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Spießer Alfons: Jung von Matt und die Persiflagen von RWE und Merkel

4. April 2009
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OriginalRWE.jpgJung von Matt droht mit Klage wegen Persiflierung der RWE-Kampagne, berichtet HORIZONT.NET. Und wenn Alfons im Falle einer tatsächlichen Klage auf dem Stuhl des Richters sitzen würde, dann wäre die Entscheidung für den Spießer ziemlich klar: Nicht schuldig im Sinne der Anklage ist die Umweltorganisation Urgewald. Begründung: Was der Werbung treibenden Wirtschaft nur beschränkt erlaubt ist, das ist den Kritikern der Werbung nicht verboten.

Fingerweg.jpgZur Erläuterung des spießigen Urteils: RWE ist ein Wirtschaftsunternehmen, das die Paragraphen des UWG beachten muss, die unlauteren Wettbewerb verhindern. Urgewald dagegen ist kein Wirtschaftsunternehmen sondern arbeitet ohne Profit-Absichten mit Spendengeldern, für die der eingetragene Verein auch Spendenquittungen ausstellt. Und wenn Heffa Schücking von Urgewald die Persiflage auf RWE verteidigt mit dem Hinweis auf Meinungs- und Kunstfreiheit, dann pflichtet Spießer Alfons diesem Argument vorbehaltlos bei.

Ganz anders, wäre eine Persiflage von einem der Wettbewerber von RWE gekommen! In diesem Falle hätte das weder etwas mit Meinungs- noch Kunstfreiheit zu tun, sondern mit Schmarotzertum an a) fremder Kreation und b) an den Werbekontakten, die RWE mit viel finanziellem Aufwand geknüpft hat. Aber: Sollte ein berechtigter Grund dafür vorliegen, dass sich ein Unternehmen mit der Werbung seines Wettbewerbers in der eigenen Werbung auseinandersetzt, dann fällt die Entgegnung unter das Stichwort „vergleichende Werbung“. Und vergleichende Werbung ist erlaubt, wenn ein hinreichender Anlass dafür vorliegt und — sehr wichtig! — wenn der Inhalt der „Gegendarstellung“ den Tatsachen entspricht.

Merke: Für Werbung gibt es keine Meinungsfreiheit gem. Artikel 5 GG, sondern Werbung wird geregelt durch die Paragraphen des UWG. Wirtschaftswerbung ist nun mal keine Kunst, obwohl ein Michael Schirner das immer wieder behauptet hat! Pointierte Kritik an der Werbung fällt dagegen unter Kunst, genauso wie jeder Kabarettist, der ein Kritiker ist, auch ein Künstler ist — von Spießer Alfons gar nicht zu reden. Und die kritische Persiflage von Urgewald sieht in den Augen des Spießers ebenfalls wie Kunst aus.

Hommage.jpgAndersherum: Wenn ein Wirtschaftsunternehmen unerlaubt die Arbeit eines Künstlers für Werbezwecke ausnutzt, indem man sich daran anlehnt, dann kann der Künstler sich dagegen wehren. Hierzu ein Beispiel, das schon über zwei Jahrzehnte alt ist. Da hatte die damalige Werbeagentur Alain Fion eine doppelseitige Anzeige für Lacoste gestaltet und geschaltet. Bei der Illustration hatte sich der Artdirektor ein Bild von David Hockney als Vorlage genommen, das den Titel trägt: „Taj Hotel“ — siehe die Abbildung! Als Spießer Alfons das aufgespießt hatte, kam von der Agentur die Antwort: „Das ist kein geistiger Diebstahl, das ist eine Hommage von Lacoste an David Hockney!“

Mit anderen Worten: Unter dieser fröhlichen Einfalt kann jedes Plagiat als Hommage auf den Urheber des Originals bezeichnet werden. Woraufhin der Spießer angefangen hat, Euro-Scheine zu fälschen, die er als Hommage auf die Europäische Zentralbank unters Volk bringt. Und mit demselben Argument könnten auch die Hersteller von Fake-Markenprodukten ihre Raubkopien als Hommage auf Gucci, Prada & Lacoste bezeichnen. Und jeder kleine Werbungtreibende, der sich an eine große Werbekampagne ankoppelt, um die Bekanntheit für sich auszunutzen, sagt hinterher: Hommage!

