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Liebes Internet-Tagebuch …

19. Juni 2009
von Olaf Kolbrück

… knapp 14 Tage war ich jetzt auf den Lofoten. In einem Rorbu, wie so ein rotes Fischerhaus dort heißt, was es noch ein wenig pittoresker macht. Die Betten heißen Kojen. Das ist aber nicht pittoresk gemeint, sondern eher eine Warnung. Kein Web gab es dort in dieser Hütte, dafür Fußbodenheizung, kein Radio und das Fernsehen zeigte mit einer alten Zimmerantenne nur NRK1, ein Programm gegen das die regionalen Formate des HR geradezu weltmännisches Flair versprühen.

Es lag aber nicht nur an der Gegend, von der haben die Lofoten reichlich, oder dem Blick aufs Meer vom Steg, dass ich die Medien nicht vermisst habe.
Denn eigenartigerweise vermittelt zwar die dauernde Verfügbarkeit von Web, TV und sozialen Netzwerken das Gefühl eines breiten Erlebnisumfelds, doch irgendwie wirkt das Leben ohne diese Elemente plötzlich intensiver. Und das liegt nicht nur am strengen Geruch von Trockenfisch auf den Lofoten.

Die Entdeckung der Langsamkeit und der selbstgewählte Verzicht auf digitalen Weiten engt den Blick nicht ein, sondern schärft ihn eher für die relevanten simplen Dinge und zugleich auch für das große Ganze. Das Web wirkt plötzlich wie eine Abwandlungen eines Satzes von Ludwig Wittgenstein: Selbst wenn wir auf alle möglichen Arten vernetzt sind, sind die wahren Dinge des Lebens noch gar nicht berührt.taube_mg_1196.jpg

Dabei ist man nicht aus der Welt in dem High-Tech-Land eines Volkes, für das Fischen offenbar so notwendig ist wie das Atmen. Man sollte sich nicht täuschen. Norwegen ist gut vernetzt. Ein norwegischer Besitzer eines Kinderspielzeugladens plaudert, dass er ein Drittel des Umsatzes im Web macht. Kein Ahnung, wie er das macht, ich sehe immer nur, wie er mit dem Boot zum Fischen rausfährt.

Und natürlich gibt es in einigen Restaurants offenes WLAN. Um diese Lokale zu finden, braucht man nicht mal Qype. Es gibt in jedem Ort ohnehin nur zwei, höchstens. Und die Zahl der Straßen ist mit überschaubar noch übertrieben dargestellt.

Die Nutzung des WLAN erinnert einen indes an die Vertreibung aus dem Paradies. Ein Blick auf SpOn und die Laune gleicht wieder dem deutschen Sommer. Grau in Grau, bis auf in rote Wolle gestrickte Wirtschaftspolitiker, die sich für ein Schrecken ohne Ende entschieden haben und in Wahlkampfzeiten lieber verführen statt führen. Also weg mit der verdorbenen Frucht, offline gehen, aus dem Fenster starren und den Möwen zuwinken, sich für einen Moment den überquellenden Google-Reader vorstellen und wissen, dass man daheim eh alles löschen wird — ungesehen. Die wichtigen Dinge erfährt man sowieso.

Es ist die Vielfalt des Web, die einengt. Unendliche Möglichkeiten, aber keine Lösungen. Die Verfügbarkeit, überall, rund um die Uhr, der ständige Strom der Neuigkeiten, der einem das Gefühl vermittelt, dauerhaft aktiv sein zu müssen.
So wie die Sonne des Polarsommers, die auch nachts um zwei alles taghell erleuchtet, so dass der Körper selbst zu dieser Stunde den Impuls spürt, irgendetwas tun zu müssen. Und sei es Dächer neu zu decken. Norweger tun so etwas. Wenn sie nicht nachts um drei gerade einmal wieder zum Fischen rausfahren. Und für einen Moment frage ich mich beim Blick auf den Wellenschlages des Bootes das am Fenster vorbeituckert, ob ich nicht einfach alle Netzwerke künftig brach liegen lasse. So ein kleines, schmales Fenster zur Welt, die dann gleich viel gerahmter wirkt, ist doch auch ganz hübsch.   Ein Gedanke, an den ich mich erinnern werde, als ich mich daheim über meine Vanity-Url bei Facebook freue, mich bei Mixxt für das buzzcamp anmelde und ein wenig twittere. Ein ganz klein wenig. Immerhin habe ich noch nicht wieder bei SpOn reingeschaut.

Das Web ist wie der Sommer über dem Polarkreis. 24 Stunden Tageslicht geht einem irgendwann auch auf den Keks. Und wieder daheim will man deswegen dann schließlich auch nicht nur noch im Dunkeln leben.

A little bit of both worlds …

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Kommentare zu “ Liebes Internet-Tagebuch … ”

  1. Valentin am 19. Juni 2009 um 11:01 Uhr

    Wunderschön geschrieben. Finde ich gut, mal eine gewisse Zeit offline zu sein. Leider ist das hier in Deutschland oft schwierig…

    In drei Wochen geht es für drei Wochen nach Vietnam. Ob ich dort die ganze Zeit offline sein werde, oder hin und wieder nen Post veröffentlich weiß ich noch nicht…

    Wichtig ist und das brauchen wir alle, ist hin und wieder eine Entschleunigung unseres Lebens…

  2. Roland am 20. Juni 2009 um 14:53 Uhr

    Ist verdammt wichtig auch mal ne offline-Zeit zu nehmen – man bekommt völlig neue Eindrücke und Ideen die einem bei nem 12 Stunden Surfgang durchs Web wohl nicht so schnell kommen (oder zumindest dann nicht durch eigenes verschulden ;-)

    Im Allgäu kann man auch gut Urlaub machen ;)

  3. rob am 21. Juni 2009 um 22:07 Uhr

    Stimme dem volkommen zu, Valentin.
    Super, Herr Kollege Kollege Kohlbrück.
    … sprach’s und klickte im Google Reader auf “Alle als gelesen markieren” – Endlich Wochenende!

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