Spießer Alfons: Absenderwerbung zielt auf den Absender der Werbung
Als wir in die Schule kamen, lernten wir dort zuerst das ABC. Und wer dann später in einer Kunstschule gelandet ist, der lernte hier die Regeln der Typographie. Was meint: das ABC gestalten. Typographie soll die Aussage des Textes visuell unterstützen, den Schriftsatz so lesbar wie möglich machen. Dazu gehört u. a. die klassische Regel, dass man längere Headlines niemals in Versalien absetzen sollte.
Der Mensch, der die Anzeige für „Die Braunkohle“ gestaltet hat, will seinen Auftraggeber echt verkohlen. Gemeinsam mit dem Texter fertigte er eine Annonce, die vorrangig das Interesse des Anzeigenleiters weckt. Die Leser des Magazins hingegen werden die Doppelseite achtlos überblättert haben. Weil sie so spannend gestaltet ist wie die Gebrauchsanleitung für eine Waschmaschine. Und so erdrückend wie die Formulare der Steuererklärung.
Aber die Agentur wird höchstes Lob vom Auftraggeber bekommen, denn der Text stammt vom Kunden selbst, ist „ein Diskussionsbeitrag von Walter C. Steinbach, Präsident der Landesdirektion Leipzig“. Und die Anzeige ist damit ein klassisches Beispiel für Absenderwerbung, was meint: Während Empfängerwerbung von der Zielgruppe beachtet wird, erfreut die Absenderwerbung allein den Absender der Werbung.
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Aber egal, der Inserent hat ja Kohle genug. Hauptsache, dass er sich selber an seiner Annonce erfreut. Oder — hat jemand von Euch (außerhalb von Leipzig) den Text vielleicht gelesen…?












Man muß den Text nicht lesen. Das Layout folgt einer ungeschriebenen Regel, die Anzeigen dieser Art für jeden erkennbar machen sollen. Eine Regel, die Zeit spart, da das Layout sagt: Lies mich nicht, ich bin keine wirkliche Anzeige, mit einem wirklichen Produkt und Benefit, ich will Dir nur MEINE Wahrheit ‘verkaufen’, ich will Dein Hirn waschen, damit Du meine Profite mehrst, wenn Du mir an Deinem Stammtisch hilfst und meine Argumente vervielfältigst mit jedem Bier.
Die ohne Stammtisch also blättern weiter.
Die Regel outet Anzeigen dieser Art als politische Werbung oder Lobbyismus. Das sind eher Gerüchte, die zu Meinungen gerinnen sollen (aber ganz langsam und vorsichtig, deshalb sind sie lese- und augen-unfreundlich).
Die Regel sagt, die Überschriften sind so relevant wie Wahlversprechen vor der Wahl und so real wie nach der Wahl.
Die Regel sagt: Vergiß es nicht mal, denn Du hast es nie gesehen.
Gut, daß es die ungeschriebene Regel gibt. Gut, daß es Kreative und Kunden gibt, die uns sublim warnen, daß wir hier unsere Zeit verschwenden, die wir besser investieren können. Danke.
Ich will ja nicht immer aus Prinzip widersprechen, aber für mich ist die eigenwillige typographische Gestaltung der Eyecatcher der Anzeige. Wenn ich eine solche Anzeige sehe, überblättere ich sie eben nicht, sondern bleibe hängen und lese sie (Gut, in diesem Falle stellt man schnell fest, dass sich das nicht lohnt, aber das ist ein anderes Problem).
Wäre nicht nur die Headline, sondern auch die Copy und die Zwischenüberschriften so gestaltet, würde ich dir allerdings recht geben.
Nur wer die “klassischen Regeln” kennt, kann sie gekonnt brechen. Das trifft hier offensichtlich nicht zu. Die missglückten Unterschneidungen entlarven den Desktop-Künstler. “Längere Headlines niemals in Versalien” – well, es gibt Schriftarten, die leben (bzw. lebten) praktisch davon, nur in Versalien gesetzt zu werden. In den 70gern war es einstmal ganz doll angesagt, die extrafette Futura nur “gaaanz” eng in Versalien zu setzten. Die dreiviertelfette Futura gehört aber nicht unbedingt dazu.
Lobbyismus pur. Habe das Original damals selbst aus einer Entfernung von 50km erlebt und sehe heute mit 700km Abstand die gleiche Propaganda wie vor 25 Jahren.
Unterschied zu damals ist nur die Publikation, heute in einer Zeitschrift und damals im Schulunterricht, aber definitiv damals wie heute Absenderwerbung.
Endlich schreibt da mal jemand was zu! Moechte garnicht dran denken wieviel Kohle die Herren mit diesen Anzeigen schon verbraten haben, das liest sich doch kein Mensch durch!
mag alles sein.aber die banner der kampagne sind aufmerksamkeitsstark. trotzdem: verrücktes ocker!
Da gibt es noch eine Anzeige dieser Braunkohlelobby, ähnlich aufgemacht, im Text irgendwas von Energiemix, der schon immer der beste war und links unten das Foto eines unglaublich dicken, mürrisch blickenden Mannes, der irgendwo Professor ist und diese Meinung des Energiemixes vertritt. Dieser Mensch wirkt dermaßen unsympatisch, daß man allein deswegen an der Anzeige “hängenbleibt”. Ob das die Intention der Macher war, darf allerdings angezweifelt werden.