Spießiger Trost für Jung von Matt: Ihr könnt eigentlich stolz darauf sein, dass die Umweltorganisation Eure Kampagne aufgespießt hat. Denn die Persiflage ist weitaus besser und sehr viel kreativer als Euer Original. Das ist natürlich ärgerlich für Deutschlands Kreativlinge Nr. 1, aber Ihr persifliert ja auch immer wieder gern andere Personen, wenn Spießer Alfons nur mal an unsere Kanzlerin im Sixt-Cabrio erinnern darf. Frage: Was wäre, wenn damals der Friseur von Angela Merkel gekommen wäre und Jung von Matt verklagt hätte wegen Persiflierung seiner Arbeit…?angiesixt.jpg

Apropos Urheberrecht: Hat die Agentur das Copyright für eine Kampagne oder der Auftraggeber, nach dessen Briefing sie gefertigt ist, und der sowohl die Agentur bezahlt als auch die Veröffentlichung? Die Antwort steht im Vertrag, der zwischen Agentur und Kunde geschlossen wurde.

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Kommentare zu “ Spießer Alfons: Jung von Matt und die Persiflagen von RWE und Merkel ”

  1. Alper am 4. April 2009 um 22:25 Uhr

    Ich bin noch immer verwundert darüber, dass gerade die Agentur JvM nun gegen so etwas vorgehen will. Die Agentur ist doch selber bekannt dafür, dass sie gerne etwas über die Strenge schlägt, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Nun aber mit rechtlichen Methoden gegen unliebsame Gruppen vorzugehen halte ich definitv für den falschen Weg.

  2. M. am 4. April 2009 um 23:14 Uhr

    Der Link zum Artikel auf horizont.net funktioniert nicht.

    Anmerkung admin: Danke schön für den sachdienlichen Hinweis – schon bearbeitet ;) !

  3. Peter am 5. April 2009 um 10:00 Uhr

    @ Spießer Alfons – Hat Jung v. Matt noch niemals ein Plagiat begangen?

  4. Chris am 5. April 2009 um 10:30 Uhr

    Ist halt doch ne Sekte der Laden. Schon allein das jeder Mitarbeiter persönlich nach HH kommen muss um von Herrn Jung höchstselbst auf den Agenturcodex eingeschworen zu werden …

  5. Dierk am 5. April 2009 um 12:13 Uhr

    Klassiker.

    Es gilt der Satz: Satire darf alles – solange sie mir nicht weh tut!

    Wenn ich auf andere einhaue ist das i.O., wenn ich lachen kann während, sagen wir, Harald Schmidt auf andere einhaut ist das auch i.O. Wehe aber, mich haut einer, dann geht das gar nicht! Und wenn mir der normale Weg des Wehrens nicht reicht, klage ich per Urheberrecht.

    Ist doch klar, dass ausgerechnet Werber, deren Job ja nicht wirklich als Nicht-Parasitentum beschreiben werden könnte [wenn ich denn wollte], sofort die Gesetze raus holen, die sie am wenigsten interessieren.

    Übrigens, das Urheberrecht, also die Autorenschaft, ist nicht übertragbar, nur die daraus resultierenden Nutzungs- und Verwertungsrechte.

  6. Doc Holiday am 5. April 2009 um 18:15 Uhr

    “Matt droht mit Klage”, heißt doch so viel wie, die Kampagnet könnte verboten werden. Nur gut, dass sie hier bei Alfons der Nachwelt wenigstens noch erhalten bleibt.

  7. Spießer Alfons am 5. April 2009 um 18:20 Uhr

    @ Dierk

    Das mit dem Urheberrecht ist richtig. Ich spreche diesbezüglich ja auch nur das Copyright an, das übertragbar ist.

  8. Macmat am 6. April 2009 um 09:30 Uhr

    JvM ist doch ne Full-Service-Agentur, wenn ich mich recht erinnere. Und zum Full-Service gehört offenbar auch, dass man als verlängerter (Kommunikations-) Arm des Kunden Klage einreicht, wenn der es von einem verlangt. Mensch, Jungs von Matt, wo ist Euer Rückgrat geblieben?

