Welt.de und die crossmediale Erleuchtung mit dem Dalai Lama
Heute muss ich einmal Welt.de loben – und Jörg Eigendorf. Welt.de, mir sonst vertraut durch Google-optimierte Überschriften, webcrawler-freundliche Feed-Einbindung, sinnbefreite Bilderklickstrecken (Die besten Bikinis der 80er, 90er und die schönsten Tangas von heute) sowie einem Quiz zu jedem denkbaren Thema (Vertriebene: Wie gut kennen sie die ehemaligen deutschen Rittergüter?), liefert rund um ein Interview mit dem Dalai Lama ein gelungenes Beispiel, wie sich gute Inhalte auf unterschiedlichen medialen Wegen darstellen lassen und nach dazu eine persönliche Note liefern, die das Interview von gängigen Question&Answer-Formen unterscheidet.
Es zeigt aber auch, dass bei der Welt ressortübergreifenden Denken Realität ist. Denn mit Jörg Eigendorf reiste nicht der vielleicht erwartete Kulturredakteur nach Dharamshala, sondern ein für seine zuweilen steile Analysen bekannter Wirtschaftsexperte der “Welt”. Und der befragt den Dalai Lama vor seinem Deutschlandbesuch eben nicht nach den üblichen Weihrauchthemen, sondern in Zeiten von Wachstum 2.0 nach Buddhismus, Globalisierung, Marktwirtschaft und Management.
So richtig lesens- und sehenswert wird das Stück aber erst durch die Tagebuch-Notizen von Jörg Eigendorf, in denen er offenherzig über Vorbereitung, Treffen und die eigene Gefühlslage – “Jetzt den Schalter umlegen, wieder Journalist sein. Bitte nicht vor Ehrfurcht erstarren.” – schreibt. Man wünscht sich fast, derartige Notizen nach einem Gespräch mit Ackermann zu lesen.

Dazu zeigen ein Video und Bilder, beinahe wie für das Urlaubsalbum daheim geschossen, wie man sich künftig im Idealfall Crossmedia vorstellen kann, nämlich in der Verknüpfung aus faktenorientierten Texten und – vielleicht sogar im Vorübergehen erstellten – visuellen Momentaufnahmen jeneits der üblichen Pressefoto-Strecken. Allerdings wohl nicht immer wie in diesem Falle in der luxuriösen Begleitung eines Fotografen, sondern als One-Man Show.
Es sind solche Geschichten und solche Aufbereitungen, die in der ubiquitären News-Flut künftig über die Markenstärke, den Erfolg eines Nachrichtenportals und seine Wahrnehmung als qualitätsjournalistisches Angebot entscheiden werden, und nicht die Bilderstrecken zu den berühmtesten Wirtschaftsbetrügern.


















