Scobel und der “New Journalism”
Gert Scobel gehört im deutschen TV-Geschäft zu den wenigen Privilegierten, die machen können, was sie wollen und für ihre Sendung einen inhaltlichen Freifahrtschein haben. Hauptsache Niveau. Das gelingt mit dem Format “Scobel” bei 3sat so gut wie in jeder Sendung, weil sich Scobel uneitel und mit ironischen Beiklängen selbst komplexen Themen widmet. Da mag zwar zuweilen in einer Talkrunde weiser Männer und Frauen zu sehr der pädagogische Anspruch durchschimmern, doch Scobel versteht es mit einem verschmitzten wissenden Lächeln stets, die intellektuellen Höhenflüge auf einer nachvollziehbaren Flughöhe zu halten.
Gestern also war in der Sendung der “New Journalism” das Thema. Live von der lit.cologne. Eine große Stunde für das Fernsehen und eine lehrreiche für all jene, die sich fragen, unter welchen Voraussetzungen Qualitätsjournalismus funktionieren kann und wie er überhaupt aussieht.
Beeindruckend war dabei, dass zusammen mit “New-Journalism”-Vater Gay Talese, Tucholsky-Preisträger Wolfgang Büscher und Lutz Hachmeister, ehemals Leiter des Direktor des Adolf-Grimme-Instituts, nicht nur schlau dahergeredet wurde. Da wurde dann auch schlicht einmal aus einer wunderbaren Skizze von Truman Capote über Marilyn Monroe ein längeres Stück vorgelesen.
Eine Lesung im TV, dass muss man sich erst einmal trauen. Wo gibt es das noch jenseits des ZDF-Fernsehgottesdienstes? Auch Wolfgang Büscher durfte ein paar Minuten aus seinem Buch vorlesen. (Nun gut, mir ist Büscher zu wortgeklingelig. Aber das ist Geschmacksache.)
Entscheidender aber, dass man die Sendung durchaus mit Erkenntnisgewinn verlassen konnte, weil es eben nicht nur um einen weiteren Aufguss des Dreiklangs “Wirtschaftskrise-Geldmangel-Krise des Journalismus” ging, sondern gerade Gay Talese deutlich machte, dass es vor allem auf die Begeisterung ankommt, auf das Gespür für den richtigen Blick auf das Thema.
Sein Rat sinngemäß: Schickt die Leute durchs Land. “Viel zu viele Journalisten sehen die Welt nur noch durch einen kleinen Bildschirm”. Mit der Technologie bringe sich der Journalismus selber um. Darüber ließe sich lange diskutieren.
Sehenswert, nachdenkenswert. Wer die Sendung verpasst hat, es gibt sie bei 3Sat online.
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