  9. jenny am 6. April 2009 um 15:38 Uhr

    sowas passiert wenn bwler die mehrheit stellen. widerlich.

  10. Moosmann am 6. April 2009 um 15:51 Uhr

    @jenny
    was hat denn das mit bwlern zu tun?!?

  11. Kawumm am 6. April 2009 um 19:57 Uhr

    @ jenny

    jvm ist sicherlich eine der wenigen agenturen, in denen bwler nicht die mehrheit stellen.

    @ chris

    es muss keiner zur “einnordung” nach HH. aber jeder darf und bekommt neben gehirnwäsche auch zwei übernachtungen in einem schönen hotel – und eben einen hamburgausflug unter der woche. ich weiß nicht, was daran verkehrt ist. eine vernünftige einschulung sollte es eigentlich in jeder agentur geben.

  12. M. am 6. April 2009 um 22:18 Uhr

    @Kawumm: Sei’s drum, trotzdem extrem traurig das Ganze, oder findest du nicht…? Aus meiner Sicht sogar ein Armutszeugnis. Oder aber nur ein weiterer Beweis, dass im Hause JvM viel Schein und wenig Sein ist.

    Siehe auch die kolportierten aktuellen Massenentlassungen bei JvM… die ja nur zu gut ins Bild passen.

  13. Chris am 7. April 2009 um 09:56 Uhr

    @Kawumm: Das stimmt natürlich, wobei zwischen Einführung und Einnordnung m.E. doch ein kleiner Unterschied besteht. Aber ich gebe Dir Recht was den Sinn einer Agentureinführung betrifft.

  14. kawumm am 7. April 2009 um 10:27 Uhr

    @ chris

    wo siehst du den unterschied?

    @ M.

    ich glaube jede agentur hätte so gehandelt. spätestens wenn ein anruf vom kunden kommt. ich finde auch, dass man das mit anderer werbepersiflage nicht vergleichen kann. ich zumindest kenne keinen vergleichbaren fall. hier spielt humor ja gar keine rolle. es gibt kein augenzwinkern – dafür ist das thema auch zu ernst. ich finde es ehrlich gesagt recht armselig von urgewald. diese veränderten motive erinnern mich an studentische aufkleber und ähnliche hobbywerbung. eine eigene kampagne wäre doch schöner und stärker gewesen.

    und zu den “massenentlassungen”. die massen sehe ich nicht. abgesehen davon wirft man die leute ja nicht zum spaß raus.

  15. alina hueckelkamp am 7. April 2009 um 10:35 Uhr

    schwups und schon reden wir alle wieder über die schon vergessene RWE kampagne. “klage androhen” ist auch eine beliebte und aufmerskamkeitserregende PR massnahme.

  16. z. am 7. April 2009 um 10:51 Uhr

    Uu den “Massenentlassungen” ein Artikel von gestern:

    http://www.abendblatt.de/daten.....11504.html

  17. Sascha Stoltenow am 7. April 2009 um 10:58 Uhr

    @kawumm
    Danke für die Statements, aber Weichspüler gibt´s doch sonst eher beim Pressesprechen. Nun ja, die zwei HH-Tage scheinen sich gelohnt zu haben. Und was ist denn in Zeiten des Mitmachweb gegen Hobbywerbung zu sagen? Zumal wenn es damit gelingt, einen Riesen zu bewegen und in die Kommunikationsfalle zu locken. Hätten JvM und RWE nix gemacht, wäre der Nachrichtenwert in der Öko-Ecke zwar hoch, insgesamt aber eher null gewesen. Nun ja, Intelligenz ist halt ungleich verteilt.

    @all
    Das mit den Abmahnungen wegen Urheberrechtsverletzungen scheint in Mode zu kommen. Die Bundesagentur für Arbeit hat ihre Hausjuristen auf die Initiative “Bedingungsloses Grundeinkommen” angesetzt (http://www.geistesschulung.de/.....rohung.pdf)
    und diese damit zu mehr Publizität verholfen. Auch hier wieder: Gute Idee trifft auf politische Dummheit und verhilft dem David zu mehr Aufmerksamkeit.

