HORIZONT.net HORIZONTjobs HORIZONTpeople HORIZONTstats

Format zeigen

10. Juli 2009
von Olaf Kolbrück

Die Frankfurter Rundschau hat es getan, Welt kompakt tut es – kleines Format als Jungbrunnen. Schrumpfkur als Gesundheitsrezept. Ein Tabloid-Format klingt auf den ersten Blick ganz sinnig. Der vielgepriesene Leser in der U-Bahn, im Bett und an anderen Örtchen bekommt ein handlicheres Format.  Vor allem aber lassen sich mit dem verkleinerten Format auch Druck- und Papierkosten senken. Massiv. Angesichts sinkender Anzeigenerlöse kein unerhebliches Argument.

Kein Wunder also, wenn nun auch beispielsweise beim Handelsblatt offenbar intenisv über neue Varianten nachgedacht wird. Auch Bild testet eine Mini-Variante als Bild-City. Die WAZ hat das Stichwort “U-Bahn-Zeitung” auf der Agenda. Halbnordisch ist en vogue.

Nur, bringt die Papier-Diät mehr als nur einen kurzen Frühling? Zweifel sind angebracht. So musste die Frankfurter Rundschau bei der Reichweite “Federn lassen“, bei allerdings recht stabiler Auflage und Abo-Entwicklung. Allerdings wurde auch erheblich am Konzept gewerkelt. Vielleicht aber nicht genug. Nach einem dauerhaft zweiten Frühling sehen die IVW-Zahlen nur bedingt aus.

Nur mit einem Formatwechsel ist es jedenfalls nicht getan. Es wäre auch zu wenig, die gleiche Soße nur auf eine kleinere Teller zu packen. Welt kompakt beispielsweise bereitet die Inhalte deutlich anders auf als die große Schwester. Die Redaktion müht sich um einen intensiven Dialog im Web, beispielsweise via Twitter und lasst die Follower schon mal an der Blattgestaltung teilhaben.

Das kann aber erst ein  Anfang sein. Verlage müssen sich ernsthaft und ehrlich fragen, wie lange sie Leser noch damit halten wollen, dass sie die Nachrichten vom Vorabend in kleinparzellierten Meldungen am nächsten Tag auf dem Frühstückstisch servieren, zuweilen rübergehoben aus dem Online-Auftritt, zuweilen wie bei der Wiederwahl des Bundespräsidenten mit einem inhaltlichen Aufguss angeboten, den nun jeder mitbekommen hat, der einen Stromanschluss besitzt.

“Menschen werden dafür bezahlen, nicht jede verfügbare Information zu bekommen, sondern ausgewählte.” Jochen Wegner, Focus

Weg damit: Die Leser wollen, wie Reichweitengewinner FAS zeigt, optisch gut und auch überraschend aufbereitete, lange, tiefgründige Inhalte und Analysen. Keine Versatzstücke, die ihren Intellekt beleidigen und ihnen das Gefühl geben, die Redaktion hielte sie für Bewohner im Tal der Ahnungslosen oder die Amish-People des Informationszeitalters. Eine Art tägliche FAS könnte ein Modell sen. Mit Geschichten, die Ressortgrenzen sprengen, und gedankliche Zäune (in der Redaktion und beim Leser) einreißen. Das wäre ein mutiger, innovativer Schritt. Ich würde so ein Blatt vermutlich sogar kaufen.

 ”Journalisten haben sich früher allerdings in die Tasche gelogen, indem sie dpa-Meldungen einfach ein wenig umgeschrieben und das als eigene, originäre Leistung verkauft haben. Das geht nicht mehr. Und das ist gut für den Journalismus.” Bernd Ziesemer, Handelsblatt

Vielleicht darf man beim Handelsblatt, so die Tabloid-Pläne denn Realität werden, auf solch einen großen (Ent-)Wurf hoffen.  Denn für ein wenig nordischen Wind im Blätterwald müsste man sich im Haus kaum so elaborierte Gedanken machen. Schließlich dürften mit der kleinen Handelsblatt News im ICE schon jetzt alle Stellenschrauben für eine schlichten Switch bereitliegen.

“Nur wer originäre Inhalte produziert, kann den Medienbruch überleben.” Bernd Ziesemer, Handelsblatt

Die Mutmaßungen über einen Agentur-Pitch auf Top-Niveau lassen jedenfalls eine Werbekampagne größeren Ausmaßes erwarten. Damit nur einen Größenwechsel zu kommunizieren, hieße Schlagzeilen zu formulieren, die dann inhaltlich nicht eingelöst werden. Dem Handelsblatt ist mehr zuzutrauen.

Alle eingerückten Zitate stammen aus einem lesenswerten Interview mit Jochen Wegner von Focus Online und Handelsblatt-Chef Bernd Ziesemer im Medium Magazin.

Teilen und aufbewahren Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • TwitThis
  • Facebook
  • del.icio.us
  • MisterWong
  • email
  • Y!GG
  • Wikio DE
  • Webnews
  • Digg
  • Alltagz
  • StumbleUpon
  • Linkarena
  • LinkedIn
  • Bloglines

Ähnliche Artikel

Tags: , , , ,

Kommentare zu “ Format zeigen ”

  1. Peter am 10. Juli 2009 um 14:42 Uhr

    “… 7.5000 Stück niedriger als im 1. Quartal 2008″

    Entweder ist Euch beim Bild-City Artikel der Tausenderpunkt verrutscht, oder der Redakteur hatte auf der 0 einen nervösen Finger…

    Ich möchte jetzt keine Grundsatzdiskussion lostreten, aber DESHALB liebe ich Print. Bevor es in Druck geht schaut i.d.R. nochmals wer drüber, aber Online muss alles schnell gehen und wenn es wer merkt kann man es ja nachträglich korrigieren.
    Das geht jetzt nicht gegen Euch, egal ob Stern-, Focus-Online, oder wie sie alle heissen wenn man genau schaut findet man erschreckend viele solcher kleiner Flüchtigkeitsfehler oder Vertipper…

  2. OlafKolbrueck am 10. Juli 2009 um 14:57 Uhr

    Erst habe ich verzweifelt nach der Zahl hier im Blogbeitrag gesucht, bis ich dahinter kam, es bezieht sich auf den verlinkten Beitrag. Danke für die Aufmerksamkeit. Ich gebs an die Kollegen weiter.
    Life happens

  3. Don Alphonso am 10. Juli 2009 um 15:26 Uhr

    Entschuldige, aber wenn die Antwort auf eine Qualitätskrise eine Werbekampagne ist, die die bestehende Nichtqualität toll rausstellt, dann verdienen sie den Tod.

  4. OlafKolbrueck am 10. Juli 2009 um 15:48 Uhr

    @Don Alphonso
    In meiner idealen Welt, für die ich Kästners “Fabian” erstmal wieder ins Regal stellen muss, sähe die Kauselkette so aus: Wille zum Wandel – Mut zu Lücken – qualitative inhaltliche Aufwertung – verbessertes Produkt – Werbekamapgne.
    Ansonsten würde ich dir zustimmen, weil jede Kampagne ansonsten nur wie ein Schaulaufen der Ergebnisse plastischer Chirurgie auf der “Kö” wäre, an deren faltigen Händen man immer noch das Alter ablesen kann.

Kommentieren

Trackbacks

ivw