Bloggen statt Hartz IV
Ich höre schon das laute “Boah, bleib weg damit”. Aber dennoch – wenn angesichts der Kahlschlags in den Verlagen etliche Journalisten demnächst häufiger im Wartesaal der Arbeitsagentur sitzen als an irgendeinem Schreibtisch, könnte dann nicht bloggen ein Ausweg aus Hartz IV sein?
Klar dürfte sein, nur den wenigsten stehen in diesem Jahr die klassischen Alternativen als PR-Texter oder Berater offen. So dolle wie die Branche mit der ihr eigenen Routine tut, geht es ihr dann nämlich doch nicht, dass sie freie Stellen in Serie anbieten könnte. Noch schwerer dürfte es künftig als freier Journalist werden. Denn die Etats werden auch hier gnadenlos zusammengestrichen. Und gestandene Schreiber dürften es wohl kaum als Praktikant versuchen. Auch wenn gerade die künftig gefragt sind. Irgend jemand muss ja schließlich die publizistischen Steine kloppen.
Die Selbstausbeutung per Blog wäre da das kleinere Übel. Es muss ja nicht gleich der nächste Medien-Polit-Techie-Mode-Blog sein. Es gibt da draußen noch genügend Themen, die Leser erreichen können und soviel Reichweite erzielen dürften, dass sich auch das Geschäft mit Adwords und späteren Werbepartnern lohnen kann.
Man müsste sich nur mal ein paar Gedanken über Themenfelder machen. Spannende Hochzeitsberater-Blogs gibt es noch ebenso wenig wie Lebenshilfe-Tagebücher ohne Platitüden oder aufschlussreiche Erzähler über das deutsche Handwerk. Ohnehin Wirtschaftsblogs. Gute sind selten. Und man muss sich ja auch nicht zwingend der ganz großen Krise widmen, sondern könnte auch einmal die Probleme des Mittelstands, der Investitionsgüterindustrie oder whatever durchdeklinieren. Gibt es gute deutsche Blogs über Lkw, über Immobilien, über Business-Lounges an Flughäfen? denkt euch selber was aus.
Journalisten als Online-Verleger kann sogar funktionieren, wenn man bereit ist sich auch einmal Gedanken über die Wirkung auf den Leser macht und diese vor allem umsorgt. Vor allem muss man bereits sein, auf einen tariflich geregelten 8-Stunden-Tag zu verzichten und Selbstversklavung als Freiheit begreifen. Gerade das ist in meinen Augen auch heute noch Hauptgrund für den – auch wirtschaftlichen – Erfolg von US-Blogs. Sie haben sich nicht nur gefragt, wie sie dem Leser eine gute Geschichte erzählen, sondern auch den Sprung in ein kaltes, tiefes Wasser gewagt und sind los geschwommen. Ohne Land in Sicht. Deutsche Journalisten und selbst bloggende Lohnschreiber haben dagegen stets das 13. und 14. Monatsgehalt, Urlaubsgeld, vermögenswirksame Leistungen, Krankenkasse und Rente vor Augen.
Doch inzwischen stehen die Journalisten knietief im kalten Wasser. Es wird wärmer, wenn man schwimmt.
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Je mehr auf der Bloggingwelle mit schwimmen, desto kleiner wird der Kuchen für den einzelnen?
Ist nicht schon heute der Blogger, der Geld mit seinem Blog verdient eher die Ausnahme als die Regel?
- Oliver
Ich sehe das wie Oliver. Der Kuchen ist noch viel zu klein. Gute Blogs etwa im Bereich Wirtschaft und Mittelstand fehlen hauptsächlich deshalb, weil sie noch kein Publikum haben. Im Mittelstand werden eben noch keine Blogs gelesen.
Ich würde das mal für das selbe Dilemma halten, wie wir es bei Programmierung oder Musik haben. Ja man kann das unabhängig machen (OpenSource-Projekte, CC-Musik, …) aber dass man dafür Geld bekommt ist extrem unwahrscheinlich.
Das macht die Sache nicht gleich nutzlos (Erfahrungen, kostenlose Software, Reputation, ..), aber was soll das mit einer Alternative zu Harz4 zu tun haben?
Ich glaube nach wie vor, dass sehr viele Leute Blogs lesen, ohne aber explizit Blogs lesen zu wollen. Die meisten unterscheiden doch gar nicht zwischen den Formaten. Die lesen halt Homepages. Und finden dann wahrscheinlich die besser, die öfter aktualisiert werden und auf denen man kommentieren kann. Wenn man die aber fragt, ob sie Blogs lesen, verneinen sie das natürlich, weil in den Medien das Bild vom bloggenden Tagebuchschreiben weiter aufrecht gehalten wird.
Ich schließe mich ramses101 ein, würde das aber noch dadurch ergänzen, dass es denjenigen häufig gar nicht bewusst ist, dass sie gerade einen Blog lesen. Die sind eben “im Internet”.
Wer ein guter Wirtschaftsjournalist ist, hat sofort einen Job. Ich kenne einige, die händeringend gute Wirtschaftsjournalisten suchen.
Was die Leser angeht, ja, denen ist es im Normalfall völlig egal, ob sie einen interessanten Artikel in einem Blog oder auf einer anderen Art von Website lesen.
So wie es ihnen auch egal ist, ob sie einen Text von einem Journalisten oder einem Blogger lesen (angeblich soll es da Unterschiede geben).
Wenn erfahrene Journalisten anspruchsvolle Blogs starten, kann das für die deutsche Blogosphäre nur gut sein. Dass ausgerechnet dadurch die anderen Blogger weniger verdienen sollten, denke ich nicht.
Im Gegenteil, sie dürften dazu beitragen, dass Blogs als Werbeumfeld an Akzeptanz gewinnen.
Nicht jeder arbeitslos gewordene Journalist wird gleich ein herausragender Blogger werden, der nicht nur von Bloggern, sondern von anderen Medien zitiert wird und dessen Blog große Bekanntheit erlangt.
Aber gerade durch die aus dem vorherigen Job bestehende Vernetzung innerhalb der “klassischen Medien” stehen die Chancen gar nicht so schlecht, in der Richtung etwas bewegen zu können.
Die Verdienstmöglichkeiten sind derzeit zwar nicht sonderlich attraktiv, doch entsprechend der Überschrift dieses Artikels sollte der Vergleichsmaßstab nicht das zuletzt erzielte Gehalt sein, sondern das, was Hartz IV bietet. Zumindest wenn aus ALG-I dann ALG-II geworden ist, dürfte Bloggen gar nicht mehr so schlecht abschneiden.
Nicht zu vergessen: Als Blogger bleibt der Journalist publizistisch aktiv, kann (immerhin entscheidet er selbst, womit er sich befasst) er sein Profil als Experte bei seinen Lieblingsthemen schärfen.
Nicht zuletzt dürfte die Tätigkeit (die Bezahlung weniger) für viele Journalisten befriedigend sein.