    Das eigentlich erstaunliche ist, dass dies bei den betroffenen Werbern und Unternehmen immer noch niemand kapiert hat. Dass diese – bsp. Tchibo-Werbung – mit weiter zurückliegenden Ereignissen wie das mit den Nazis Probleme haben, o.k., aber die aktuellen Konstruktionsregeln medialer Aufmerksamkeit sollten hier doch bekannt sein, oder?

  18. kawumm am 7. April 2009 um 11:30 Uhr

    @ alina

    das glaubst du hoffentlich nicht ernsthaft?! so einen mist würde ich vielleicht nicht zusammen mit meinem echten namen ins internet stellen.

    @ sascha

    nix ist dagegen zu sagen, sollen sie doch machen. ich finde es nur sehr schlecht und studentisch. handwerklich gesehen. funktioniert bei mir nicht.

  19. ramses101 am 7. April 2009 um 11:34 Uhr

    So siehts aus. Um sich allein viral zu verbreiten, ist die Persiflage viel zu langweilig. Aber wenn (ausgerechnet) JvM jemanden verklagen will/soll/muss, dann kann man das schon mal weiterleiten.

    Das Echo wäre vermutlich auch geringer gewesen, wenn RWE selbst mit Klage gedroht hätte. Das wäre nämlich logisch und erwartbar gewesen. Aber eine St Paulianer Werbeagentur, die bekannt ist für ihre Streitbarkeit und Provokationen will gegen Umwelt-Aktivisten klagen? Da kann man seinem Kunden (wenn es denn auf dessen Geheiß passiert sein sollte) auch mal sagen: Komm, lass gut sein, kriegt eh keiner mit.

  20. kawumm am 7. April 2009 um 11:45 Uhr

    @ ramses

    da haste im grunde schon recht. wäre wohl schlauer gewesen.

  21. mike sch. am 7. April 2009 um 13:51 Uhr

    mal ehrlich, so dumm kann jvm doch garnicht sein als die klage als PR instrument einzusetzen.

    die menschen wissen doch dass rwe “dreck am stecken” haben. so fällt die klage gar nciht so negativ auf den kunden und seine “schmutzigen geschäfte” zurück.

    ergo schadet die klage dem kunden nicht oder nur geringfügig. die kampagne und vor allem jvm ist wieder in aller munde. zwar mit beigeschmack aber wurst.

  22. M. am 8. April 2009 um 00:40 Uhr

    @z.: Ich habe von deutlich mehr Kündigungen in HH und speziell auch bei JvM gehört…

    @kawumm: eben, besonders klug ist sowas definitiv nicht. Wirft nun mal ein Licht der Kleingeistigkeit auf die ach-wie-coole Agentur. Aber ist halt nicht grad das erste Mal – siehe “Klowände” et al.

  23. kawumm am 8. April 2009 um 12:05 Uhr

    @M.

    es gibt aber auch viele vorteile und dinge, die das gegenteil belegen. im vergleich zu anderen agenturen ist diese ach so böse agentur für mich wirklich das beste, das mir bisher so passiert ist.

    und ich weiß, dass es deutlich weniger leute erwischt hat.

  24. M. am 8. April 2009 um 21:47 Uhr

    @kawumm: bisher, ja. Aber wie heißt es so schön: “Heute ist nicht alle Tage…” ;)

  25. kawumm am 9. April 2009 um 12:32 Uhr

    @ M.

    ich habe schon ein paar tage und agenturen hinter mir und bin jetzt recht glücklich hier. sollte es irgendwann anders sein, kann ich ja gehen. und falls ich gegangen werde, geht die welt auch nicht unter ;-)

  26. M. am 9. April 2009 um 13:59 Uhr

    @kawumm: Da hast du mich jetzt falsch verstanden – ich meinte die Zahl der Entlassungen! Soweit ich gehört habe, wird da demnächst noch einiges folgen…

Retweets

  1. http://is.gd/rlOY hoffentlich verliert RWE, diese BWLer scheinen kein verständniss von Kreativität zu besitzen.

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