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Spießer Alfons: Nach Mindestlöhnen nun auch Mindestpreise!

18. Mai 2009
von

In einer Zeit, wo es in der Wirtschaft kriselt und der Sensenmann bevorzugt durch den Blätterwald der Verlage schleicht, gucken die meisten Verleger sehr verlegen. Auch aus Berlin, wo unsere Politiker auf ihren Zeitarbeitsplätzen sitzen und darüber streiten, ob allgemeine Steuererleichterungen jetzt sinnvoll sind oder später oder gar nicht, gibt es nur Durchhalteparolen und keinerlei ernsthafte Hinweise auf eine spürbare Besserung des Patienten Deutschland, der als Weltmeister im Export besonders anfällig ist für die Viren der Rezession. Immerhin: Soeben kam eine Meldung aus Regierungskreisen, die im Besonderen die Kommunikationsbranche betrifft und einen Funken von Hoffnung ins Jammertal der Tränen trägt.

Zweck der Wirtschaft: Gewinne machen!

Hierzu ein Hintergrundbericht über das, was bis gestern noch in geheimen Sitzungszimmern zwischen führenden Vertretern der Regierungsparteien diskutiert worden ist. Dabei waren sich die Bundesminister für Wirtschaft und Technologie und Finanzen einig mit dem Bundesminister für Arbeit und Soziales: Es darf in Deutschland kein Unternehmen mehr geben, das seine Produkte bzw. Dienstleistungen den Abnehmern kostenlos zur Verfügung stellt. Ziel und Zweck von Wirtschaftsunternehmen sei es schließlich, Gewinne zu erwirtschaften, die zu versteuern sind, so dass der Staat ebenfalls daran partizipiert. Und genauso, wie es Sinn macht, Mindestlöhne zu fordern, genauso muss auch eine Forderung nach Mindestpreisen legitim sein.

Was den Regierenden bis dato ein Dorn im Auge gewesen ist, das sind die  unbezahlten Abgaben von Dienstleistungen im Internet. Nichts gibt es dort, was es dort nicht gibt, und zwar kostenlos. Wer kauft heute noch ein Kochbuch oder Rezeptheft, wenn er sich das gewünschte Rezept kostenlos aus dem Internet ausdrucken kann? Wer kauft ein Lexikon, seit es Wikipedia gibt, wer lässt einen Text gegen Geld übersetzen, wenn das im Internet nichts kostet? Und wer kauft eine Tageszeitung, ein Magazin oder eine Fachzeitschrift, wenn er die Inhalte online ohne Copypreis lesen kann und das auch noch aktueller und ergänzt durch bewegte Bilder?!

Freiheit für die Presse!

Nach einer Reihe von Sitzungsperioden haben die Bundesminister nun beschlossen: Schluss mit der Nassauer Mentalität in Deutschland! Das ist unmoralisch gegenüber der arbeitenden Bevölkerung und allen ehrenwerten Kaufleuten, die gute Leistung für gutes Geld anbieten. Im Lande der Dichter und Denker sollte speziell die Geistesarbeit keine kostenlose Abgabe mehr sein, weshalb es dafür schon bald Mindestpreise geben wird!

Ein Sprecher der Bundesregierung erklärte dem Spießer: „Kein normal denkender Mensch in Deutschland möchte eine Presse, die nicht mehr frei ist. Eine freie, sprich unabhängige Presse kann es aber nur geben, wenn der Leser dafür bezahlt und sich nicht die Lektüre von Unternehmen der Wirtschaft nach deren Gutdünken Werbeschaltung spendieren lässt. Und deshalb ist es Aufgabe der Bundesregierung, diesem gefährlichen Treiben endlich Einhalt zu gebieten.“

Gratis-Anbieter, die ihre Leistungen mehr oder weniger von der Werbung treibenden Wirtschaft bezahlt bekommen, müssen sich fragen lassen: Sollen die Lobbyisten wirklich mit ihrer Werbekasse entscheiden, welche Medien hierzulande überleben sollen und welche nicht? Wollen wir tatsächlich, dass der Staat eines Tages so klamm ist, dass auch für die Mitglieder der Regierung nach Sponsoren aus der Wirtschaft gesucht werden muss, weil deren Dienstleistungen nicht mehr aus Steuergeldern zu finanzieren sind…?

Schluss mit der Job-Vernichtung!

Nein, in Zukunft werden kostenlose Leistungen nur noch von ehrenamtlichen Helfern im sozialen Bereich geduldet, die dafür wenigstens eine Aufwandsentschädigung bekommen. Nicht aber wird es weiterhin kostenlose Leistungen von Journalisten, Autoren und anderen Urhebern geben, wodurch nachweislich Arbeitsplätze vernichtet wurden und werden.

Außerdem: Wer in Deutschland eine Flugmaschine benutzt, muss dafür zahlen. Warum nicht auch der Benutzer einer Suchmaschine? Und kostenlose Downloads geistiger Leistungen aus dem Internet werden in Zukunft genauso mit Strafen verfolgt wie heute bereits das kostenlose Herunterladen von Spielfilmen, Hörbüchern und Musikaufnahmen.

In dieser Woche wird er nun in Berlin sein Amt übernehmen: Dr. Rüdiger Weißglut, unparteiischer Staatsekretär für Paid Content im Finanzministerium. Er wird fortan darauf achten, dass nirgendwo im Internet mehr etwas kostenlos angeboten wird. Anbieter, die dagegen verstoßen, müssen mit empfindlicher Bußgeldstrafe rechnen. Dass dafür eine Kontrollinstanz geschaffen werden kann, zeigen schon seit langer Zeit die Vorbilder Gema und GEZ. “Warum also nicht ein PCI, ein Paid Content Inkasso, für Dienstleistungen aus dem Internet…?” fragte Dr. Rüdiger Weißglut bei seiner Pressekonferenz mit Spießer Alfons, der das abgenickt hat.

Ohne Moos nix los!

In einer weiteren Novelle der Bundesregierung, die in der kommenden Woche gelesen wird, steht übrigens das private Rundfunk- und Fernsehsystem im Mittelpunkt, das bis heute noch kostenlos ist. Außerdem wird über Kontrollmaßnahmen nachgedacht, dass Werbeagenturen ihre Leistungen bei Wettbewerbpräsentationen nicht gratis erbringen dürfen, und besonders dann nicht, wenn sie nicht nur kostenlos, sondern auch umsonst gearbeitet haben. Dazu wird eine aufklärende Werbekampagne der Bundesregierung laufen unter dem Arbeitstitel: “Ohne Moos nix los!”

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Kommentare zu “ Spießer Alfons: Nach Mindestlöhnen nun auch Mindestpreise! ”

  1. Doc Holiday am 18. Mai 2009 um 08:57 Uhr

    Ach du kriegst die Motten ! Wenn das jetzt mal nicht ironisch gemeint ist, sondern bitterer Ernst.

  2. Peter am 18. Mai 2009 um 12:48 Uhr

    Na bitte, es geht scheinbar doch! ;)

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