Lokal, lokal, lokal – Die Thekengespräche müssen ins Web
Es war einer dieser prokrastinierten Tage. Bei Twitter mischte sich eine Meldung über einen Bombenfund und Verkehrschaos in Frankfurt in den Stream. Die klassischen Online-Medien blieben stumm. Lange. Sie hatten den Schuss nicht gehört. Nicht nur diesen nicht. Aber sie sind nicht nur taub. Sie sind auch gegenüber den Möglichkeiten des Web und seinen Chancen im Lokalen, ihren Chancen, wie gelähmt. Zeitungen, print und online, versuchen es immer noch viel zu sehr es allen recht zu machen, mit Journalisten, die ein Medium produzieren, das sie selbst gerne lesen würden.
Weil sich viel zu sehr noch in im traditionellen Rollenmodel des Gatekeepers bewegen. Dabei bestünde gerade im Lokalen die Chance, das Wissen der Leser zu aggregieren und zu sortieren. Die sind nämlich oftmals besser informiert über das Geschehen am Rande des Bürgersteigs, manchmal mehr Experte für das Lokalgeschehen und manchmal schlicht gerade an Ort und Stelle des Geschehens und würden ihr Wissen über den Unfall an der Kreuzung gerne mal schnell der Welt mitteilen. Wenn sie es denn leicht und einfach könnten und dafür ein wenig Aufmerksamkeit bekommen würden.
Natürlich denkt man bei lokal orientierten Mitmach-Projekten da sofort an DerWesten. Doch das Portal der WAZ kann sich nicht von seiner Herkunft aus der klassischen Zeitungswelt frei machen. Es gibt zuviel von allem, um ja möglichst viele Leser zu erreichen und eine intellektuelle Fallhöhe nicht zu unterschreiten.
Doch Schlagzeilen zur Finanzkrise findet man überall. Was man im Web nicht so leicht findet, sind die zur Nachrichten verdichteten Gespräche an der Theke in der Kneipe an der Ecke. Hin und her geworfene Sätzen. Und in diesem Modus werden die Nachricht auch aufgenommen und weiterverbreitet. Twitter ist da auch nicht anderes als eine große weltoffene Theke. Nur ohne Sperrstunde.
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Wo bleibt also das Angebot, dass all diese Neuigkeiten von der Theke zusammenfasst und weiterreicht? Schnell und unkompliziert die Nachricht vom Feuer vermittelt, ohne danach zu fragen, ob ein Leser auch qualifiziert genug dafür ist, die eingesetzten Fahrzeuge der Feuerwehr konkret zu benennen. Organisation, Kontrolle, Promotion ist dann immer noch Aufgabe genug Arbeit für Journalisten.
In Zukunft die wichtigere Aufgabe, da Zeitungen ihre Funktion als Gatekeeper an das Web und die Community des Nutzers verlieren. Dem Leser dienen, ihn bedienen, ihn bei der Mitwirkung unterstützen ihn bei den Gesprächen an der Online-Theke unterstützen. Ihn abholen mit den Fotos von der Hochzeit des Nachbarn, der Taufe, den privaten Momenten. Das Lokale lebt von den lokalen Gesichtern.
Alles Dinge, über die Journalisten im Print-Lokalen die Nase rümpfen, weil dann wieder 60 Zeilen für den Kulturausschuss fehlen. Bürgerjournalismus? Ein Wort, dass in Mediendebatten schon zum Killerbegriff mutiert ist. Dabei geht es schlicht darum, das Wissen und die Sendebereitschaft von Menschen zu nutzen, zu sammeln, vielleicht zu veredeln. Wahrlich keine neue Erfindung.
Die Medien würden an Inhalten und Service im lokalen Raum gewinnen.
Gerade auch mit Blick auf einer Leserschaft, der Lokalpatriotismus fremd ist und die von einem lokalen Medium schlicht das erfahren möchte, was sonst erst abends an der Theke im Fitnessclub zu hören wäre. Mit dem Leser als Lieferant der kleinen Nachrichten wäre nicht nur an Inhalten, sondern auch ein Stück Schnelligkeit gewonnen. Hilfreich auch mit Blick auf Google. Denn gerade die lokalen Nachrichten-Seiten quälen sich mit einem schmerzhaft schlechte SEO herum. Oder haben sie schon mal bei der Google-Suche lokale News ganz oben gesehen?
Konsequent setzt die Gießener Zeitung im Netz (und inzwischen auch zwei mal die Woche gedruckt) auf den Bürgerreporter, Involvement der Leser — kein Problem. 1400 Bürgerreporter sollen es inzwischen sein, die Beiträge für den Auftritt liefern, der nicht von bundesweiten Nachrichten aufgeweicht wird. Stattdessen gibt es Kommunikationsangebote in Echtzeit via Twitter. Ein Projekt, dass offenbar auch wirtschaftlich erfolgreich ist und deutlich lebhafter wirkt als der Konkurrent Gießener Anzeiger.
Es kann also auch hierzulande funktionieren. Man muss sich also nur einmal von gewohnten Denkmustern und Strukturen frei machen. In der offenen Gesellschaft des Web kann das Nachrichtenangebot nicht mehr ein Produkt sein, dass in abgeschlossenen Redaktionstuben ausgebrütet wird. Es entsteht beim einem fortlaufenden Tag der offenen Tür. Das lässt sich sogar als bundesweites Portal mit sublokalen Seiten umsetzen. Myheimat.de von Gogol Medien liefert dafür das allerdings mit PR-lastigen Inhalten beschwert wirkende Beispiel.
Weitaus unangestrengter wirken da Beispiele aus den USA: Bakersfield.com oder Gazette-Online.
Womöglich ist die Zeit also reif für das Projekt von Robert Basic, Deutschlands Vorzeige-Blogger, der mit Buzzriders.com ein bundesweites Lokalportal etablieren will, in dem nutzergenerierten lokale News, Twitter und Social Community eine Symbiose eingehen. Das Ziel: Eine Seite für jede Gemeinde. Der große Vorteil gegenüber potentiellen Projekten etablierter Verlagen ist dabei das klare Bekenntnis zum Open-Source-Prinzip, die Macht der Masse und ihre Schnelligkeit im Web. Sollte sich Buzzriders dabei twitterinfiziert zu einem Schwerpunkt mit kurzen Nachrichten leiten lassen, hätte der Auftritt sogar einen klaren Wettbewerbsvorteil. Gerade auch weil die bestehenden heimatlichen Webprojekte, mit ihren zu Elogen neigenden Inhalten eher noch den biederen Charme ehrenamtlichen Schriftführertums versprühen.
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Außerst treffende Analyse.
Dass myheimat PR-lastig ist kann allerdings nicht teilen. Das liegt weniger daran, dass ich einer der myheimat-Macher bin, sondern weil nur ein Bruchteil der Beiträge auf myheimat als PR eingeordnet werden könnten und es sich bei einem offenen System wie myheimat auch nicht gänzlich ausschließen läßt. Wenn man myheimat regelmäßig verfolgt kann ich nicht sehen, wie man die angebliche PR-Lastigkeit feststellen kann.
Zudem möchte ich hier gerne hinweisen, dass die erwähnte Gießener Zeitung und myheimat sich sehr “nahe” stehen, weil beide auf dem Community-to-Print-System der gogol medien beruhen. Bitte nicht als Werbung verstehen, sondern nur als Hinweis, weil der Link aus dem Beitrag nicht direkt hervorgeht.