Mehr Monarchie wagen
“Politik ist was anderes als das Einwirkenlassen von Gefühlsdünsten. Ich weiß, daß die nicht wegzukriegen sind, aber man sollte ihrer soweit es geht Herr werden.”
Herbert Wehner
Wenn man sich als Horizont-Redakteur mit den Kampagneros des Bundestagswahlkampfs beschäftigt, wenn man mit Bundesgeschäftsführern redet, fühlt man sich immer ein wenig wie ein Theaterkritiker, oder je nach Partei auch wie ein Opern-Beobachter, der vor der nächsten Premiere des Ring in Bayreuth die Intendanz über die kommende Spielzeit, über Dramaturgie und Bühnenbild befragt.
Das liegt natürlich in der Natur des eigenen Jobs, weil man eben den Fokus auf die Kommunikationsstrategie legt. Den Parteien kommt das gerade recht, weil sie auch jenseits des Wahlkampfs die politische Bühne längst nur noch als Theaterkulisse begreifen. Politik findet nur noch in Form von Inszenierung statt, in der Vortäuschung von Handlungsfähigkeit auf Feldern mit wenig Gegenwehr und fehlender Lobbymacht, in der Erzeugung eines Gefühls für Verantwortung, nicht aber in echtem politischen Handel.
Es ist beinahe schon auffällig wie eine ganze Riege von Politiker des zweiten Bildungsweges, von Studienräten und Beamten Rollen spielen will, deren Kostüme ihnen eigentlich zu groß sind. Was sie gelernt haben, ist Theaterdonner zu verbreiten und Krisen wie bei Opel- und Karstadt als Sprungbrett für den Monolog nach Drehbuch zu nutzen.
Die beste Figur hat da gerade auch in der Nachbetrachtung ein Adliger gemacht, der nicht für ein Schrecken ohne Ende votierte und damit die politische “Aristokratie” als Vernebler der Wahrheit demaskierte.
Mit Wahlkampf, mit Inszenierung hatte das Verhalten des Freiherrn zu Guttenberg in diesem Moment wenig zu tun, auch wenn es demnächst entsprechend stilisiert werden dürfte.
Im Kern aber weckt das fränkische Standing im Krisenmanagement Erinnerung an der Aristokratiebegriff bei Plato und eine idealtypische Herrschaft der Besten.
Vielleicht redet und handelt sich es sich grundsätzlich leichter, wenn man das eigene Selbstverständnis nicht nur am Stimmverhalten des Unterbezirks festmachen kann, sondern an der Familienhistorie, wenn man mit Diäten und Pensionen nicht das Reiheneigenheim finanzieren muss, sondern das Teegedäck jederzeit auf dem Landsitz oder im Stadtpalast kredenzen kann.
Vielleicht ist aber auf den offenen Bühnen zwischen Kiel und Passau auch das politische Verständnis verweht worden. All jenen, die sich in den kommenden Wochen irgendwie an einer Obamisierung der Wahlkampfs versuchen, sollte daher ein Satz als Satz von Barack Obama als Überschrift über jedem Manuskript festgetackert werden: “Leaders have to lead, and, hopefully will get supported by their people.”
Stattdessen werden jetzt wieder fernsehtauglich die Ärme hochgekrempelt. Politik als Geste wie aus einem Werbeclip. Dabei wird selbst mit dem schönsten Claim und dem besten Kampagnenmix ein schlechtes Produkt zum Ladenhüter, wenn es das Produktversprechen nicht einhält.



















Ich würd’ jetzt aus einer einzigen fränkischen Adelsschwalbe noch keinen politischen Aufbruchsommer gegen “Aufsteiger”-2.-Bildungsweg-Politiker skizzieren. “Standing” kommt schon noch von etwas anderem als von Familienhistorie und von silbernem Teegeschirr.
Der gräflichen oder hochadeligen …. (passendes bitte einsetzen) ist keine Ende, denk ich an Figuren wie “Prügel”-Prinz August oder an unsere unsägliche bairische Fürstin Gloria (“Neger” schnackseln”). Sie alle hätten es nach deiner Diktion “nicht nötig”. Das ist jedoch für eine Qualifikation auf dem politischen Parkett – schon gar nicht als Führungsfigur – weder ausreichend noch hinreichend.
Bei von und zu Guttenberg sehe ich zudem eher das fränkische denn das adelige Element. Der Franke, zumal de Oberfranke, hat seinen eigenen Kopf. Notfalls setzt er den auch durch, ob mit oder ohne silberne Teekannen. I know
Touche. Es gibt natürlich, ob in der Ente oder im Maybach, solche und solche. Aber ein aufgeklärter Fürst, der sich als „erster Diener des Staates” sieht ist womöglich dem Gemeinwohl verträglicher als ein Politiker, der sich als erster Beamter des Staates sieht. Die ethnologische Herleitung trifft es insofern nicht ganz als auch der Prinz August als Welfenprinz fränkisches Ursprungs ist.
Sooo alte Frankenstammbäume sind logischerweise degeneriert^^. qued
Ein Adliger steht nicht als Sinnbild für die Monarchie, auch und gerade nicht Freiherr von und zu Guttenberg.
Die monarchische Staatsform ist ein bißchen etwas anderes als Adelsherrschaft (siehe die Herrschaftstypenlehre von Aristoteles).
Aber abgesehen davon scheint der Bundeswirtschaftsminister doch seine Sache gut zu machen. Warum stoßen sich dann Menschen an seinem Namen?
Richtig ist, dass Platon sich als Idealform des Staates eine Herrschaft von Philosophenkönigen vorstellte. Dass das mit Demokratie nichts zu tun hat, ist klar; allein deshalb ist es natürlich abzulehnen.
Guttenberg als Vertreter der “Besten” zu bezeichnen, ist nun aber wirklich ein schlechter Witz. Platon hat sich unter den “Besten” ganz sicher keinen Möchtegern-Ordnungspolitiker vorgestellt, der mit Phrasen um sich wirft und nur aufgrund von Regionalproporz (CSU, Franke) und nicht aufgrund von Qualifikation an das Amt gekommen ist.
Die abfälligen Kommentare über gewählte Politiker im Allgemeinen lassen den Autor sehr schlecht aussehen. Demokratie ist die Sache des Volkes, nicht der vermeintlich Klügsten oder Besten. Von diesem Irrglauben hat sich der Westen glücklicherweise dank Unabhängigkeitserklärung und Franzöischer Revolution befreit, ein Rückfall in diese Zeiten sollte tunlichst vermieden werden.