Spießer Alfons: Werbeagentur und Modeboutique
Gestern Abend plauderte der Spießer beim Bier in einer Hamburger Kneipe mit einem kreativen Direktor aus einer dieser großen Werbeagenturen. Der Werber erzählte, dass er am Freitag dieser Woche eine Präsentation habe, einen Pitch um eine große Marke, bei dem noch drei weitere Agenturen mit in den Kampf um Etat, Ruhm und Arbeit ziehen.
Alfons wollte wissen, wie er sich denn so fühle, der Werber vor so einer Schlacht um Sein oder Nichtsein in einer Zeit, wo viele Agenturen ums eigene Überleben kämpfen.
„Wir haben eine starke Kampagne gemacht“, sprach der Kreative und fügte hinzu: „Dazu kann der Kunde nicht nein sagen.“
„Wie viele Alternativen habt Ihr denn dabei?“, erkundigte sich der Spießer.
Der Werber: „Alternativen? Null. Wir präsentieren grundsätzlich keine Alternativen. Denn warum sollen wir von einer Lösung, von der wir glauben, dass es die richtige ist, ablenken durch weitere Vorschläge, von denen wir selber weniger überzeugt sind?!“
„Moment mal!“, warf der Spießer ein und wollte von seinem Gegenüber wissen: „Könnte es nicht sein, dass der potentielle Kunde eine Lösung favorisiert, die bei Euch nur auf Platz 2 gelandet ist und damit im Papierkorb…?“
Der kreative Häuptling guckte den Spießer vorwurfsvoll an. „Erstens landet bei uns nie was im Papierkorb, denn was für den einen Kunden nur die zweitbeste Lösung ist, ist möglicherweise für einen anderen die beste. Und zweitens: Warum fordert ein Kunde eine Agentur zur Präsentation auf? Weil er Unterhaltung möchte? Oder weil er eine Problemlösung sucht und dafür fachliche Beratung braucht?“
„Viele Wege führen nach Rom“, warf der Spießer ein und ergänzte: „Welchen Weg der Reisende einschlägt, um an sein Ziel zu kommen, möchte der in aller Regel selber entscheiden!“
„Das kann er auch, denn es präsentieren schließlich vier Agenturen verschiedene Wege“, erklärte der Kreative.
„Und wenn Du morgen Deine Kampagne vorgeführt hast, und der Kunde fragt nach einer Alternative — was sagst Du ihm dann?“
„Ich sage: ‚Sie haben mit uns die beste Agentur zur Präsentation eingeladen. Und diese Agentur hat für Sie die beste Kampagne gemacht. Würden wir Ihnen eine zweite Möglichkeit präsentieren, dann würden wir damit zeigen, dass wir selbst nicht überzeugt sind von dem, was wir Ihnen gerade vorgestellt haben!’“
 „Sehr selbstbewusst!“, bestätigte der Spießer und sprach zu seinem Gegenüber: „Stelle Dir vor, Deine Frau geht in eine Boutique! Und sie sagt der Verkäuferin, dass sie gern ein Kleid hätte aus der neuen Herbst-Kollektion. Und die Verkäuferin greift den Ständer, nimmt ein Kleid heraus und bittet die Kundin, also Deine Frau, damit zur Kasse zu gehen. Was würde die dann wohl sagen…?“
„Ich vermute, sie würde fragen, ob sie sich nicht erst mal umschauen darf in dieser komischen Boutique, um dann selber zu entscheiden, welches Kleid sie nimmt!“
Alfons grinste. „Klar. Und dann sagt die Verkäuferin zu Deiner Frau: ‚Sie sind in die beste Boutique der Stadt gekommen. Und ich habe als Fachfrau genau das für Sie passende Kleid herausgesucht. Würde ich Ihnen noch weitere zeigen, dann würde ich damit zeigen, dass ich Sie nicht optimal berate!’“
Der Kreative hob sein Bierglas, nahm einen tiefen Zug und sprach zum Spießer: „Ich sag’s noch mal: Morgen präsentieren wir eine Kampagne. Und drei weitere Agenturen präsentieren auch mindestens je eine Kampagne. Macht zusammen mindestens vier Kampagnen. Das ist Auswahl genug für den Kunden!“
„Und die Chance Deiner Agentur liegt in diesem Fall bei 25 Prozent aller eingereichten Möglichkeiten.“
 „Die der anderen Agenturen genauso!“
„…wenn sie nicht mehr Ansätze präsentieren!“
„Damit würden sie Unsicherheit zeigen”, sagte der CD und bestätigte sich noch einmal: “Wir sind die Besten!”
