Spießer Alfons: Rettungsplan für Verlage!
Der alte Hiob liegt wieder mal voll im Trend der Verlage. Tagtäglich vernehmen wir seine Botschaft, dass Anzeigen in Zeitungen und Zeitschriften genauso selten werden sollen wie die Dronten, denen wir heute so gut wie gar nicht mehr begegnen. Und der Spießer stellt eine Frage, und zwar die der Schuld: An wem liegt es eigentlich, dass das Anzeigengeschäft zusammengefallen ist wie ein Soufflé in kalter Zugluft…?
Klar, an den Inserenten liegt es! Würden die so weitermachen wie in Vergangenheit, dann wäre die Welt der Verleger noch in Ordnung, die Sonne Gutenbergs stünde hoch im Zenit und würde auch weiterhin Licht und Wärme spenden für alle Menschen, die in den Verlagshäusern sitzen und das Papier füllen mit Worten, Bildern und Farben.
Damit ist die Schuldfrage geklärt. Bleibt nur noch offen: Wie soll sich die Lage in den Verlagen verbessern? Vernehmet dazu die Message eines sachkundigen Journalisten und fachkundigen Verlagskaufmanns und also lautend:
Wenn das Anzeigengeschäft den Bach runter geht, dann muss es wenigstens aus der zweiten Erlösquelle der Verlage besser sprudeln, nämlich am Kiosk! Und das geht wie folgt: Alle Zeitungen und Zeitschriften könnten für ihre Leser sehr viel informativer und damit attraktiver gemacht werden, wenn die Redaktionen keine Rücksicht mehr nehmen müssten auf die Belange von Anzeigenkunden. Eine unabhängige Redaktion bedeutet:
Schluss mit dem Waschzetteljournalismus! Was die PR-Abteilungen da Tag für Tag an die Redaktionen schicken, wird fortan ablegt unter P wie Papierkorb! Keine Schleichwerbung mehr für Produkte, die Werbegeld einsparen wollen, weil die Redaktionen die Werbung kostenlos verarbeiten! (Hinweis: Wenn ein TV-Sender das macht, geht sofort der Zeigefinger hoch und alle rufen: “Pfui, Schleichwerbung!”)
Zweitens: Von nun an sind in den Medien auch kritische Beiträge möglich! So, wie Zeitungen und Zeitschriften heute endlich ehrlich über die Gefahren des Rauchens berichten dürfen, ohne sich dabei selber in Gefahr zu begeben, die Werbung der Tabakindustrie zu verlieren, so können die Redaktionen in Zukunft auch frei und ungeschminkt über andere Produkte und Dienstleistungen informieren. Zum Beispiel über all die sündhaft teure Kosmetik, die viel verspricht und wenig hält. Oder die Produkte der Pharmaindustrie: Ein Großteil der frei verkäuflichen Pillen, Salben und Säfte haben dieselbe Wirkung wie Placebos, allerdings zu Apothekerpreisen!
Und dann die Lebensmittelindustrie! „Etiketten lügen wie gedruckt!“, weiß und beweist www.abgespeist.de, wo gerade jetzt eine Abstimmung zur Verleihung des “Goldenen Windbeutels” läuft. Auch auf diesem Sektor ist nun endlich freie Bahn für Printmedien zwecks Aufklärung von Millionen Konsumenten, die das ihren Zeitungen und Zeitschriften als treue Leser und Abonnenten danken werden! BILD ist ja schon mit gutem Beispiel vorangegangen, muss nur noch auf seinen Inserenten Lidl Rücksicht nehmen.
Last but not least können die Wirtschaftsmagazine jetzt ohne Rücksicht auf Anzeigenkunden sagen, was sich hinter den Investment-Angeboten ihrer ehemaligen Inserenten tatsächlich verbirgt und wo die Tricks im Bankengeschäft und bei Versicherungen liegen! Und die Autozeitschriften dürfen auch Informationen drucken, die sie bis dato vielleicht verschwiegen vergessen haben.
Natürlich lassen sich auch zu vielen anderen Produkten und Dienstleistungen kritische (sprich: verbraucherfreundliche) Informationen bringen, durch die der Verbraucher auch noch Geld sparen kann. Bei dieser Gelegenheit: Dass Zeitschriften sogar ganz ohne Anzeigen existieren können, beweist die Stiftung Warentest. Es kommt nur auf die Auflage und den Copypreis an. Und beide sind so hoch, wie das Medium attraktiv ist.
Ja, und wenn die Verlage tatsächlich so reagieren, wie der Spießer es ihnen hier empfiehlt, dann erinnern die Unternehmen sich vielleicht daran, dass die Situation früher mal besser gewesen ist, als alles noch wie geschmiert von selbst gelaufen ist. Und dann schalten die Firmen wieder Anzeigen in Zeitungen und Zeitschriften; und nicht nur Verlage, sondern auch die Werbung treibende Wirtschaft sind glücklich und erfolgreich wie in den goldenen Zeiten, als es im Inseratengarten noch grünte und blühte wie im Paradies vor dem Südenfall.
PS: Wie bitte? Ihr haltet den voranstehenden Beitrag für spießige Satire…!? Dann lest das Ganze bitte noch einmal, und zwar laut!



















Selten Wahreres gelesen! Leider wird genau das passieren, was Du prophezeist: dieser Plan wird zur Satire erklärt, denn ‘das geht nun wirklich zu weit’, etc.
Bravo, beide Daumen nach oben. In den Fachzeitschriften (der Event-Branche, die kenne ich besonders gut) setzt sich
das Spiel fort.
Stiftung Warentest ist natürlich ein ausgezeichnetes Beispiel. Mit einem jährlichen Bundeszuschuss von 6,5 Millionen Euro lässt sich die Abwesenheit von Anzeigen schon kommoder ertragen, als wenn man die Kohle selber verdienen muss.
Hinzu kommt, dass der (mindestens) halb-staatliche Charakter der Stiftung besonderes Vertrauen bei der lesenden und zahlenden Kundschaft erweckt — Layout und Aufbereitung der Tabellen/Texte können es ja eher nicht sein, was zum Kaufen animiert.
Aber ansonsten gebe ich Ihnen recht: Wenn ich am Zeitschriftenstand im Supermarkt mal wieder ein Special-Interest-Heft in die Hand nehme, dessen Titel mich besonders anspricht, und dann beim schnellen Blättern merke, wieviele Stories und deren Bebilderung aus Anzeigenmotiven stammen, die sich verschämt um ein paar Seiten weg platziert im Heft wiederfinden, dann weiß ich, wie besch…eiden es um unsere Branche und das einstmals halbwegs ehrbare Redaktionsgewerbe aussieht.
Hiob = Job
Da frage ich mich, warum die Horizont immer dünner wird. Vermutlich wollen die Verleger des DFV sich die spießige Satire nicht laut vorlesen, lol. Wer im Glashaus sitzt…