhr

    die frage ist aber: wird es schlimmer und multipliziert und krimineller…

  9. Daniel Riedel am 27. Februar 2009 um 21:08 Uhr

    @meistermochi

    Natürlich, früher war die Bühne der Sandkasten. Heute Ist der Sandkasten etwas größer und dank Speicherung, Cache-Seiten und Suchmaschinen ergeben sich “etwas verbesserte” Möglichkeiten.

    PS: meinen Waschbärbauch sieht außerhalb des Strandes nur meine Frau ;-)

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