Okay“, sagte der Spießer, „dann drücke ich Dir die Daumen, dass Ihr den besten Geschmack des möglichen Kunden getroffen habt!“
„Danke!“
„Bitte!“
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Mein lieber Spießer: nicht alles was hinkt, ist auch ein Vergleich.
*muahaha*
..aus DEM Grund haben wir momentan großen Zuwachs aus der ehemaligen Kundschaft eines Mitbewerbers:
“Mit dem konnte man ja gar nicht reden, der ging gar nicht auf unsere Wünsche ein!”
der Werber sitzt zu Ross, dem hohen,
ist voll des Mutes, dem frohen,
überzeugt von der Idee, der einzigen,
und vergisst doch das Eine, das entscheidende
nämlich den Kunden, den entscheidenden.
Drum verlasst das Pferd,
und macht gleich kehrt,
hört dem andern zu,
macht einen Vorschlag, oder zwei oder drei,
ganz so wie es der Wunsch des Kunden sei.
“„Sehr selbstbewusst!“, bestätigte der Spießer und sprach zu seinem Gegenüber: „Stelle Dir vor, Deine Frau geht in eine Boutique! Und sie sagt der Verkäuferin, dass sie gern ein Kleid hätte aus der neuen Herbst-Kollektion. Und die Verkäuferin greift den Ständer, nimmt ein Kleid heraus und bittet die Kundin, also Deine Frau, damit zur Kasse zu gehen. Was würde die dann wohl sagen…?“
Vermutlich währe die Frau des Werbers gut beraten sich an die Empfehlung der Verkäuferin zu halten. So, wie der Kunde gut beraten währe sich an die Empfehlung des Werbers zu halten
… Das beide das nicht immer tun sieht man daran, dass durch die Innenstädte Frauen wie Presswürste laufen, weil die 36er Figur leider nur gefühlt ist und der Spiesser hier wöchentlicht schlimme Machwerke der Zunft aufspiessen muss.
Ich wünsche des Spiessers Freund jedenfalls viel Erfolg bei seinem Pitch und möge der Kunde einsichtig sein und das Gute erkennen…
Wen zitierte Karl Lagerfeld mit “Mache nie ein schlechtes Kleid. Jemand könnte es kaufen.”? Ich weiß es nicht. Ebenfalls einer seiner Grundsätze “No second option”
Das ist sicherlich ein guter Grundsatz. In der Werbung geht es aber auch im unterschiedliche Strategien, die bedient werden sollen.
Im Grunde kann es auf ein exaktes Briefing nur eine passende Kampagne geben. Nur: Briefings sind nicht exakt. Meist sind sie schwammig und schlecht. Aber auch das beste Briefing bietet Interpretationsraum, den die Werbung kreativ beleben kann. In der Boutique gibt es für die Dame eben auch das perfekte Abendkleid und die perfekte Businessrobe.
Ein Problem entsteht dann, wenn die Kundin sich das Negligee(?) als Arbeitskleidung aussucht…man muss sie abhalten. Und ein seriöser Verkäufer kommt gar nicht erst auf die Idee, ihr das anzubieten.
Auf die Werbung übertragen, heißt das, biete deinem Kunden nicht alles an, was ihm irgendwie gefallen könnte. Pro Strategieansatz exakt eine Kampagne. Und das nur, wenn es mehrere gleich starke Strategien gibt. Gibt es die nicht, gibt es genau eine Strategie und eine Kampagne.
Alle weiteren wären logischerweise schlechter. Und wenn der Kunde sie nicht will, muss er halt woanders hingehen.
Dafür muss sich die Agentur hinterher nicht schämen.
Leider trauen sich die Agenturen das meist nicht, wahrscheinlich können sie es sich auch nicht leisten, weil sie einen großen unterhalten müssen.
Das ist verständlich. Wenn es aber dazu führt, dass man auf jeden Fall 3 Kampagnen hinträgt, nur um 3 zu haben, ist die Gratwanderung schief gelaufen.
@ seven
“Biete deinem Kunden nicht alles an, was ihm irgendwie gefallen könnte.” “Und wenn der Kunde sie nicht will, muss er halt woanders hingehen. Dafür muss sich die Agentur hinterher nicht schämen.”
Zitat von einem, der genau so gedacht hat wie du: “Früher war ich bei Springer & Jacoby, heute bin ich bei Hartz IV.”
