Wahlkampf: Lull und lall
Es könnte ein sehr spannender Bundestagswahlkampf werden. Ein Verdienst der Parteien oder der Medien wäre es nicht.
Gerade die Nachrichtenseiten beglücken dieser Tage gerne mit aufmunternden frohen Botschaften über Konjunkturaufhellungen, als ginge es darum, bis zum Wahltag die Illusion der Machbarkeit aufrecht zu erhalten. Vielleicht ist das aber auch alles Teil einer Kampagne für den Schlämmer-Film „Isch kandidiere“. Das lässt sich dieser Tage alles nicht mehr so recht trennen. Aber da kann Kerkeling nichts für. Satire ist ja auch bloß Notwehr.
„Ich glaube, dass unsere Gesellschaft mit nachhaltigen Wohlstandsverlusten und Verteilungskonflikten rechnen muss.“ Der Satz kommt von Konrad Freiberg, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Wenn die Gewerkschaft der Polizei, die innere Sicherheit bedroht sieht, weil nach der Wahl Kassensturz ist, dann wäre das eigentlich eine große Schlagzeile wert. Doch nichts davon.
Kein Wunder also, wenn seit einiger Zeit quer zum Mainstream stehende Webmedien wie netzpolitik.org oder die Nachdenkseiten deutlich mehr Leser finden.
Vielleicht, weil die Leser dort ihre Lebenswirklichkeit besser abgebildet finden als in etablierten Medien.
Vielleicht weil der Wähler, ein jeder auch ein Finanzexperte mit kleiner Kasse, sich ausrechnen kann, dass nach dem Abwrackboom der Konjunkturmotor PKW-Markt 2010 insbesondere bei den Klein- und Mittelklassewagen mangels Nachfrage in die Knie geht. Selbst hochrangige Automanager räumen das „unter dreien“ dann doch ein. Übrigens mit möglichen negativen Folgen für den Werbemarkt. Schließlich muss man einem Pferd, das keinen Durst mehr hat, nicht noch einen dritten Eimer Wasser zum Saufen hinstellen.
Letzte Rettung Premium-Segment? Da war doch was? Die wohlige Besoffenheit guter Nachrichten sorgt dafür, dass auf die Anschaffung von 31 gepanzerten Luxuskarossen der Bundesregierung zur Erneuerung ihrer Dienstwagenflotte, bezahlt aus dem Konjunkturpaket II, gerade mal noch ein Standard-Rülpsen folgt.
Eigentlich nur konsequent, wenn Warsteiner zusammen mit dem Nachrichtensender n-tv ab sofort positive Schlagzeilen unter der „Guten Nachricht des Tages“ präsentiert. Ich bin sehr für gute Nachrichten, aber das klingt in diesem Umfeld doch sehr nach Koma-News statt Koma-Saufen.
Selbst der Politik wird es zu langweilig Vom Einlull-Wahlkampf mäkelt Steinmeier und das noch bevor heute bei RTL der Livechat mit der Kanzlerin beginnt. Wenn der Chat so läuft, wie sich Steinmeiers Blog liest, könnte er recht behalten:
„Leider musste der 20.15-Uhr-Krimi gestern Abend für mich ausfallen. Ich habe im Willy-Brandt-Haus noch lange mit meinem Team zusammengesessen. Die Teammitglieder berichteten über ihre Erfahrungen seit unserem Treffen in Potsdam. Die meisten erzählen Positives: aus ganz Deutschland haben sie Einladungen erhalten, bei allen gibt es eine Menge Presseanfragen.“
Irre, was? Erstens hätte man das bei Twitter kürzer sagen können „Bin im Meeting“ und zweitens kommt es mir vor, als sei Steinmeier selbst überrascht, wenn sich jemand für sein Schattenkabinett interessiert.

Stattdessen ein Wahlkampf, in der Guttenberg die Kraft der zwei Herzen hat Kraft für Wirtschaft und Vernunft hat und das tief geschnittene Dekolleté auf dem Wahlplakat von Vera Lengsfeld, CDU-Bundestagskandidatin in Berlin-Kreuzberg, zeigt, dass die Wahlwerbung kurz davor ist auf dem Niveau von Werbeaussendungen der Auto-Tuning-Branche zu landen (Foto: waehltvera.wordpress.com). Hauptsache PR und Hauptsache es geht nicht um Politik. „Unser Plakat war ein voller Erfolg. Die Zahlen sprechen für sich.“ schreibt Wir-haben-mehr-zu-bieten“-Lengsfeld im Blog.
Statt einer Debatte um Inhalte, also nur noch die Simulation einer Auseinandersetzung mit Randthemen. Das lässt tatsächlich tief blicken.
Wenn es in diesem Wahlkampf doch noch kontrovers werden soll, wenn gezeigt werden kann, dass sich auch Inhalte und Standpunkte auf kurze Sätze verkürzen lassen, muss man auf das Web vertrauen.
Netzpolitik.org zeigt mit einer Aktion (Beispielmotiv) schon heute, wie vielseitig sich politische Haltung und Meinung im Web austoben kann. Wie leicht Engagement erzeugt werden kann.

Etwas, dass denn Parteien so im Wahlkampf nie gelingen wird, weil Gesten nicht motivierend wirken.
Update: Und weil satirische Verfremdung solcher Bilder und Motive nicht im Sinne des Erfinders ist, pocht die Fotografin nun aufs Urheberrecht und besteht gegenüber Netzpolitik auf Entfernung der Bilder.
So viel Schlaflieder kann die Politik also gar nicht singen, dass Internet-Aktivisten nicht doch zeigen können, was sie von der Politik im Land halten. Politiker werden sie damit wohl kaum wachrütteln, vielleicht aber den Wähler. Und dann könnte es zumindest im Web noch ein spannender Wahlkampf werden.
Bis dahin bekommt die Politik schon die passenden Fanlieder zu hören:
“Habt mich lieb, macht euer Kreuz da drin, habt mich lieb weil ich das kleinere Übel bin”



















Schöne Analyse. Und das mit dem “dass” und “das” üben wir nach der nächsten Komma-Lektion, gelle?
)
Es geht wie mit dem Kommas. Streue dann am Ende so nach Bedarf drüber.
Danke für den Hinweis. Werde noch mal abschmecken.
Tja, bei Wahlwerbung ist das Fettnäpfchen nicht weit. In Kaarst bei Düsseldorf sind die Grünen gerade drin gelandet.
http://www.wz-newsline.de/sro.php?redid=599226
http://www.express.de/nachrich.....17014.html
Da geht es dann gar nicht mehr um Inhalte…
Gitarre zu laut und Text zu unverständlich.
Die Mädchenmannschaft versagt bei der Diskussion zum Thema leider völlig, weil sie Kommentare und ihre Antworten darauf aus dem Blog löschen. Betroffen sind:
http://maedchenmannschaft.net/.....ment-17123
http://maedchenmannschaft.net/.....ment-17124
und
http://maedchenmannschaft.net/.....ment-17127
sowie die Antwort von Susanne darauf zumn Thema “Meinungsressort in der taz”.
Ich habe mich dort mit Kommentar 17185 beschwert. Mal sehen, ob sie so sportlich sind und den zulassen.