Warum konservativ-klassische Werbeagenturen verschwinden werden… Weil die Kunden bereits heute und noch mehr morgen gut beraten werden möchten. Denn die Produktionsleistung ist immer nur so gut wie Konzept und Strategie dahinter.
Das Agenturdienstleistungsportfolio verschiebt sich daher mehr in diese Richtung: Kreative Konzeption und Strategie mit Blick aufs Besondere.
Die Standardlösungen und Standard-Marketingbereiche (Flyer, Plakat, Anzeige, einfache Kampagnen-Website, Application, Game oder Banner) werden Stück für Stück automatisiert. Das geht bis hin zur komplett automatisierten Generierung oben benannter Marketing-Standards mittels Software in wenigen Jahren (erste Ansätze gibt es bereits).
Und auf der anderen Seite nehmen die Kunden selbst sowie die Werbeplatz-Anbieter den klassischen Agenturen Arbeit ab durch Einrichtung eigener Marketingabteilungen.
Layouts bis hin zur Anzeigenschaltung/Publishing automatisieren? Klar, Softwares und Rechner sind mittlerweile intelligent genug dafür. Und wenn etwas machbar ist dann wird es irgendwann auch gemacht. Menschen werden immer alles, das sich automatisieren lässt, auch irgendwann automatisieren. Das ist leider immer schon so gewesen – und erreicht nun auch die Werbebranche.
Nicht heute, aber vielleicht in 1-2 Jahren und sicher sichtbar in ca. 5 Jahren.
Dafür verbreitert sich das Business der Strategie-, Beratungs-, Konzept- und Kreativ-Agenturen. Diesen Wandel erleben wir übrigens auch direkt in der Pitch-Beratung für Agenturkunden.
Diskutiert wird das auch grad hier: http://www.trendquest.eu/on/Wa.....n-294.html
Bereiten wir uns also lieber vor auf die Zukunft.
Bis dahin für alle eine gute Zeit!
Walter Matthias Kunze
Nur weil man eine größere Auswahl präsentiert, wie die Fressbuden auf Mallorca ihre “Platos Combinados”, wird das Ergebnis nicht besser. Oder hat dort schon mal jemand von Euch exquisit gespeist ?
Selbst ein exaktes Briefing erzeugt nicht DIE EINE Lösung. Ich weiß aus dem Textbereich: Man kann dem Wunsch eines Kunden zu 100% entsprechen und sogar einen genialen Text zaubern. Trotzdem gibt es immer mindestens zwei andere Möglichkeiten, die das Ziel genauso genial treffen würden.
Und hier kommt immer Gusto ins Spiel. Der des Texters, des Konzepters, der des Agenturchefs. Denn seien wir ehrlich: BEGRÜNDEN, warum diese eine Idee die beste ist, das ist nicht Konzept-, sondern Verkaufsarbeit. Psychologie. Und das “Wir erzeugen das Optimum, wo wir sind, muss daher vorne sein”-Gehabe ebenfalls. Sowas kann gut gehen, muss aber nicht. Im Grunde spart es Arbeitszeit und kommt dem Umsatz zugute. Das ist wohl der wahre Kern hinter dieser *räusper* Philosophie.
Des Spießers Beispiel hier ist jedenfall in meine Linkliste gewandert und wird jedesmal dann hervorgeholt, wenn z. B. ein Designer mal wieder keine Lust hat, einen Alternativentwurf zu erstellen ;o)))
@ AndreasK
Vielen Dank für die Bestätigung. Wenn es wirklich so wäre, dass es auf Grund eines Briefings nur eine einzige mögliche Lösung gibt, dann müssten alle Agenturen, die am Pitch teilnehmen, auch dieselbe Lösung präsentieren.
Also, ich finde ja das Gespräch super interessant. Einerseitz die aussage des Mannes:
//Ich sage: ‚Sie haben mit uns die beste Agentur zur Präsentation eingeladen. Und diese Agentur hat für Sie die beste Kampagne gemacht. Würden wir Ihnen eine zweite Möglichkeit präsentieren, dann würden wir damit zeigen, dass wir selbst nicht überzeugt sind von dem, was wir Ihnen gerade vorgestellt haben!//
ist doch sehr selbstbewusst und ganz erlich, ich kann ihn sogar verstehen, es würde mit einer Alternative wirklich gezeig werden, dass sie selbst nicht von Ihrem Tun nicht überzuegt sind.
aber das gegenargument mit der Boutique ist sehr überzeugend.
Okey, in der Medienwelt geht es etwas anders zu als in der Realen, trotzdem grundsätztlich kommt es auf das selbe hinaus.